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Kultur Regional Buchpreisträger Saša Stanišić nutzt die Verleihung für klare Worte über Peter Handke
Nachrichten Kultur Kultur Regional Buchpreisträger Saša Stanišić nutzt die Verleihung für klare Worte über Peter Handke
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20:34 14.10.2019
Moment der „immensen Freude“: Saša Stanišić bekommt für seinen Roman „Herkunft" den Deutschen Buchpreis. Quelle: Andreas Arnold/dpa
Frankfurt am Main/Leipzig

Es gibt ihn auch in diesem Jahr: einen Roman, auf den sich alle einigen können. Der Deutsche Buchpreis für den Roman des Jahres geht an den Schriftsteller Saša Stanišic für „Herkunft“. Er freue sich „wirklich immens über den Preis“, sagte er am Montagabend bei der Verleihung in Frankfurt am Main.

Doch es geht ihm nicht gut. Und das liegt nicht an der Schilddrüsenentzündung, die ihn quält, sondern an einem anderen Preis, „der eine kleine Spur wichtiger ist. Den hat einer bekommen, der mir meine eigene Freude vermiest“, sagt Stanišic.

Wirklichkeit und Lüge

Er meint den Literaturnobelpreis für Peter Handke. Und er bittet „um Nachsicht“, dass er die Öffentlichkeit nutze, sich „kurz zu echauffieren“. Nämlich deshalb, weil er, Stanišic, „das Glück hatte, dem zu entkommen, was Peter Handke in seinen Texten nicht beschreibt“.

Er ist 1978 in Višegrad geboren und 1992 nach der Besetzung durch bosnisch-serbische Truppen mit seinen Eltern nach Heidelberg geflohen. Das spielt in „Herkunft“ eine Rolle. „Dass ich hier heute vor Ihnen stehen darf, habe ich einer Wirklichkeit zu verdanken, die sich dieser Mensch nicht angeeignet hat“, sagt er über Handkes Werk und: „Das ist komisch, dass man sich die Wirklichkeit so zurechtlegt, dass dort nur noch Lüge besteht. Das soll Literatur eigentlich nicht.“ Er feiere gern eine Literatur, die Zeit beschreibt. „Diese Zeit ist so, wie Handke sie im Fall von Bosnien beschreibt, nie gewesen“.

„Nicht allein mit dieser Erschütterung“

So spricht der Preisträger, der ein Buch über das Werden eines Autors und über das Finden einer neuen Sprache verfasst hat, wie Jurorin Daniela Strigl sagt, in wenigen Sätzen über Moral, Können und Verantwortung. Er hat das schon mit seiner Literatur getan, doch die Verleihung zu nutzen ist das Erheben der Stimme, wie es viel zu selten vorkommt.

„Ich bin nicht allein mit dieser Erschütterung“, sagt er, „und das freut mich.“ Und das passt zur Begründung der Jury, die Stanišic auszeichnet, weil er mit viel Witz den Narrativen der Geschichtsklitterer seine eigenen Geschichten entgegensetze, sein Selbstporträt mit Ahnen werde so zum Roman eines Europas der Lebenswege.

Die Finalisten

Unabhängig davon, was man von Vorauswahl und Entscheidung hält – die Jury setzt immer ein Zeichen. So oder so. Das hat sie schon mit der sogenannten Shortlist getan, der eine Longlist von 20 Titeln vorausgegangen ist. Den einen deutschsprachigen Roman des Jahres kann es nicht geben, aber es gibt sechs Romane, die ins Finale kamen, weil die Jury sie für relevant und für gut hielt und vielleicht auch für gut zu verkaufen: Das sind neben dem Gewinner noch „Das flüssige Land“ von Raphaela Edelbauer, „Kintsugi“ von Miku Sophie Kühmel, „Nicht wie ihr“ von Tonio Schachinger, „Winterbienen“ von Norbert Scheuer und „Brüder“ von Jackie Thomae.

Womöglich sollte auch Ausgewogenheit demonstriert werden (was Jury-Sprecher Jörg Magenau am Abend „dementiert“): Es sind drei Autorinnen und drei Autoren, drei Debütanten und drei etablierte Schriftsteller, drei sind unter 30 Jahre alt, drei über 40. Ihre Themen lassen sich grob unter „Suche nach Herkunft“, „familiäre Zusammenhänge“ und „Identität des Mannes“ verschlagworten.

„Repräsentativ für das, was zur Zeit geschrieben wird“, wie Magenau sagt. Aus seiner Sicht „wächst eine Generation nach, die weniger ideologisch ist, dadurch vielleicht etwas offener. Das sind gute Voraussetzungen, wenn man Literatur macht.“

Aufmerksamkeit und Auseinandersetzung

In Jahren zunehmender Leseschwäche und abnehmender Denkbereitschaft ist schon das ein Zeichen: die Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzung. Und – wie immer – darf bereits die Aufmerksamkeit, die Öffentlichkeit für Literatur als Gewinn verbucht werden. Dieser Preis lebt von seiner Unberechenbarkeit, seinen Überraschungen und seiner Überzeugungskraft – das hat Heinrich Riethmüller, scheidender Vorsteher des Börsenvereins, am Abend noch einmal betont.

Den Deutschen Buchpreis gibt es seit 2005, ausgerichtet vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels. Die Verlage können bis zu zwei Titel einreichen, die zwischen Oktober des Vorjahres und September erschienen sind. Gut 200 Titel haben die sieben Juroren diesmal gesichtet. Die Auszeichnung, die stets am Vorabend der Frankfurter Buchmesse verliehen wird, gilt als Garant für Verkaufserfolg.

Die Buchmesse hat ihr Thema

Der Preis ist mit 37 500 Euro dotiert, davon erhält der Sieger 25 000 Euro, die übrigen Autoren der Shortlist je 2500 Euro. Unter den Gewinnern der Vorjahre waren „Archipel“ von Inger-Maria Mahlke, „Die Hauptstadt“ von Robert Menasse, „Kruso“ von Lutz Seiler, Eugen Ruges „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ und Uwe Tellkamps „Der Turm“.

Am Mittwoch beginnt die Frankfurter Buchmesse mit den Fachbesuchertagen. Ehrengast ist in diesem Jahr Norwegen. Nach zwei Publikumstagen wird zum Abschluss am Sonntag der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels an den brasilianischen Fotografen Sebastião Salgado verliehen. Ein großes Thema dieser Buchmesse werden die Worte des Buchpreisträgers Saša Stanišic sein.

www.deutscher-buchpreis.de

Am 21. Oktober ist Salgado um 19 Uhr in Leipzigs Altem Rathaus zu Gast.

Von Janina Fleischer

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