Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional David Stern und der Tölzer Knabenchor beenden das Festival mit der h-moll-Messe
Nachrichten Kultur Kultur Regional David Stern und der Tölzer Knabenchor beenden das Festival mit der h-moll-Messe
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:28 13.06.2019
David Stern beim Bachfest 2011. Quelle: Gert Mothes
Leipzig

Er ist Chefdirigent der Palm Beach Opera Florida und ein gesuchter Dirigent für Bach, Händel und Telemann. Beim Bachfest gastierte David Stern (Jahrgang 1965) bereits mit der sensationellen Wiederentdeckung von Johann Christian Bachs „Zanaida“ (2011) und realisierte 2012 die Orchesterakademie „b@ch für uns“. Am 23. Juni gestaltet er mit seinem Originalklang-Ensemble Opera Fuoco und dem Tölzer Knabenchor in der Thomaskirche die traditionell das Bachfest beschließende h-moll-Messe. Das Bachfest beginnt am 14. Juni in der Thomaskirche, beschäftigt sich mit dem „Hof-Compositeur Bach“ und bietet bis zum 23. Juni rund 160 Veranstaltungen aller Art. sprach mit David Stern.

Wie unterscheidet sich Ihre Aufführung der h-moll-Messe von anderen?

Wie schon in zwei Konzerten im Dezember 2018 in Shanghai und im Januar in Paris gestalten wir sie mit dem Tölzer Knabenchor in einer weitaus kleineren Besetzung als üblich.

Sie gastieren meistens mit Ihrem Ensemble Opera Fuoco. Was sind die Vorteile bei einer Kooperation wie der mit dem Tölzer Knabenchor?

Wir beginnen schon Monate vor dem Aufführungstermin mit den Proben. Für mich ist zudem die Vertrautheit mit den Musikern sehr wichtig. Einige Knaben aus den Besetzungen in Paris und Shanghai kommen nicht mit nach Leipzig, hauptsächlich weil bei ihnen der Stimmbruch beginnt. Deshalb legte ich Anfang Mai in Bayern nochmals einen intensiven Probenblock ein. Aber von den Zehnjährigen sind alle dabei.

Die letzte Aufführung der h-moll-Messe durch den Tölzer Knabenchor liegt etwa 20 Jahre zurück. Warum der Aufwand für dieses Werk?

Ein Kind kann die spirituelle und künstlerische Dimension der h-moll-Messe nicht verstehen. Aber es hat die Ehrlichkeit und Offenheit für die Botschaft der Musik. Erwachsene schaffen diese Rückkehr zu einer ehrlichen Natürlichkeit nur durch aufwendige geistige und musikalische Vorarbeit.

Wie kam der Kontakt zwischen dem Tölzer Knabenchor und Opera Fuoco zustande?

Bei vielen meiner Dirigate der „Zauberflöte“ wirkten weltweit Solisten des Tölzer Knabenchors mit. Deren künstlerischer Leiter Clemens Haudum war von der Idee einer h-moll-Messe in Leipzig sehr angetan.

Was wird in der Thomaskirche anders?

In der Thomaskirche werden insgesamt 24 Tölzer Knaben vor, nicht wie bisher meist üblich hinter den Orchestermusikern auf der Empore stehen – wie zur Aufführung des Sanctus aus der h-moll-Messe am 25. Dezember 1724 und anderer sakraler Werke zu Bachs Lebzeiten.

Auch bei einer Messe mit – für Leipzig ungewöhnlich – katholischen statt protestantischer Liturgie?

Das betrifft nicht die Aufstellung, aber die Aussprache. Die Chöre sollen die lateinischen Texte mit der runderen italienischen Diktion, aber nicht in der die hellen Vokale und Konsonanten schärfenden deutschen Diktion singen. Also „Tschieli“ statt „Zöli“ und statt „Kürieh“ „Kirieh“. Das klingt einfach besser.

Ist das ein Bruch mit der Tradition des Thomanerchors?

