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Kultur Regional Das Unvorstellbare vorstellbar machen: Beeindruckende Premiere in Leipzig
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19:02 10.03.2019
Szene aus Jürgen Zielinskis Neuinszenierung von Jens Raschkes "Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns schaute". Quelle: Tom Schulze
Leipzig

Es ist ein gespenstischer Tiergarten, den man jetzt im Theater der Jungen Welt in Leipzig besuchen kann. Am Samstag hatte dort unter der Regie von Jürgen Zielinski „Was das Nashorn sah, als es auf die andere Seite des Zauns blickte“ Premiere. Ein Stück für Kinder ab 10 Jahre, das selbst den Blick wagt – über die Mauern der Verdrängung, Relativierung, Unwissenheit. Und das den Versuch unternimmt, eine Erzählform zu finden, in der für Kinder das im Grunde ja Unvorstellbare vorstellbar gemacht werden kann.

Man sieht sie vor sich, die Tiere dieses Zoos. Wie jedes nach seiner Art posiert vor den Kameras der Besucher. Da hebt vorne das Murmeltiermädchen putzig das Pfötchen (natürlich das rechte), während im Hintergrund die Krematoriums-Esse raucht. Oder es wirft sich der Pavian stolz in die Brust und zeigt, wie verblüffend das jener affigen Herrenmenschenattitüde ähnelt, die ja auch so mancher der uniformierten Besucher perfekt beherrschte. Damals und da oben in jenem Zoo auf dem Ettersberg bei Weimar, in unmittelbarer Nachbarschaft des Konzentrationslagers Buchenwald.

Es gab ihn wirklich, diesen Zoo. Errichtet für die SS-Wachmannschaften und ihre Frauen und Kinder. Und es sind tatsächlich gerade diese Kinder, die in Zielinskis Inszenierung von Jens Raschkes preisgekröntem Stück „Was das Nashorn sah …“ als grotesk-gespenstische Maskenwesen vollkommener Entmenschlichung erscheinen. Und wenn auch nur kurz, so aber doch mit der Wirkung eines schrillen Alptraums.

Zu schrill? Man hüte sich davor, diese Szenen allzu schnell für plakativ zu halten. Zum einen, weil es durchaus Chuzpe hat, in einem Kinderstück so derart monströse Kinderkarikaturen zu inszenieren. Wobei dann ja genau diese Monstrosität trifft, was diese Zeit war – und was sie aus vielen Menschen, Kindern inklusive, machte. Und zum anderen, weil diese fiebrigen Kurzauftritte einen inszenatorischen Kontrastpunkt zu jener stillen, auch bitteren Traurigkeit bilden, die dieses Stück grundiert. Ein Gegengewicht, das, ähnlich dem hier immer wieder trotzig aufblitzenden Humor, die Erzählwaage austariert.

Das titelgebende Nashorn, es ist längst schon tot, als der neue Bär in den Zoo kommt. Der Blick über den Zaun, rüber zum Treiben der Menschen, zu den Gestiefelten und den Gestreiften, könnte es umgebracht haben. Weshalb dann auch die anderen Tiere diesen Blick lieber nicht riskieren. Und warum auch? Man wird gehegt, gepflegt und gefüttert. Gut ist das Leben. Nur will das dieser verfluchte Bär nicht begreifen, mit seinem Gefrage und Gegrübel.

Es ist ein Areal, halb Spielwiese, halb Stacheldrahtverhau, in das Zielinski sein vierköpfiges Darstellerensemble gesperrt hat. Als Erzähler und Figuren zugleich switchen sie, von Clemens Litschko effektvoll an Schlagzeug und Percussion begleitet, in Tonfall und Rollen, bis sich über wenige Requisiten-Griffe (Bühne, Kostüm: Jasna Bošnjak) die Hauptakteure herauskristallisieren: ein herrlich cholerisches Mufflon (Benjamin Vinnen), ein gefährlich opportunistischer Pavian (Philipp Oehme), ein naives Murmeltiermädchen (Julia Sontag) und natürlich der mit seiner melancholischen Wissbegier und Moral das Gefüge des Scheinfriedens bedrohende Bär (Anna-Lena Zühlke).

Dass das nicht gut ausgehen kann, ist schnell klar, wobei Zielinskis einstündige Inszenierung einen heute seltenen Effekt erzielt: Sie wirkt weniger unmittelbar, als nachhaltig. Denn im oft Skizzenhaften der Szenen wie in der auf alle emotionale Überrumpelung verzichtenden Zurückhaltung im Spiel, liegt zugleich eine Wucht, die einfach etwas Zeit braucht, um zur Wirkung zu kommen. Kein Wunder bei dem, wovor Nashorn und Bär die Augen nicht verschließen konnten.

Weitere Termine: 11./12. März, jeweils 10 Uhr; 24. März, 16 Uhr; 25. März, 10 Uhr. Kartentel.: 0341 4866016

Von Steffen Georgi

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