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Corona-Krise: Mut-Herbst der Kultur-Macher: Leipziger Kleinkunstfestivals trotzen der Krise

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18:29 18.10.2020
Hier wird am Sonntag die 30. Lachmesse, eröffnet, treffen sich die Künstler bis 25. Oktober jeden Abend nach ihren Vorstellungen auf den Kleinkunstbühnen. Quelle: Hendrik Schmidt/dpa
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Leipzig

„Auf den Fersen fragiler Normalität“ sehen sich die Macher der 44. Jazztage. „Sie finden statt. Tatsächlich.“ schreibt das Jazzclub-Team im Programmheft. wer in diesem Jahr veranstalten wolle, müsse sich flexibel zeigen und „diesem Hakenschlagenden Jahr und seinen Ereignissen zum Trotz flexibel bleiben“.

Und genau das gelingt den Veranstalter, von Jazztagen (bis 24. Oktober), Lachmesse (18. bis 25. Oktober), Off Europa (19. bis 24. Oktober), Literarischem Herbst (20. bis 25. Oktober), Dok Leipzig (26. Oktober bis 1. November), euro-scene (3. bis 8. November).

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Nur zwei Absagen bei der Lachmesse

Das Festival abzusagen sei nie eine Option gewesen, sagen alle. „Wer einmal absagt, hat die Unschuld verloren. Dann wird es auch für die kleinen Messen und Festivals schwierig, wieder Sponsoren zu finden“, sagt Harald Pfeifer vom Veranstalter-Team der 30. Leipziger Lachmesse. Die wird am Sonntagabend im Academixer-Keller offiziell mit der Verleihung des „Leipziger Löwenzahns“ an Carmela De Feo. (Lesen Sie hier ein Interview mit der Preisträgerin.) Am Nachmittag waren bereits „Legenden“ in der Pfeffermühle zu erleben: Thomas Freitag, Manon Straché und Burkhard Damrau – moderiert von Meigl Hoffmann.

Das Humor- und Satirefestival läuft unter Pandemie-Bedingungen. „Wir wollten nicht klein beigeben und sind sowohl dem Label als auch dem Publikum verbunden“, so Harald Pfeifer. Auf Künstlerseite habe es zwei Absagen gegeben. Die große Gala hätte im Schauspielhaus nur eine kleine werden können und ist deshalb auf den 23. Oktober 2021 verschoben.

Künstler verdienen weniger

Pfeifer rechnet er mit etwa 40 Prozent weniger Besuchern wegen der Hygienekonzepte an den Veranstaltungsorten: den Kabaretthäusern der Stadt. Hinzu kommen Moritzbastei, Kupfersaal, Krystallpalast Varieté (mit hauseigenem Programm) und das Haus Leipzig. In den vergangenen Jahren hatten jeweils rund 20 000 Menschen das Satirefestival besucht.

Besonders bitter für die Künstler sei, dass, wie so oft, die Anzahl der Gäste über die Gage entscheidet. „Die meisten spielen gegen die Tür, wie man in unserer Branche sagt.“ Rausgeht, was in der Abendkasse reinkommt. Sollte aber aufgrund der reduzierten Zuschauerzahl die Gage zu gering ausfallen, werde sie, so Pfeifer, mithilfe der Sponsorengelder aufgestockt.

Film und Tanz bei Off Europa

Absagen oder Streamingangebote: Viele Messen und Festivals mussten in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie aufgeben oder nach individuellen Lösungen suchen. Zum Beispiel einer Verschiebung. Wie beim sächsischen Tanzfestival Off Europa, das im Mai hätte stattfinden sollen und nun am 21. Oktober den Länderfokus „Identität Polska“ eröffnet mit drei Dokumentarfilme in der Leipziger Cinémathèque.

Zumindest in Leipzig und Chemnitz findet Off Europa statt, in Dresden war die geplante Spielstätte bereits belegt. Dennoch kann ein Großteil des geplanten Programms gezeigt werden. „Wir schaffen es gerade noch über die Ziellinie“, hofft Festival-Macher Knut Geißler mit Blick auf die Corona-Situation. Getanzt wird von Mittwoch bis Freitag, das Programm findet sich hier.

