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Kultur Regional Cusch Jung inszeniert, Stefan Klingele dirigiert Leonard Bernsteins „On the Town“
Nachrichten Kultur Kultur Regional Cusch Jung inszeniert, Stefan Klingele dirigiert Leonard Bernsteins „On the Town“
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17:49 27.01.2019
Landurlaub in Manhattan (Bühne: Karin Fritz).
Landurlaub in Manhattan (Bühne: Karin Fritz). Quelle: Leipzig report
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Ach ja – dann vielleicht ein andermal … wird man auch in der MuKo einsehen, dass der Verständnisgewinn deutscher Texte den Schaden nicht aufwiegt, den sie der Musik zufügen. Obwohl die, die Claus H. Henneberg und John Neumeier für Betty Comdens und Adolph Greens „On the Town“ fanden, noch zu den besseren des Genres gehören. Aber sie nehmen der Musik Leonard Bernsteins den inneren Antrieb, die Geschmeidigkeit, den Witz, den Charme und die Erotik. Und, Hand aufs Herz: Die Handlung dieses Bilderbogens, der uns darüber informiert, was Gabey, Ozzy und Chip während ihres 24-stündigen Landurlaubs in New York erleben, ist nicht so kompliziert, dass ihr nicht auch im Original zu folgen wäre. Die Dialoge dürfen ja gerne dennoch deutsch sein.

Einmal quer durch New York: „On the Town“ ist ein kurzweiliger Bilderbogen mit Musik

Ein Fiat in New York

Ach ja – dann vielleicht ein andermal … wird auch in der MuKo die historische Logik regieren und nicht ein Fiat-650-Klon als Taxi durchs ansonsten von Karin Fritz (Bühne) und Aleksandra Kica (Kostüme) mit viel Aufwand, Hingabe und Detailverliebtheit ins Haus Dreilinden gestellte 40er-Jahre-New-York fahren. Werden Gabey, Ozzy und Chick nicht schon vor der Haltestelle Brooklyn Brigde die fahrende U-Bahn entern müssen. Werden die drei überdies nicht als „Gefreite“ angeredet werden, sondern als die Matrosen, die sie eben sind.

Federleichtes Nichts

Ach ja – dann vielleicht ein andermal … werden die gesprochenen Dialoge noch ein wenig knapper und präziser, kommt noch ein wenig mehr Tempo in die ganze Chose. Dann wird sich Chefregisseur Cusch Jung auch um mögliche doppelte Böden kümmern, um den ernsten Hintergrund eines 1944 uraufgeführten federleichten Handlungs-Nichts, hinter dem bedrohlich die Fratze des der Zweiten Weltkriegs grinst.

Großartige Show

Ach ja – dann vielleicht ein andermal … wird dennoch Leonard Bernsteins hinreißender Musical-Erstling „On the Town“ insgesamt kaum überzeugender geraten als bei der Premiere am Samstagabend im ausverkauften Haus Dreilinden. Denn abgesehen von diesen Meckereien bringen alle Beteiligten genau das auf die Bühne, was Intendant Ulf Schirmer zu Beginn seiner Ansprache bei der Premierenfeier lobpreist: „eine großartige Show“.

Musiktheatralischer Bilderbogen

Oh, well, da ist eine wunderbare Produktion gelungen. Ein Abend, dem man seine drei Brutto-Stunden nicht anfühlt, der vom ersten bis zum letzten Bild unterhält und mitreißt. Diese Inszenierung ist im Grunde nicht mehr als ein musiktheatralischer Bilderbogen, der von der szenisch sehr attraktiven Reede unter der Brooklyn Bridge im Nebel in die Metro, durchs Naturwissenschaftliche Museum, in die Carnegie Hall, aufs Dach des Empire-State-Buildings, in diverse Nachtclubs und schließlich nach Coney Island führt. Aber weil Cusch Jung ohne Unterbrechung immer neue szenische Einfälle auf die Bühne schubst, mal poetisch, mal albern, mal geistreich, mal grotesk, bleibt er Bernsteins Musical-Erstling dennoch nichts schuldig.

