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Kultur Regional Das Ethan Iverson Quartet und Tom Harrell mit ihrem Livealbum „Common Practice“
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12:22 08.12.2019
Ben Street, Tom Harrell, Ethan Iverson und Eric McPherson. Quelle: Monica Frisell/ECM
Leipzig

Das war vor zwei Jahren eine der enttäuschendsten Nachrichten der Jazz-Szene: Nach knapp zwei Jahrzehnten verlässt der Pianist Ethan Iverson das Klaviertrio The Bad Plus. Nach all den umjubelten Auftritten. Nach den Kollaborationen mit Joshua Redman oder Bill Frisell. Nach all dem sich aufs Publikum übertragenden fulminant ironischen Spaß. Nach diesen wunderbar hintersinnigen Dekonstruktionen von Popgassenhauern oder den eingängigen Eigenkompositionen.

Cover iverson Quelle: ECM

Kreativer Geist

Aber Jazz muss in Bewegung bleiben, und irgendwann hatte es wahrscheinlich anders weitergehen müssen. Jedenfalls für einen so kreativen Geist wie Ethan Iverson. Mit Mark Turner, einem der faszinierendsten Tenorsaxofonisten unserer Zeit, hat er dann die unverhofft milde Duoplatte „Temporary Kings“ aufgenommen und im Trio mit Kontrabass-Altmeister Ron Carter und Schlagzeuger Nasheet Waits das traditionelle Klaviertrio ein wenig anders durchdekliniert. Und wie nebenbei unterhält Ethan Iverson mit seinem Blog „Do the Math“ noch eine der intelligentesten Plattformen zum Austausch über aktuelle Jazzentwicklungen.

Initiationserlebnis am magischen Ort

1973 in Wisconsin geboren, war er als 18-Jähriger im Herbst 1991 erstmals nach New York gekommen. Da liebte er schon den Jazz und wusste folglich, was er zu tun hatte. Er ging ins Village Vanguard, den Club im Greenwich Village Manhattan, wo Bill Evans, Keith Jarrett, Michel Petrucciani oder Brad Mehldau aufgenommen haben, um nur ein paar der wichtigsten Pianisten zu nennen. Iverson staunte aus dem Publikum heraus eine Allstar-Band an, die besetzt war mit Joe Lovano, John Abercrombie, Rufus Reid, Ed Blackwell und Tom Harrell. Er erlebte eine unvergessliche Nacht. Was für ein Initiationserlebnis an einem magischen Ort!

Geheimtipp

26 Jahre später ist er eine Januarwoche lang selbst im Village Vanguard aufgetreten, und zwar als Bandleader mit einem großartigen neuen Pianotrio: Bassist Ben Street und Schlagzeuger Eric McPherson. Vierter im Bunde war Tom Harrell aus der nächsten Generation, der damals 1991 schon auf der Bühne gestanden hatte. Harrell ist vielleicht der perfekte Trompeter des modernen Jazz. Wäre der über 70-Jährige auf der Bühne nicht beeinträchtigt von einem Nervenleiden, würde er viel bekannter sein. Obwohl alle seine deswegen nicht so häufigen Platten Kleinode sind, ist er zeitlebens ein Geheimtipp geblieben. Aus der großen Tradition des Jazz hat er seinen originären Ton destilliert. Mit großem Überblick erzählt er damit vor der jeweiligen Band seine Geschichten. So hat er eine Vielzahl von Polls gewonnen, zum Beispiel erst im letzten Jahr den der amerikanischen Jazzjournalisten.

So funktioniert Jazz

Mit seinem Quartett nun blickt Ethan Iverson zurück in die frühen Jahre der Moderne, als traditionell geradeaus gespielt wurde. So funktioniert Jazz, möchte man sich über die Gesamtspielzeit dieser wundervollen Live-CD vor sich hin freuen und wäre gern dabei gewesen an diesen Abenden im Club. Es gibt ein Programm weithin bekannter Standards, denen Iverson zwei Eigenkompositionen im bluesigen alten Stil zuaddiert.

Sicheres Netz

Doch ergibt es bei solchen Granden dann eben doch nicht das übliche Geschäft, wenn sie sich solche Stoffe vornehmen wie Gershwins „The Man I Love“ oder „I Can’t Get Started“, wie „Sentimental Journey“, „All The Things You Are“, „I Remember You“ oder „I’m Getting Sentimental Over You“. Diese Band macht sie allesamt zu Preziosen durch Spielfreude, Neudeutung und Anverwandlung. Trompeter Harrell überträgt seine Seele auf die Melodien, kann sich in tiefer Emotionalität in Balladen versenken oder uptempo losgehen. Sein Ton schillert blechern, growlt, packt temposcharf zu, kommt auf den Punkt und funkelt von dort aus weiter. Dazu steht die Rhythmus-Section felsenfest und spannt ein sicheres Netz.

Klug austariert

Alles funktioniert in dieser beeindruckenden Liveperformance-Jazzlehrstunde, denn für Tom Harrell ist Ethan Iverson der ideale Partner. Er ist in dieser Tradition zu Hause und kann sie pianistisch ausleuchten im Bandkontext und als Solist. Und er hat dieses gleichermaßen Poetische wie Schelmische, dieses sparsam Hintersinnige, Abgezockte, über das man einfach nur staunen kann. Was für ein Pianist! Genau auf der klug austarierten Schnittstelle von Ökonomie und Virtuosität pendelt er seine Chorusse ein, dass man nicht genug davon bekommen kann. Genau wie von Tom Harrell in dieser idealen Band. That’s Jazz!

Ethan Iverson Quartet with Tom Harrell: Common Practice. ECM/Universal 26437783350

Von Ulrich Steinmetzger

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