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Kultur Regional „Cold War“ räumt ab
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13:12 16.12.2018
Der große Gewinner: Fünf Preise für Pawel Pawlikowski und das polnische Kino-Melodram „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“ beim 31. Europäischen Filmpreis.
Der große Gewinner: Fünf Preise für Pawel Pawlikowski und das polnische Kino-Melodram „Cold War – Der Breitengrad der Liebe“ beim 31. Europäischen Filmpreis. Quelle: Laura Leon/AP/dpa
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Sevilla

Es war ein langer Abend. Drei Stunden im Teatro de la Maestranza von Sevilla. Wer in die andalusische Stadt geht, der bucht Flamenco. Europas Filmakademie reiste am Sonnabend für ihre 31. Preisgala – und bekam Flamenco satt. Am Ende der überlangen Show gab es wohl nur noch Flucht vorm dauernden Hackenklackern.

Dass die drei Stunden sich zunehmend wie 30 anfühlten, lag an den vornehmlich müden Scherzen, mit denen fünf Darsteller (aus Deutschland Tom Wlaschiha) die Lücken zwischen den 23 Ehrungen füllten. Gelegentlich trat – schwarzes Kleid mit reichlich Tüll – Almodovar-Star Rossy de Palma auf die Bühne, tanzte, sang, sprach matte Texte und wollte sexy sein.

Ganz schlimm wurde es, als sie zusammen mit Spaniens TV-Spaßnudel Carlo Areces ihre Kollegin Carmen Maura (Preis fürs Lebenswerk) mit drittklassigen Schlagern angestrengt ansang. Das zauberte der so geehrten 73-Jährigen Tränen in die schönen Augen.

Wim Wenders, Präsident der Europäischen Filmakademie, war mit Frau Donata Wenders nach Sevilla gekommen. Quelle: Laura Leon/AP/dpa

Erfrischend die Danksagung von Carmen Maura, die vor Freude übersprudelte, spanisch sprach, englische und französische Brocken einwarf und sich ständig dafür entschuldigte. So munter war wenig in der – gegenüber 2017 in Berlin – einfallslos, trocken und reichlich matt dahinrollenden Show. Wim Wenders verbeugte sich vor dem 85-jährigen Regisseur Constantin Costa-Gavras („Z“, „Das Geständnis“), der – so Wenders – wie kein anderer Unterhaltung, Action, Thriller und politische Kritik zusammengeführt habe.

Die Antwort von Costa-Gavras auf den Ehrenpreis blieb knapp und kurz. Anders als bei Brit-Star Ralph Fiennes (Preis für Beitrag zur Weltfilmkunst). Der plädierte in einer längeren Rede für ein Europa mit England: „Kann ich in England leben und Europäer sein? Mit einem leidenschaftlichem Gefühl: Ja!“

Einfach ein Meisterwerk

So ein Bekenntnis zu Europa hatte bereits zuvor Armando Iannucci, Schotte mit italienischen Wurzeln, abgelegt. Er bekam den Komödien-Preis für „The Death of Stalin“, was wohl ein Irrtum war. Es ist eher eine Polit-Klamotte der derberen Bauart. Dass Russland den Film auf den Index setzte, hat allerdings wenig mit Ästhetik zu tun, sondern mehr mit jener Zensur, die Akademie-Präsidentin Agnieszka Holland und Mike Downey, ihr Vize, ansprachen. Sie forderten erneut die Freilassung der beiden Filmemacher Oleg Senzow und Kirill Serebrennikow.

Der große Sieger des Abends kam aus Polen und hieß Pawel Pawlikowski. Sehr zu Recht. Sein einfühlsames, in Normalbild und kontrastreichem Schwarz-weiß gedrehtes Melodram „Cold War“ über eine unmögliche Liebe in Zeiten von politischen Rissen ist einfach ein Meisterwerk. Eine Huldigung an das aussterbendem Erzählkino. Bester Film (wie Pawlowskis „Ida“ 2014), Regie (wie schon in Cannes), Drehbuch, Schnitt, Darstellerin. Johanna Kulig stand allerdings nicht auf die Bühne. Sie ist im siebenten Monat schwanger und bekam Flugverbot. Da die 36-Jährige den Preis erhielt, ging Marie Bäumer („3 Tage in Quiberon“) leer aus.