Sensationelle Darsteller

Oh, well, er kann sich dabei auf sensationelle Darsteller verlassen. Und zwar ganz gleich, ob aus dem MuKo-Ensemble wie die als beeindruckend vielseitige Patricia Klages als Miss U-Bahn Ivy Smith, der bemerkenswert tiefgründige Jeffery Krueger als Gabey, die bezaubernde Nora Lentner als Hildy Esterhazy, der erstklassige Andreas Rainer als Chip, die brüllend komische und virtuose Angela Mehling als final vom Klavier kippende Nachtclub-Trilogie, die besoffen ostpreußelnde Sabine Töpfer als Gesangslehrerin Madame Dilly, der begrenzt verständnisvolle Michael Raschle als Richter Pitkin W. Bridgework und und und. Oder als Gast wie die wunderbare Zodwa Selele als Hildy oder der fabelhafte Benjamin Sommerfeld als Ozzie.

Zum Niederknien schön

Oh, well, sie singen auch alle sehr schön, zum Niederknien schön sogar. Wie Nora Lentner mit perfekter Technik und doch ganz natürlich im Quartett „Some other Time“ ihr „Ach ja, dann vielleicht ein andermal“ stoßseufzt, das geht tief unter die Haut, wie Jeffery Krueger mit seinem schlackenlosen Musical-Tenor die Einsamkeit der Großstadt besingt, Zodwa Selele ihre Qualitäten als Geliebte und Hausfrau anpreist und Patricia Klages kopfüber ihre Solmisations-Übungen zwitschert, das lässt auch musikalisch keine Wünsche unerfüllt.

Süffige Harmonien

Oh, well, die Ensembles stehen dem in nichts nach. Das Ballett der Musikalischen Komödie tanzt die vom klassischen Broadway inspirierten Choreographien Natalie Holtoms sinnlich und ausgelassen, elegant und sexy. Der von Mathias Drechsler einstudierte Chor des Hauses bleibt Bernsteins süffigen Harmonien nichts schuldig – und das Orchester im Graben der grandios vielfarbigen Partitur des Mittzwanzigers Bernstein auch nicht.

Pure Lebenslust

Oh, well, Chefdirigent Stefan Klingele braucht ein wenig, um aus sich herauszukommen. Die Ouvertüre und der erste Teil des ersten Aktes klingen, wo sie vorwärts drängen, swingen, grooven, vor Energie dampfen und beben müssten, noch allzu korrekt. Aber die seidige Lyrik des Broadway, der Streicher-Schmelz und die Blech-Attacke des MuKo-Orchesters, entschädigen dafür vom ersten Ton an. Und bald rastet der Sound auch da ein, wo nicht Verliebtheit oder Melancholie im Zentrum stehen, sondern Witz, Ironie und pure Lebenslust.

Üppig, sinnlich, prall und souverän

Oh, well, Bernstein ließ nichts anbrennen in diesem Erstling. Von der Rumba bis zur Prokofjew-Parodie, vom Charleston bis zum Saint-Saëns-Reflex, vom Traum-Tableau bis zum Orchester-Slapstick, vom Solo-Song bis zum komplexen Ensemble-Tableau ist schon alles dabei. Das Handwerk für den Geniestreich der „West Side Story“ hat er ein Dutzend Jahre vorher bereits beisammen. Und die Dichte, mit der der große Lennie schon als Twen Melodien fand, die sich im Ohr verkanten, Harmonien, die das Herz wärmen, Rhythmen, die in die Beine fahren, Klänge, die noch lange nachhallen, lässt unbedingt den Wunsch nach mehr wachsen. Vor allem hier. Im Haus Dreilinden, das rund um Konzertmeisterin Agens Farkas über ein Orchester verfügt, das diese herrliche Musik üppiger, sinnlicher, souveräner, praller ausspielen kann als es am Broadway jemals möglich war.

Wunderbar kurzweilig

Oh, well, dieser musiktheatralische Landgang ist eine wunderbar kurzweilige Angelegenheit und endet folgerichtig mit Bravo-Geschrei, Fußgetrampel und Stehenden Ovationen für alle Beteiligten.

Vorstellungen: 1., 2., 3., 16., 17., 19. Februar, 16., 17. März, 6., 7., 24., 26. April, 18., 19. Mai; Karten (15 – 39 Euro) und Infos erhalten Sie u.a. bei der Ticketgalerie im LVZ Foyer, Peterssteinweg 19, im Barthels Hof, Hainstr. 1, in unseren Geschäftsstellen, über die gebührenfreie Tickethotline 0800 2181050 auf www.ticketgalerie.de oder an der Opernkasse sowie unter Tel. 0341 1261261.

Von Peter Korfmacher