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Kultur Regional Das Ende vom „Großen Preis“
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00:19 24.01.2018
Von links oben im Uhrzeigersinn: Die Band Atlas Bird mit ihrer Trophäe, Last Chapter voll in Fahrt, die Moderatoren Jan (l.) und Chris mit Kim Jong Uns Doppelgänger samt Buchstabensuppe zum Videopreis für Lingua Nada. Außerdem Fans, denen offenbar gefällt, was auf der Bühne passiert.
Von links oben im Uhrzeigersinn: Die Band Atlas Bird mit ihrer Trophäe, Last Chapter voll in Fahrt, die Moderatoren Jan (l.) und Chris mit Kim Jong Uns Doppelgänger samt Buchstabensuppe zum Videopreis für Lingua Nada. Außerdem Fans, denen offenbar gefällt, was auf der Bühne passiert. Quelle: Foto: André Kempner
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Leipzig

Ist die Talsohle durchschritten? Immerhin, der Besuch zum „Großen Preis“ am Freitag ist deutlich besser als im letzten Jahrgang. Dennoch ist die 400 Besucher fassende Halle D nur etwa halb gefüllt. Leipzig hatte die „Band des Jahres 2017“ gewählt, in die Vorbereitung ist viel Szene-Kompetenz geflossen: Die Moritzbastei besorgte die Wahl, im Werk 2 wird die Verleihungsgala umgesetzt, das launige Moderatorenteam ist im Tanzcafé Ilses Erika zu verorten.

Es läuft einmal mehr eine lockere Late-Nite mit Musik. Die beiden fröhlichen Dampfplauderer Christian und Jan haben die Bands vorher besucht und ausgefragt, sie interviewen die Musiker auf der Bühne bei den Preisvergaben. Erstmals wird auch eine Auszeichnung für das Video des Jahres verliehen. Die gewinnen Lingua Nada, das Werk wird aber nur angespielt.

Musikalisch beginnt der Abend mit den Publikumssiegern: Last Chapter gibt es schon ein Jahrzehnt, sie stehen für eine dezibelsatte Mixtur aus amerikanisch gestyltem HC, Nu-Metal und EmoCore. Es gibt standesgemäß zwei Sänger – einen fürs Gebrüll und einen fürs Gefühl – , zwei agile Gitarren sorgen für Stakkato-Riffing und schöne Unisono-Läufe. Das Ganze in korrektem Posing und nur echt mit dem Manowar-Shirt. Die Hallen-Technik knickt nicht ein vor dieser geballten Ladung Power. Der Sound ist durchweg wuchtig, aber immer transparent. Kein Klirren, kein Mulm, bestes Equipment.

Noch ein Publikumsbringer hätte der eigentlich aus Chemnitz stammende Trettmann werden können. Doch der schon eine ganze Weile in der Dancehall-Reggae- und Hiphop-Szene aktive MC, der im vergangenen Jahr endlich in den Albumcharts landete, konnte oder wollte nicht. Die Chance nutzen souverän und abgefahren Tuggy. Ansatzlos und unverdrossen rocken sie dem verblüfften Publikum ihren weiß Gott nicht leicht verdaulichen Jazz-Prog vor die Füße. 20 Minuten darf beim Großen Preis jeder performen, da schaffen sie gerade zwei Stücke. Am Anfang denkt man an amerikanische Hippies und deutschen Krautrock, das zweite Stück könnte auf einer Party entstanden sein, auf der sie nach vielen magischen Pilzen auf einer alten Platte von Siouxsie & The Banshees hängen geblieben sind. Ein wenig verwirrend, das Ganze, aber eigentlich ziemlich cool, besonders die kanadischstämmige Sängerin Olga Kolodziej ist schlicht umwerfend.

Danach geht’s klanglich in andere Welten. Atlas Bird sind ein Trio in der klassischen Rockbesetzung aus Gitarre, Bass und Schlagzeug. Sie machen kompakte Songs von einer sanft-melodiösen Grundtraurigkeit. Der Gesamtklang ist jedoch viel breiter, als die Besetzung vermuten lässt. Nicht nur, weil alle drei gute Stimmen haben, nicht nur, weil sie auf der Bühne auch physisch alles geben, sondern weil sie ihre Lieder durch Unterfütterung mit allerlei elektronischen Flächen gern zu Hymnen heben. Das klingt groß, wenn es aufgeht, das letzte Stück „Voyage“ ist so ein Beispiel. Ein griffiger und trotzdem schwer zu beschreibender Sound: James Blunt trifft Barclay James Harvest, sagte der Vergleich und hinkte davon.

Es folgen White Wine, das Trio um den Wahl-Leipziger Joe Haege aus Los Angeles. Leider ist ein Partner verhindert, sie bestreiten das Konzert im Duo. Ihr Brachialminimalismus knistert vor Spannung, er sprüht von Musikalität, aber auch von dem Willen, Normen zu brechen. Das hat Anspruch, aber es beansprucht auch. Einige Connaisseurs wiegen mit gespitzten Lippen und halb geschlossenen Augen das weise Haupt, die Last-Chapter-Gemeinde verflüchtigt sich.

Die anderen beginnen, Resümee zu ziehen. Man hat zweifellos großartige Bands erlebt. Aber wirklich die Spitze der städtischen Szene? Es gibt doch nach wie vor Leipziger Bands, die Publikum in dreistelliger Zahl anziehen!? Aber dergleichen Überlegungen sind zu diesem Zeitpunkt längst hinfällig.

Denn noch vor Atlas Bird tritt Torsten Reitler von der Moritzbastei ans Mikro. Er redet über die Situation von Bands, vor allem der kleinen. Über die Wichtigkeit, auftreten zu können, zum Beispiel bei Veranstaltungen wie dieser hier. Obwohl nicht ausgesprochen, schwingt unüberhörbar eine gewisse Enttäuschung darüber mit, wie wenig das Engagement der Macher vom Publikum belohnt wurde. Schließlich fällt der Satz, von dem Reitler prophezeit, dass er mit ihm zitiert werden wird. Er hat recht: „Das war der letzte ,Große Preis’ von Leipzig!“ Auf fast wundersame Weise schließt sich in diesem Moment ein Kreis: Denn eben jener Torsten Reitler war es, der als Gitarrist und Sänger seiner Band Scandalous Smile im Jahr 1991 den ersten „Leipziger Rockwettbewerb“ gewann.

Tja, das war’s dann wohl. Die Talsohle führte in einen Tunnel. Kein Lichtschein momentan, der auf dessen Ende hoffen lässt.

Von Lars Schmidt

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