Tomasz Kot als Wiktor und Joanna Kulig als Zula in einer Szene des Films „Cold War - Der Breitengrad der Liebe". Quelle: Neue Visionen/dpa

Preise für Deutschland blieben ohnehin kärglich. Was angesichts der Produktionen wohl niemand wundert. Der Preis für Filmmusik ging an „3 Tage in Quiberon“, der für Sounddesign an „Der Hauptmann“.

Dass als bester Dokfilm aus einem politisch durchaus aufgeladenen Wettbewerb ausgerechnet „Bergman – A Year in a life“ von Jane Magnusson hervorging, hat sicher mit Ingmar Bergmans 100. Geburtstag in diesem Jahr zu tun. Dass das schludriges Porträt „A Woman captured“ über eine behauptete Haussklavin in Ungarn im Dokfilmbereich gesetzt war, wirft wieder einmal Fragen auf, wie in der Akademie überhaupt ausgewählt wird.

Auffallend bereits in den Nominierungen, dass Skandinavien stark vertreten war („Border“, „The Guilty“), während das hoch interessante, spannende, realistische Kino aus Osteuropa unterrepräsentiert blieb („Ein Tag“, „Scary Mother“ waren dabei).

Fatale Nominierung

Auch Frankreich und Spanien fehlten weitgehend, während aus Italien der zweite Sieger des Abends kam. Natürlich nicht der doch sehr überschätzte „Glücklich wie Lazzaro“, eine Hommage an Italiens Neorealismus von Alice Rohrwacher um Herren und Diener, sondern „Dogman“ von Matteo Garrone um einen Hundefrisör, Gewalt und Mafia: Darstellerpreis für den kleinen Marcello Fonte, Preise für Kostüme, Haare, Maske.

Als Europäische Entdeckung gefeiert wurde das Drama „Girl“ des Belgiers Lukas Dhont um einen Jungen, in dessen Körper ein Mädchen steckt, In diese Kategorie verirrt hatte sich aus unerfindlichen Gründen auch„Touch me not“, ein hölzernes Homemovie, das nur als Werbung für Psycho-Therapeuten taugt und zur Berlinale die Kinos leer fegte. In Zeiten von Netflix eine ganz fatale Nominierung.

Gewinner des 31. Europäischen Filmpreises

Bester Spielfilm: „Cold War“ von Pawel Pawlikowski (Polen); Beste Komödie: „The Death of Stalin“ von Armando Iannucci (Großbritannien); Beste Schauspielerin: Joanna Kulig („Cold War“); Bester Schauspieler: Marcello Fonte („Dogman“); Beste Regie: Pawel Pawlikowski („Cold War“); Bestes Drehbuch: Pawel Pawlikowski („Cold War“); Bester Dokumentarfilm: „Bergman - A Year in a Life“ von Jane Magnusson (Schweden); Bester Animationsfilm: „Another Day of Life“ von Raul de la Fuente und Damian Nenow (Spanien/Polen); Bester Debütfilm: „Girl“ von Lukas Dhont (Belgien); Beste Kamera: Martin Otterbeck („Utoya 22. Juli“); Beste Filmmusik: Christoph M. Kaiser und Julian Maas („3 Tage in Quiberon“); Bestes Sounddesign: André Bendocchi-Alves und Martin Steyer („Der Hauptmann“); Bester Schnitt: Jaroslaw Kaminski („Cold War“); Bestes Szenenbild: Andrey Ponkratov („Leto“); Bestes Kostümbild: Massimo Cantini Parrini („Dogman“); Bestes Maskenbild: Dalia Colli, Lorenzo Tamburini und Daniela Tartari („Dogman“); Beste visuelle Effekte: Peter Hjorth („Border“); Europäischer Beitrag zum Weltkino: Ralph Fiennes; Ehrenpreis für das Lebenswerk: Carmen Maura; Ehrenpreis von EFA-Präsident und -Vorstand: Constantin Costa-Gavras

Von Norbert Wehrstedt