Corona-Arienabend der Oper Leipzig im WEstbad
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Kultur Regional Viel zu kurze 70 Minuten mit dem Opernensemble und dem Gewandhausorchester
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Corona-Arienabend der Oper Leipzig im WEstbad

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11:32 21.06.2020
Corona-Kreise im Westbad. Mittendrin: Jonathan Michie als Papageno. Quelle: Foto Tom Schulze/Oper Leipzig
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Leipzig

So macht man aus der Not eine Tugend: Der Boden im MuKo-Exil Westbad ist flächendeckend mit Kreisen beklebt. Sie umziehen die Bistrotische mit den maximal zwei Stühlen daran, sie gliedern die Bühne. Und sie sehen fast aus wie Deko. Dabei grenzen sie Menschen aus und ab: Pro Kreis darf einer, dürfen maximal zwei Partner sich aufhalten, im nächsten beginnt das nächste Corona-Schutz-Gebiet. Knapp 50 Besucher passen so vor die Bühne fürs Programm „Das klinget so herrlich“, mit dem die Oper Leipzig am Wochenende zweimal „Die schönsten Arien der Opernliteratur“ präsentierte.

Hitparaden-Puzzle

Das klingt nach einem altmodischen sorglos zusammengeschraubten Hitparaden-Puzzle. Und es ist genau das, von Martin Petzold, der wenig liefert, was nicht auf dem Programmzettel stünde, knapp und steif moderiert – aber immerhin mit einigen Dönekens aus dem eigenen Sänger und Schwimmerleben garniert. Kurzum: D eine wirklich schöne Corona-Kulisse unter dem fragwürdigen Deckenfresko. Und doch ist sie mit dem ersten gesungenen Ton vergessen.

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Musikalische und emotionale Intelligen

Bianca Tognocchi trägt ihn vor, er kommt aus Gildas Arie „Caro nome“ aus Verdis Rigoletto – und er schafft sofort die Illusion, in einer richtigen Oper zu sitzen, unbeschadet von Abstandsregeln und Ansteckungsangst. Denn Tognocchi gehört zu den Sängerdarstellern, deren musikalische und emotionale Intelligenz nicht Töne reproduziert oder bestenfalls Linien, sondern Seelen-Tableaus zeichnet.

Zweimal Sopran, dreimal Tenor-Weltniveau

Sie ist nicht die einzige mit dieser seltenen Gabe im derzeitigen Ensemble der Oper Leipzig: In Gestalt Olena Tokars, die Vitellias „Non più di fiori“ in große warme Töne von erhabener Kraft und Schönheit gießt, macht noch ein zweiter Sensations-Sopran im Westbad Station. Und an der Tenor-Front gibt es gleich dreimal Weltniveau: Der feine, geschmeidige, farbsatte Matthias Stier mit Nemorinos Flüchtiger Träne aus dem Liebestrank, der viril und erdig singende Alvaro Zambrano aus Chile mit Carlos Guastavinos unwiderstehlichem Charakterschlager „Pampamapa“ und der doppelbödig elegante Dan Karlström mit Ernestos Serenade aus Donizettis Don Pasquale.

An vielen Häusern schätzte man sich schon glücklich, hätte man einen und/oder eine aus dieser Liga unter Vertrag. Zumal mit Patrick Vogel als Don José (Carnen), Randall Jacobsh als Zaccaria (Nabucco), Magdalene Hinterdobler als Agathe (Freischütz), Sandra Janke als Dorabella (Così), Sandra Maxheimer als Cherubino (Figaro) und Jonathan Michie als Papageno (Zauberflöte) auch der Rest vom Sängerfest nichts anbrennen lässt.

Schöne Minimal-Arrangements

Das gilt ebenfalls für die Kammer-Delegation des Gewandhausorchesters, die gemeinsam mit den Opern-Pianistinnen und Pianisten Samuel Emanuel, Stefan Knoth und Marianne Salmona den Arienabend um den bemerkenswert flexibel begleitenden Konzertmeister Andreas Seidel mit schönen Minimal-Arrangements trägt, die den jeweils nötigen obligaten Soloinstrumenten zu ihrem Rechte verhelfen: Volker Hemkens wunderbar weichem Bassetthorn etwa bei Mozart oder Riccardo Terzos samtigem Fagott bei Donizetti oder Fabrizio Scillas herrlichem Cello bei Verdi.

Kann das jetzt bitte vorbei sein mit diesem Corona-Mist?

So sind die rund 70 Minuten viel zu schnell vorüber – und im Grunde vergrößern sie nur die Sehnsucht nach richtiger Oper mit diesen fabelhaften Sängern und Musikern. Kann das jetzt bitte wieder vorbei sein mit diesem Corona-Mist?

Am 26. und 27. Juni präsentiert die Oper im Westbad eine „Leipziger Ballett Lounge, am 3. und 4. Juli die Schlagerrevue „Spiel’s noch einmal“, am 5. und 12. Juli die Kinderoper „Pippi Langstrumpf“, am 11. und 11. Juli erneut das Opernensemble in „Cantabile“. Karten und Infos unter Tel 0341 1261261 oder auf www.oper-leipzig.de

Von Peter Korfmacher