Literaturfestival schaut nach Portugal

Auch beim Literarischen Herbst vom 20. bis 25. Oktober wirkt sich die Pandemie auf das Programm und die Besucherzahl aus. In einigen Veranstaltungsorten steht wegen des Hygienekonzept gerade einmal ein Sechstel der Plätze zur Verfügung. Trotzdem kam eine Absage nicht in Frage. „Für die meisten Autoren sind die Lesungen eine wichtige Säule ihres Einkommens. Sie sind darauf angewiesen. Und auch die Leser sind ausgehungert“, sagte Mitorganisator Nils Kahlefendt.

Man gehe aber nicht blind in die Veranstaltungen und beobachte die aktuelle Lage, erläuterte er. Insgesamt 19 Lesungen und Gesprächsrunden mit 72 Mitwirkenden stehen auf dem Programm. Einen kleinen Vorgeschmack auf den Gastland-Auftritt Portugals auf der Leipziger Buchmesse 2021 soll ein portugiesischer Abend geben: Afonso Reis Cabral, Dulce Maria Cardoso, Afonso Cruz und José Luís Peixoto sind am Donnerstag im Literaturhaus Leipzig zu Gast – die Veranstaltung ist ausverkauft.

Deutliche Einschnitte bei der Dok-Woche

Die Zahlen beim Dokumentarfilm-Festival DOK Leipzig vom 26. Oktober bis 1. November zeigen deutlich den harten Einschnitt der Corona-Pandemie: Generell stehen etwa 50 Prozent der Plätze in den Kinos zur Verfügung. „Da wir weniger Leinwände bespielen, haben wir unsere Kapazität im Vergleich zu 2019 insgesamt um gut 70 Prozent reduzieren müssen“, sagte Festivalleiter Christoph Terhechte. Es werden aus Kostengründen 141 Filme gezeigt, statt der ursprünglich geplanten rund 200.

„Wir wollen stattfinden, um Kontinuität zu wahren, sowohl in den Augen unseres Publikums als auch der Branche“, betonte Terhechte, der als neuer Leiter auch neue Wege gehen will. Es sei ein Akt der Solidarität mit den Filmschaffenden, die zum allergrößten Teil nicht mit dem Herausbringen ihrer Filme warten wollten, bis die Pandemie vorüber sei. „Gerade um einen Kahlschlag in der Kinobranche und Filmbranche zu vermeiden, ist es wichtig, am Ball zu bleiben.“

Halb so viele Plätze bei der euro-scene

Wie die Lachmesse feiert auch das Leipziger Tanz- und Theaterfestival euro-scene feiert in diesem Herbst sein 30-jähriges Bestehen. Unter Corona-Bedingungen wird sich das Platzangebot wegen der Abstandsregeln um 40 bis 50 Prozent verringern. Eine Absage kam für Festivaldirektorin Ann-Elisabeth Wolff jedoch nie in Frage. „Wer für die Kunst brennt, der sagt erst ab, wenn gar nichts mehr geht“, sagte sie. Im konkreten Fall wäre es für sie ein erneuter bundesweiter Lockdown.

Zwölf Gastspiele aus ganz Europa sind geplant. „Die Künstler treten auch lieber vor wenigen Zuschauern auf als gar nicht“, ergänzte Wolff, für die es die letzte euro-scene werden wird. Die Langzeitdirektorin war von Beginn an dabei, seit 1994 leitet sie das Festival. „Es ist schon ein seltsamer Abschluss. Aber es passt zu unserem Motto ,Alles nicht wahr’, welches wir bereits vor der Pandemie ausgewählt hatten.“

Finanziell ist das Festival nicht ganz so hart getroffen wie andere, weil es durch das Kulturamt der Stadt Leipzig und die Kulturstiftung des Freistaates Sachsen finanziert wird. Der Gesamtetat liegt 2020 bei rund 570 000 Euro.

Von André Jahnke/Janina Fleischer