Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional Claudia Bauer holt das Drama „Süßer Vogel Jugend“ in die Gegenwart
Nachrichten Kultur Kultur Regional Claudia Bauer holt das Drama „Süßer Vogel Jugend“ in die Gegenwart
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:29 07.04.2019
„Süßer Vogel Jugend“ am Schauspiel Leipzig. Quelle: Rolf Arnold / Schauspiel
Anzeige
Leipzig

Das Südstaaten-Stück „Süßer Vogel Jugend“ kam in New York zur Uraufführung, damals vor 60 Jahren. Als die Rassentrennung noch nicht gesetzlich aufgehoben war, die Stimmung freilich in diese Richtung drehte vom Norden der USA aus und sich in den Südstaaten der Ku-Klux-Klan straffte im Kampf um die weiße Vorherrschaft. Hält man sich die gesellschaftlichen Realitäten vor Augen, unter denen Tennessee Williams sein Drama schrieb, könnte man zu dem Schluss kommen, das Stück habe wenig mit der aktuellen Bundesrepublik zu tun. Hat es aber – das arbeitet Regisseurin Claudia Bauer in ihrer Inszenierung am Schauspiel Leipzig heraus. Am Samstagabend war Premiere im großen Saal.

Kleinstadt-Verstrickungen

Grottenartig öffnet sich die von Andreas Auerbach konzipierte Bühne, ein schwarzes, weit aufragendes Gewölbe, das sich bei besseren Lichtverhältnissen noch als knittrige Plasteplane entpuppen wird. Müllsackmaterial – vielleicht schon Hinweis darauf, wohin die kollektiven Denkmuster gehören, die im Laufe des Stückes in individuelle Katastrophen führen. Der Ort der Handlung, St. Cloud, Kleinstädtchen in Florida, hier gleicht er einer finsteren Vorhölle, in deren Düsternis vereinzelt und isoliert die Protagonisten sitzen, um ihre Gedanken auszubreiten.

Anzeige

Chance Wayne (Florian Steffens), aufgebrochen mit kühnen Hoffnungen, kehrt als im Show-Geschäft Gescheiterter zurück. Als Call-Boy an der Seite von Alexandra del Lago (Anita Vulesica), einst ein Star, jetzt von der Tablettensucht gezeichnet. Wayne prostituiert sich, in der Hoffnung, die alternde Filmdiva könne ihm zum späten Durchbruch verhelfen. Nebenbei will er seine Jugendfreundin Heavenly (Julia Preuss) zurückgewinnen. Heavenly ist Tochter von Boss Tom Finley, von Michael Pempelforth mit Kissen unter dem Hemd, wankendem Gang aber kompromissloser Schärfe in den Worten gespielt. Finley, der Lokalpolitiker und Parvenu, er probt seine Wahlkampfrede, hantiert mit Blut-Rhetorik. Und er will Rache an Chance, der einst Heavenly mit einer Geschlechtskrankheit ansteckte.

Atmosphärisch aufgeladene Bilder

Die Gesichter des polyphonen Stimmengewirrs werden per Video aus dem Dunkel geholt und in flimmerndem Schwarz-Weiß auf Kugeln projiziert, die hoch über der Bühne hängen wie bedrohlich schwere Denkblasen über den Köpfen. Der Pianist (Brian Völkner) sitzt derweil im Licht, eine Gestalt zwischen Horrorclown und Tod, und greift in die Tasten eines kratzig-verzerrten Flügels. Schaurige-melodische Klänge, und die Drehbühne beginnt zu kreisen.

Hausregisseurin Claudia Bauer zaubert wieder wunderbar atmosphärisch aufgeladene Bilder, zeigt mit ihrem Arrangement auf den ersten Blick die Vereinzelung der Figuren. Nur beraubt sich die Inszenierung mitunter ihrer Intensität und ihres Rhythmus mit einem Hang zu ironischen Einsprengseln in Erzählpassagen, übertourt gespielten Konflikten oder plakativen Gags, wenn Chance der zerstört erwachten del Lago erstmal auf der Sackkarre panisch eine meterhohe Sauerstoffflasche unter die Nase rollt.

Zeitlose Figureninterpretation

Bewusste Überspitzungen, auf die das schauspielerisch gut aufgelegte Ensemble nicht angewiesen ist, um aus Williams 50er-Jahre-Charakteren zeitlose Figuren herauszuarbeiten. Herausragend interpretiert Anita Vulesica ihre del Lago, die die eigenen Niederlagen nur erträgt, in dem sie Chance erniedrigt. Die wie eine Motte die Lichtquelle an der Bühnenkante sucht. Schließlich trumpft sie furios auf in einem alle Facetten zwischen Triumph und Spott auskostenden Schlussmonolog, in dem sie wie eine Shakespearsche Hexe der Gesellschaft von St. Cloud, die sie hinter sich lässt, „Kannibalen“ zuschreit. Dabei hat sie selbst einer Kannibalin gleich den jungen Chance verspeist. Steffens spielt ihn ebenfalls überzeugend als melancholischen Träumer, der sich verzweifelt am falschen Ziel festklammert und unbeirrbar in seinen Untergang steuert.

„Du willst deine Jugend zurück, aber das kannst du nicht“, analysiert seine Tante Nonnie (Annett Sawallisch). Ihr einziger kluger Satz, sonst zappelt sie im Netz der Zwänge von St. Cloud. Es gibt sie, die, die das falsche Spiel durchschauen, aber niemanden, der es beenden könnte.

Jede Zeit hat ihre Verlockungen

Jugend und Schönheit leuchtet verlockend als falsches Ideal, verführt zur Hoffnung auf Ruhm. Heute verführt weniger der Wunsch nach der Hollywood-Karriere, aber der Wunsch nach der perfekten Inszenierung des eigenen Lebens in der Welt der unendlichen Möglichkeiten erzeugt nicht minder Druck: Vielsagend wird jeder für sich von der Minikamera am Selfiestick eingefangen. Video dient hier nicht nur als ästhetisches Mittel, es steht außer für Leinwandträume vor allem für Selbstinszenierungsstrategien. Und natürlich für die Medien, den Zugang zu den Massen.

Finley entwirft seine Rede entlang der Schablone aus dem Rhetorik-Handbuch heutiger Rechtspopulisten: Er verurteile die Gewalttat an einem unschuldigen Schwarzen, verstehe aber den Impuls dahinter, für die Reinheit der weißen Rasse zu sorgen. So legitimiert und befeuert der Politiker Gewalt, die er formal verurteilt.

„Wir hissen unsere blaue Flagge“ und „es geht um unser Land“. Unser Land, nicht euer Land, zeitlose Textzeilen. Finleys Sohn Tom Junior (Roman Kanonik) singt sie lustlos beim Wahlkampfauftritt. Heavenly tanzt mit leerem Gesicht dazu. Vorgegaukelte Einigkeit. Wie sich Finleys Gefolge über die eingenebelte Bühne bewegt, das entlarvt es als feige Marionetten – gemeinsam allein in der entsolidarisierten Gesellschaft. Gelungen holt der knapp zweistündige Abend den 60 Jahre alten Stoff in die gesellschaftliche Gegenwart.

Kommende Aufführungen: 13. April, 2. Mai, 16. Mai, jeweils 19.30 Uhr, Schauspiel Leipzig; Bosestraße 1, Kartentel. 0341 1268168

Von Dimo Rieß