Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional Clemens Meyer liest aus „Sphinx“: bislang unveröffentlichte Texte Wolfgang Hilbigs
Nachrichten Kultur Kultur Regional Clemens Meyer liest aus „Sphinx“: bislang unveröffentlichte Texte Wolfgang Hilbigs
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
17:53 27.05.2019
Der Schriftsteller Wolfgang Hilbig (1941–2007)- Quelle: Frank Rumpenhorst/dpa
Leipzig

Den Dichter plagt Durst. Im Leben und erst recht im Traum. Vor dem Tor der Klostermauern erhebt er sich aus dem Schatten. Mönche heben in der Mittagshitze Wasser aus einem Brunnen, und über den randvollen Eimer gebeugt gewahrt der Dichter: sich.

„Habe ich für einen Moment in das Bild meiner Zukunft geblickt?“, fragt er und erkennt: Vergangenheit und Zukunft waren dort unten im Brunnen „zu einer einzigen Zeit zusammengeflossen. Es gab dort unten noch ein anderes Leben von mir, das den Zeiten nicht folgte, die wir uns hier im Widerschein des Tages ausgerechnet hatten.“

„Die Zisterne“ heißt dieser Text aus dem Jahr 1995, in dem Wolfgang Hilbig mit Spiegeln spielt. Insgesamt sind es drei Fassungen, eine erste von 1988. Auch zwei undatierte Gedicht-Entwürfe gehören dazu. In den früheren Varianten hat der Autor sich im Wasserspiegel klar und rein gesehen.

In der letzten aber ist es, „als starre mir ungläubig ein fremdes Antlitz entgegen“. Die Texte bilden, zum Teil mit den dazugehörigen Faksimiles, den Kern des Buches „Sphinx“: acht Veröffentlichen aus dem Nachlass des Schriftstellers, der 2007 im Alter von 65 Jahren starb.

Gemeinschaftsprojekt

Das Buch ist ein Gemeinschaftsprojekt von Connewitzer Verlagsbuchhandlung und Wolfgang-Hilbig-Gesellschaft, am 28. Mai wird es in Leipzig vorgestellt von Verleger Peter Hinke, Schriftsteller Clemens Meyer und Herausgeber Michael Opitz. Meyer (41) betont den literarischen Einfluss Hilbigs auf sein Schreiben und hat das Nachwort für dessen Roman „Ich“ geschrieben – Band 5 der Werkausgabe bei S. Fischer.

Die ebenfalls dort erschienene Hilbig-Biographie stammt von Michael Opitz. Der Literaturwissenschaftler, Jahrgang 1953, Mitautor der „Deutschen Literaturgeschichte von den Anfängen bis zur Gegenwart“ und Mitherausgeber der Anthologie „In diesem Land. Gedichte aus den Jahren 1990–2010“, steuert als „Sphinx“-Herausgeber das Nachwort bei.

Knapp erinnert er an biographische Daten des 1941 in Meuselwitz Geborenen, der eine Doppel-Existenz als Heizer und Schriftsteller lebte und in der DDR zunächst nicht publizieren durfte. Sein Lyrik-Debüt „abwesenheit“ kam 1979 bei S. Fischer in Frankfurt am Main heraus.

Maß der Heiterkeit

Als 1983 Hilbigs Gedichtband „Stimme Stimme“ bei Reclam Leipzig erscheinen konnte, fehlte eine der nummerierten Strophen seines Gedichtes „das meer in sachsen“. Zensur – für jeden sichtbar, der bis drei zählen konnte. Nach Franz Fühmann (der ihn Arm in Arm mit Rimbaud und Novalis durch die Tagebauwüste ziehen sah) war es, wie Opitz schreibt, Stephan Hermlin, der sich für das Erscheinen des Werks einsetzte, unter anderem mit dem Argument, viele große Dichter, gerade in der deutschen Literatur, würden auf der Strecke bleiben, wenn man sie „nach dem Maß der Heiterkeit messen würde oder der Zuversicht, die sie aufzuweisen haben“. 1985 übersiedelte Hilbig nach Westdeutschland, veröffentlichte Gedichte, Erzählungen, Romane. Und blieb – nicht nur für den Leipziger Kollegen Thomas Böhme – die „zärtlichste Stimme“ der Finsternis.

