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Kultur Regional Das Buch „500 Zugreisen“ passt in die Zeit von Greta-Effekt und Retro-Romantik
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12:00 12.08.2019
Reisejournalistin Sarah Baxter schreibt über „500 Zugreisen“. Quelle: Knesebeck Verlag
Leipzig

Ein Sternenhimmel mit Tierkreiszeichen breitet sich aus im Deckengewölbe des Grand Central Terminal, Manhattan. Ein Versprechen an Weite liegt darin, die der kathedralenartige Beaux-Arts-Bahnhof schon lange nicht mehr einlöst. Die Züge spucken zwar eine halbe Million Pendler täglich aus, aber alle aus den Vororten, man kommt nicht mal mehr bis Boston. Das Baudenkmal ist vom Fernverkehr abgekoppelt.

Züge sind der Konkurrenz durch Straße und Flugzeug nicht mehr gewachsen. Die Deutsche Bahn hat in den letzten 25 Jahren rund 16 Prozent ihres Netzes aufgegeben. Und gefühlt in 16 Jahren 25 Prozent ihrer Pünktlichkeit. Die Eisenbahn auf dem Abstellgleis. So geht die Erzählung des Niedergangs.

Nachfrage nach Nachtzügen steigt

Aber auf einmal hält der Bayerische Stationsvorsteher Markus Söder sein Fähnlein in den Fahrtwind des sich sacht regenden Zeitgeistes und greift die Idee auf, die Mehrwertsteuer auf Bahnfahrkarten deutlich zu senken.

Im Lokschuppen der Deutschen Bahn soll an einer Investitionsoffensive gebastelt werden, die eine Verdopplung der Fahrgastzahlen anstrebt. Auf der Langstrecke steigt bei Nachtzügen die Nachfrage – jenes Segment, das die Deutsche Bahn 2016 vom Gleis nahm.

Trotzdem kann man von München bis Rom durchschlafen, weil die österreichische ÖBB mit ihren Nightjets auf einigen Strecken in die Bresche sprang. Was, so zitiert der „Spiegel“ einen Unternehmenssprecher, 31 mal weniger CO2 emittiere als eine Flugreise auf gleicher Strecke.

„Erstaunlichen Renaissance“

Die Österreicher übrigens setzten auf den Nachtzug schon, bevor Greta Thunberg zur Galionsfigur des vergleichsweise klimafreundlichen Reisens aufstieg. Ebenfalls der „Spiegel“ spricht im Zusammenhang mit einem in Skandinavien diskutierten Nachtzuggesetz bereits vom „Greta-Effekt“.

Und während selbsternannte Profis wie Christian Lindner versuchen, den Öko-Impuls wegzutätscheln und das Fridays-for-Future-Engagement in gedanklicher Eingleisigkeit als Schulschwänzerei diskreditiert wird, beginnt der „Greta-Effekt“ die Sommerferienplanung ganzer Familien zu ändern.

Eine „erstaunlichen Renaissance“ des Bahnfahrens sieht das gerade auf Deutsch erschienen Buch „500 Zugreisen. Legendäre Eisenbahnfahrten weltweit“ in seinem Vorwort heraufdämmern. Die englische Reisejournalistin Sarah Baxter hat die Welt per Zug bereist, ihre Recherchen aber nicht einfach als weiteres „Die-schönsten-Strecken-der-Welt“-Hochglanz-Kompendium auf den Markt geworfen.

Legendäre Route

Für ihr handliches 400-Seiten-Werk nutzt sie die Bahn als Vehikel, um auf historischen Spuren zu reisen. Auf Linien etwa, die ganze Kontinente erschlossen haben oder zuvor unüberwindbar geglaubte Gelände meistern. Der California Zephyr etwa führt zwischen Chicago und San Francisco zum Teil auf der legendären Route, die ab 1869 den Westen eroberte.

Der Schweizer Glacier-Express, 1930 eingeweiht, steht für Pionierleistungen der Ingenieurskunst im Hochgebirge. Der Blue Train Südafrikas oder der Eastern and Oriental Express zwischen Singapur und Bangkog erinnern an feudales Reisen zur Kolonialzeit.

Von der Urgeschichte bis zum Heute

Alles erwartbare Linien, die Eisenbahnhistorie als solche thematisieren. Baxter aber verbindet mit den ausgewählten Strecken auch erdgeschichtlich oder politisch interessante Aspekte, denen sich vom Zugfenster aus näherkommen lässt.

So erklärt sich die zunächst überraschende Einteilung des Buches in sechs Epochen von der Urgeschichte bis zum Heute, vom Wüsten-Express Namibias, der durch die älteste Wüste der Welt rattert, bis zum Reunification Express Vietnams, der als Symbol für die Wiedervereinigung des Landes nach dem Vietnam-Krieg 1976 wiedereröffnet wurde. Er schlängelt sich durch wilde Natur und kratzt in Hanoi fast an den Eingangsstufen der anliegenden Häuser.

Zwischen raumgreifender Transkontinentalbahn, touristischem Schmalspurbetrieb und Kalkuttas verbeulter Straßenbahn von 1902, zwischen kompakten Fakten und im Bild festgehaltenen Dampflokomotiven in Jordanien oder prunkvollen Salonwagen entsteht Eisenbahn-Romantik, die die Lust am Reisen und Träumen auf Schienen heraufbeschwört.

Per Social Media wachgeküsst

Manchmal geht es eben nicht um den Weg von A nach B, sondern um das Reiseerlebnis selbst. Was bizarre Blüten treibt im Zeitalter der Hypes und Influencer. Der viele Jahre in Dornröschen-Schlafwandelei durch Anatolien zuckelnde Dogu Ekspresi wurde per Social Media wachgeküsst.

Er transportiert jetzt türkische Hipster – und lockt internationale Medien. Auch Baxter nimmt die Strecke in ihr Buch auf und verortet sie im Kapitel „Altertum“: Die Strecke führt durch die ehemaligen Großreiche von Persern, Byzantinern und Sassaniden.

Baxter schreibt in ihrem Buch von der Eisenbahn als „Fenster zum Heute und Gestern“. Ein Satz, der sich perfekt auf den Eisenbahn-Roman des Jahres, „Winterbergs letzte Reise“, legen lässt. Der tschechische Schriftsteller und Eisenbahn-Fan Jaroslav Rudiš war dafür in diesem Frühjahr für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Gekappte Verbindungen

Mit einem gelungenen Kunstgriff stülpt er Geist und Zugnetz der K.u.K-Monarchie über eine heutige Bahn-Odyssee. Der Held, ein besessen auf historischen Spuren wandelnder Greis, hält sich hartnäckig an seinen „Baedeker“ von 1913, der Verbindungen vorschlägt, die längst passé sind, gekappt von Krieg und vielen neuen Grenzen.

Wenn man wiederum auf Winterbergs Spuren durch Böhmen reist, leuchten durch die angelaufenen Scheiben tschechischer Triebwagen hie und da rote Mützen auf. Es handelt sich um die Kopfbedeckungen von Stationsvorstehern, die ihren Dienst in winzigen Dorfstationen leisten. In Deutschland gäbe es hier nicht einmal mehr Bahnhöfe.

Sarah Baxter: 500 Zugreisen. Legendäre Eisenbahnfahrten weltweit. Aus dem Englischen von Klaus Benz. Knesebeck Verlag; 400 Seiten, 32 Euro

Von Dimo Rieß

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