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Kultur Regional „Catch3000“ – modernes, brachiales Theater
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21:38 24.02.2019
Felix „The Tank“ Witzlau und Lola „Quicksilver“ Fuchs (rechts) bei der Premiere von „Catch3000“ in der Schaubühne Lindenfels Quelle: André Kempner
Leipzig

Grenzen gibt es für das Theaterkollektiv „glanz&krawall“ nicht. Keine zwischen Gattungen und Genres, nicht zwischen Klassiker und Neuzeit und erst recht keine räumlichen. Wie jedes Mal vor einer Aufführung warten die Besucher auch am vergangenen Wochenende dicht gedrängt im Foyer der Schaubühne Lindenfels, als das Ensemble sich plötzlich ins Getümmel drängt und mit dem Aufwärmen beginnt. Und das ist durchaus körperlich zu verstehen, denn es erwartet die Anwesenden nicht weniger als ein theatraler Schaukampf.

Mit „Catch3000“ bringt das Berliner Kollektiv zusammen, was eigentlich schon immer zusammengehörte: Wrestling und Theater. Große Gesten, Pathos, Schmerz – Hauptsache, die Show reißt mit. Der Ansatz gelingt und mündet in ein irrwitziges Spektakel, bei dem das Augentier Mensch voll auf seine Kosten kommt.

Stilechter Einlauf mit Lichtshow und Nebelschwaden

Die beiden Kämpfer, Felix „The Tank“ Witzlau und Lola „Quicksilver“ Fuchs, zelebrieren ihren Einlauf stilecht mit Lichtshow und Nebelschwaden, während Kommentator „Testo Steron“ (Enrico Wenzel) dem Publikum ordentlich einheizt. Der Ring ist ihrer aller Bühne – oder andersrum? Wie üblich findet der eigentliche Kampf aber dank verbaler Entgleisungen zwischen den beiden Trainern statt, zum Beispiel mit dieser Leipziger Blüte von Dennis „Schrappe“ Depta an Kontrahentin Flora „Flexy“ Pulina: „Du bist so eine schlechte Schauspielerin, man sieht, dass du bei Sebastian Hartmann gelernt hast.“ Deftig und im besten Sinne furchtlos geht es hier zu. Es wird gepöbelt und gepost ohne Schamgefühl, was durchgängig für äußerste Belustigung sorgt.

Werke von Monteverdi und Kleist gemeinsam im Ring

Vier Runden Wrestling stehen auf dem Theaterplan, beginnend mit Muslima versus Ku-Klux-Klan-Christ. Oha, schmunzelt man hinter politisch inkorrekter Hand, ist das etwa ein Statement zu gesellschaftlichen Konfliktherden? Nein, es ist der erste Bezug zur dramatischen Grundlage von „Catch3000“. Denn die Ankündigung verrät: Im Stück treten Werke von Monteverdi und Kleist gemeinsam in den Ring. Das Opernfragment „Il combattimento di Tancredi e Clorinda“ und das Trauerspiel „Penthesilea“ wurden ausgewählt, weil sie im Grunde dieselbe Geschichte haben. Eine/r tötet unwillentlich ihren/seinen als Feind maskierte/n Geliebte/n. Wer die Stücke allerdings vorher nicht kannte, kennt sie auch nach diesem Theaterabend nicht und hat dadurch keinerlei Nachteile.

Kommentare von „Testo Steron“

Nur der Schock angesichts des mächtigen Umbruchs in der Mitte des Stücks könnte noch etwas schwerer ausfallen. Da reißt „The Tank“ seiner Gegnerin im Strip-Match die Maske vom Kopf, erkennt erst jetzt ihr Frauen-Dasein, verliebt sich aber schlagartig in ihre Trainerin. Ab diesem Zeitpunkt wird fast nur noch in Kleists gestelzten Versen gesprochen und etwas mehr Theater gespielt, wo vorher Wrestlingshow und Alltagssprache dominierten.

Von diesen Brüchen lebt „Catch3000“ aber. Der Inhalt lässt der Form den Vortritt. Damit fördert Regisseurin Marielle Sterra extrem innovatives Theater zutage. Die Kämpfe kommentiert „Testo Steron“ mit Monteverdis barockem Operngesang, was der bunten Vielfalt des Stücks die Krone aufsetzt. Live-Videoaufnahmen begleiten die Darsteller hinter die Kulissen und zeigen ein weiteres Mal, dass moderne Technik eine enorme Bereicherung für das Theater ist. Und zuletzt die fulminante Schlussszene, ein Baptism-Match, in dem sich die kämpfenden Liebenden gegenseitig zu ertränken versuchen. Dafür gehen die Schauspieler wahrhaftig über ihre Grenzen hinaus, man sieht wahren Theatersport und möchte rufen: Ja! Mehr davon! So sollte modernes Theater von riesigem Schauwert aussehen.

Von Friederike Ostwald

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