Herausgeber Opitz erwähnt Hilbigs Interesse für Franz Kafka oder E.T.A. Hoffmann und zieht die Linie zum gespaltenen Individuum, das sich beobachtet fühlt und verunsichert. Zu Hilbigs Zeiten durch Stasi-Überwachung, in heutigen Tagen als „medial verwaltetes und überwachtes Ich“. So wie der Ich-Erzähler in „Sphinx“.

Phantastische Schauergeschichte

Im Nachlass fand sich nur diese zweite Fassung aus dem Jahr 1983. „Bei meiner Ankunft, als der Mittag dämmerte, habe ich zu hinken begonnen und mich schier unstillbar durstig gefühlt. Es war, als sei mir ein blaues, irgendwie meerhaftes Gefühl um die Füße gesunken, als würden meine Gedanken vor einer Beschreibung kommender Eindrücke versagen müssen ...“ beginnt er, um schon bald in eine phantastische Schauergeschichte hinüberzugleiten.

Denn ein Besuch beim befreundeten Dichter A. wird zum Ringen mit sich selbst. Mit einem Ich, verdoppelt durch Spaltung. Entdeckt der Besucher zunächst die Trümmer der Arbeits-Behausung, Resultat einer Zerstörungsorgie, darin Waffen aller Art und das Manuskript einer „äußerst gewagten Umdeutung“ von Oscar Wildes Gedicht „Sphinx“, offenbart sich im Rausch aus Ermüdung, Drogen und Schmerz das abhandenkommende Ich des einen im Körper des anderen.

Übernahme der Persönlichkeit

„Es war ein Augenblick, in dem ich mich erkannte, jener, in dem das Phantom, Ich genannt, in meinen Körper schlüpfte, um sich dort zu verpuppen.“ Hilbig schreibt von der „Übernahme der Persönlichkeit durch die Gesellschaft“ und überlegt, ob „das Wesen in mir lediglich ein geistiger Stoff ist“ oder „einfach eine alte Geschichte, in der die Wasser aufgerufen werden, die Pflanzen, die Steine, alle die vormenschlichen Denkmäler, die aus Hieroglyphen zu entschlüsseln sind“. Die Sphinx ist nicht das ungeheuerlichste dieses Albtraums .

Auch in der Erzählung „Peking II“, in der unter der echten eine unbewohnte Simultanstadt existiert, spiegelt sich ein Gesicht – hier in der Scheibe der Straßenbahn. Noch eine Verdopplung, die Mensch und Welt voneinander trennt. Immer wenn sich das Ich in den Möglichkeiten spiegelt, sieht Wolfgang Hilbig ein „anderes Leben von mir“. Diese Zusammenstellung aus dem Nachlass bezeugt im Erkennen des Fremden Vertrautes und ermöglicht auch deshalb einen großen Gewinn.

Buchpremiere „Sphinx“ mit Clemens Meyer und Michael Opitz: 28. Mai, 19.30 Uhr, Kesselhaus Schleußig, Holbeinstraße 29

An Wolfgang Hilbigs zwölftem Todestag am 2. Juni wird in Meuselwitz ein Gedenkstein für enthüllt, die Festrede hält der Schriftsteller Wilhelm Bartsch (15 Uhr, Rudolf-Breitscheid-Straße)

Wolfgang Hilbig: Sphinx.Texte aus dem Nachlass. Herausgegeben von Michael Opitz. Connewitzer Verlagsbuchhandlung; 84 Seiten, 12 Euro

Von Janina Fleischer

Künstlerisch ausgesprochen geglückt – und politisch auch: Das Off-Europa-Festival hat nun in Leipzig, Dresden und Chemnitz eine Woche lang zeitgenössische Kultur Israels ausgemessen.

27.05.2019

Millionen DDR-Kinder kannten sie und liebten ihre Stimmen: Friedgrad Kurze erweckte die Ente Schnatterinchen zum Leben. Jetzt ist die Schauspielerin und Sprecherin im Alter von 91 Jahren gestorben.

27.05.2019

Die Entdeckung der Saison: Antonín Dvoráks 1899 uraufgeführt Märchenoper „Katja und der Teufel“ am anhaltischen Theater in Dessau ist trotz einiger Schwächen die Reise wert..

27.05.2019