Als Konkurrenz zum Thomanerchor ist die kleine Besetzung aus dem Tölzer Knabenchor nicht gedacht, eher als Alternative. In London gab Richard King zu, dass die Rekonstruktion nur zum Teil gelingen könne, weil im 18. Jahrhundert der Stimmbruch im Durchschnitt viel später einsetzte. Heute haben 13-Jährige eine physiologische Stimmkondition wie 16-Jährige zu Bachs Lebzeiten. Wir wissen in etwa, wie Bach und seine Zeitgenossen die Mitwirkenden positioniert hatten: Der Chor stand auf der Orgelempore vorne an der Brüstung, das Orchester und die Solisten dahinter. Der Chor war viel kleiner als heute, denn der Platz ist begrenzt. Wir stellen uns genau dieser Herausforderung mit einer Verteilung von etwa gleich großen Gruppen für den ersten Sopran, den zweiten Sopran und den Alt. Dazu sechs Tenöre und sechs Bässe. Bei Doppelchören halbieren wir die Gruppen. In Analogie zu den fünf Gruppen haben wir fünf Solisten statt vier.

Hat das Einfluss auf das Orchester?

Die Musiker von Opera Fuoco müssen fast zwei Stunden stehen, damit der Klang über die Chorsänger optimal in das Raumvolumen der Thomaskirche strömen kann. In nächster Nähe zu mir spielen die Holzbläser, dann die Continuo-Gruppe und dahinter die Blechbläser. Der Hornist steht für die Solostellen in den Arien vorne, ich als Dirigent an der üblichen Position. Der Chor wird je zur Hälfte links und rechts von mir stehen. Das bedeutet allerdings, dass die Sänger außen die anderen nur schwer oder gar nicht hören können. Geradezu abenteuerliche Voraussetzungen für uns. Aber zur Zeit Bachs war es so.

Wie verändert sich dadurch die musikalische Wiedergabe?

Ein gewaltiger Vorteil wird sein, dass die leiseren Stimmen nie forcieren müssen. Die Streicher werden für die meisten Hörer also leiser zu hören sein als die Chöre. Mit einer größeren Ensemblestärke könnte man diese Feinheiten gar nicht herstellen.

Was ist Ihr persönliches Ziel bei diesem Abenteuer?

Ich will damit zeigen, was für ein intimes und filigranes Werk die h-moll-Messe eigentlich ist. In dieser Kleinzelligkeit liegt ein oft vernachlässigter Aspekt ihrer Vollkommenheit. Das war das entscheidende Argument für unsere Besetzung. An den Voraussetzungen zum Verständnis von Musik selbst hat sich zwischen dem 18. Jahrhundert und heute sonst nicht viel geändert.

Abschlusskonzert des Bachfestes: 23. Juni, 18 Uhr, Thomaskirche: J. S. Bach: Messe in h-moll, BWV 232, mit Theodora Raftis (Sopran), Adèle Charvet (Mezzosopran), Andreas Scholl (Altus), Andrés Agudelo (Tenor), Laurent Naouri (Bass), Tölzer Knabenchor, Opera Fuoco, Leitung: David Stern; Konzerteinführung: 17 Uhr, Zeitgeschichtliches Forum, mit Bernd Koska; www.bachfestleipzig.de

Von Roland H. Dippel

Die Leipziger Jahresausstellung hat begonnen: Die Arbeiten von 33 Künstlern sind seit Mittwoch in der Werkschauhalle der Leipziger Spinnerei zu sehen. Nach den Kontroversen um die ursprünglich geplante Teilnahme des die AfD unterstützenden Malers Axel Krause steht jetzt die Kunst im Mittelpunkt.

12.06.2019

Hörspaziergang, Tanz, Chat: Im Festival „X Spindeln“ setzt sich das Lofft von Donnerstag bis Samstag mit Industriekultur auseinander.

12.06.2019

Mit musikalischer Unterstützung, politischen Statements und einer perfekten Show sorgte Udo Lindenberg am Dienstagabend bei den 10.000 Fans in der Arena-Leipzig für eine Achterbahn der Stimmungen.

12.06.2019