Das Scheitern am perfekten Leben – Karikaturist Beck mit neuem Buch
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13:38 14.02.2020
Der Leipziger Karikaturist Beck.
Der Leipziger Karikaturist Beck. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Im Treppenhaus huscht eine dunkle Katze die Stufen hinunter. Zehn Sekunden später folgt Beck, die Haare deutlich länger und etwas grauer als beim Haustier. Mit einem entschuldigenden „Die Katze darf nicht raus“ eilt er vorbei, und spätestens jetzt fällt einem auf, wie viele Katzen sich in seine Cartoons mogeln. Beck, der Leipziger Karikaturist, der seinen Vornamen vor Jahrzehnten wegrationalisiert hat, montiert die Tiere in eine entlarvende Beziehung zu seinen Figuren. Zum Beispiel so: Ein Mann steht im Hochhaus am Fenster und unten will die Katze rein: „Erwäge, eine Pizza zu bestellen, damit der Fahrer die Katze ins Haus lässt ...“.

Oder: „Wir sollten langsam anfangen miteinander zu reden in dieser Familie. Es sieht ganz so aus, als ob drei von uns die Katze füttern.“ Rund wie ein aufgeblasener Luftballon watschelt die Katze über das Fischgrätenparkett. Cartoons aus „Gehänselt & gegretelt“, das in diesen Tagen beim Züricher Verlag Edition Moderne als stattlicher 600-Seiten-Band erscheint.

Aus „Gehänselt und gegretelt“ Quelle: Beck / Edition Moderne

Becks Strich verläuft dünn und präzise – um am Ende dicke und schwammige Menschen auf dem Papier zu entlassen. Ein Dreiklang aus Bauch, Glatze, Bräsigkeit. Um Bequemlichkeit geht es, um das Paradoxon aus Dauerkommunikation per Social-Media und gleichzeitiger Einsamkeit. Smartphones tauchen noch häufiger auf als Katzen in diesen Bildern, die beim Betrachter deshalb so einschlagen, weil man sich auf Abstand wähnt, auf keinen Fall mit diesen Beck-Figuren tauschen möchte – um sich beim zweiten Blick mit einigem Grusel selber darin zu erkennen.

Da liegt dann das Paar am Pool, und denkt doch nur daran, dass Zuhause eigentlich die gelbe Tonne an die Straße müsste. „Wir versuchen, unser Leben perfekt zu leben und scheitern dabei“, sagt Beck. „Das erlebe ich bei mir auch.“

Beck holt die Katze wenigstens noch selber und ruft nicht den Pizzaboten. Und er wirkt etwas später in seinem Arbeitszimmer völlig entspannt unter der Wanduhr, die Richtung nächste Deadline tickt. Zeichner-Alltag. Um 16 Uhr wird er eine Karikatur an ein Magazin liefern müssen. „Darum kümmere ich mich am Nachmittag.“

Zwei Ausstellungen bereitet Beck derzeit vor

Beck hat sich das Phänomen Eustress einmal von einem Psychologen erklären lassen, positiver Stress, der die Gedanken beflügelt und Ideen beschleunigt. Jetzt serviert er erstmal in aller Ruhe Schwarztee und entschuldigt sich, dass sich auf den aneinandergeschobenen Tischflächen kaum ein Platz findet, um die Tassen abzustellen. Originale aus dem Archiv stapeln sich neben aktuellen Entwürfen. Kreatives Chaos? „Nein“, sagt er, „das sieht nicht immer so aus. Ich bereite gerade zwei Ausstellungen vor.“

Ab 20. März zeigt das Kunsthaus Salzwedel Arbeiten von Beck. Eine Region, die für den Karikaturisten mit angenehmen Erinnerungen verbunden. Freunde renovierten in den 80er Jahren in der Altmark ein Haus. „Als Beinahe-Architekt war ich dabei.“

Beck, 1958 in Leipzig geboren, hat in Weimar erst Architektur studiert, aber nicht abgeschlossen. Er wollte Zeichner werden, wechselte an die Kunsthochschule Berlin-Weißensee. Und von seiner frühen Zeit als Zeichner erzählt die zweite Ausstellung: Ab 30. April widmet sich das Bröhan-Museum Berlin der kurz vor der Wende gegründeten Künstlergruppe „PGH Glühende Zukunft“.

Anke Feuchtenberger, Henning Wagenbreth, Holger Fickelscherer und eben Beck gehörten dazu. PGH stand in der DDR für Produktionsgenossenschaft des Handwerks, und Handwerk, sagt Beck, sei das Einigende gewesen der stilistisch heterogenen Gruppe. Während das Digitalzeitalter begann, produzierte die Gruppe mit herkömmlichen Drucktechniken Plakate, Illustrationen, Comics. Feuchtenberger und Wagenbreth haben später den internationalen Durchbruch geschafft und lehren an Kunstakademien.

„Ich merkte, dass ich ein Witzzeichner bin“

Beck hat diesen Weg nie verfolgt. „Ich merkte, dass ich doch ein Witzzeichner bin.“ Und heute, mehrfach mit dem Deutschen Karikaturenpreis ausgezeichnet, erzählt er schmunzelnd von seinen Versuchen, gleich nach der Wende beim Berliner Stadtmagazin Zitty zu landen. „Ohne eine Miene zu verziehen, haben die Redakteure meine Mappe durchgesehen. Das war eine gute Schule, dass sie so hart waren.“ Bei der Zitty fing er stattdessen als Grafiker an. Seine Cartoons erschienen dort erst später.

Aus der Tagespolitik hält sich Beck meist raus. „Ich zeichne keine Politiker“, sagt er. Aber der Zeitgeist mit seinen Phänomenen wie Smartphone-Dauernutzung, AfD oder Halloween-Fieber spricht aus seinem Personal: In einem Cartoon steht ein Kind mit „Global warming is happening“-T-Shirt zwischen Gruselgestalten an der Tür.

Den gesellschaftsklimatischen Wandel wiederum erfährt Beck auch in der Reaktion auf seine Arbeiten. Die neue politische Korrektheit beißt sich auch an harmloser Satire fest. Nach einer Ausstellung in der Moritzbastei erhob eine Besucherin Diskriminierungsvorwürfe, der betreffende Cartoon hängt in Becks Arbeitszimmer: „Ich wäre gern noch einmal so dick wie damals, als ich zum ersten mal dachte, ich sei zu dick“, sagt eine Frau am Strand. Ein Satz, in dem Becks Freude an der Sprache zur Geltung kommt, die in enger Symbiose mit seinen Bildwelten steht. Im Hintergrund der Karikatur schaut ein nicht minder dicker Mann mit zu tief hängender Badehose aufs Wasser. Ganz normale Beck-Figuren. Leicht absurd und nah am Leben.

Beck: Gehänselt und gegretelt; Edition Moderne. 608 Seiten, 19,80 Euro

Von Dimo Rieß