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Kultur Regional Dennis Russell Davies dirigiert Bruckners Achte im Gewandhaus
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17:26 11.03.2019
Der Dirigent Dennis Russell Davies Quelle: Karl Schöndor/dpa
Leipzig

Bruckner-Sinfonien und ihre Fassungen: Das ist ein Problem, an dem sich schon ganze Generationen von Musikwissenschaftlern abgearbeitet haben. Weil der Meister aus Linz auch Jahre, nachdem er den letzten Doppelstrich in die Noten gezogen hatte, weiter an diesen herumfeilte. Manchmal in einem Ausmaß, dass beinahe komplett neue Partituren dabei herauskamen. So wie bei der Achten, seiner letzten vollendeten Sinfonie. Die bekam in der Urfassung der Dirigent und Wagner-Adept Hermann Levi vorgelegt, der das Stück für unspielbar erklärte, woraufhin sich Bruckner an eine gründliche Überarbeitung machte.

Bahnbrechender Erfolg

Die Früchte dieser Anstrengungen erntete er 1892, denn die Uraufführung der zweiten Fassung durch die Wiener Philharmoniker sollte ihm einen bahnbrechender Erfolg bescheren (ähnlich dem seiner Siebten, die das Leipziger Gewandhausorchester unter Arthur Nikisch aus der Taufe gehoben hatte). Von einer Ausgabe letzter Hand zu sprechen, wird der Sache trotzdem nicht gerecht, weil eine dritte, nach Bruckners Tod entstandene Mischfassung fast genauso oft auf den Dirigentenpulten liegt.

Mehr Bruckner-Expertise geht kaum

Nicht so bei Dennis Russell Davies. Der 74-jährige Amerikaner und derzeitige Chefdirigent der Philharmonie Brünn greift für sein Gastspiel beim MDR-Orchester lieber zur selten aufgeführten Frühfassung von 1887. Beweisen muss er damit niemandem mehr etwas. Denn Davies hat in 15 Jahren beim Bruckner Orchesters Linz sämtliche Sinfonien des Spätromantikers in sämtlichen überhaupt nur denkbaren Fassungen aufgeführt und eingespielt. Mehr Bruckner-Expertise geht kaum.

Bruckner geht in Leipzig immer

Dass Bruckner in Leipzig immer geht, beweist indes der Umstand, dass sich das Gewandhaus außerordentlich gut gefüllt hat für die pausenlose Besteigung dieses sinfonischen Achttausenders. Davies hat sich dafür einen klaren Streckenplan bereitgelegt, der Raum lässt für die überirdischen Schönheiten dieser Musik. Nicht auf die Härten der Partitur legt er es an, nicht auf die schroffen Kontrastwirkungen von brutaler Blechbläser-Wucht und verhauchendem Streicher-Piano. Sein Bruckner klingt selbst in den gewaltigsten Aufschichtungen und gewalttätigsten Ausbrüchen abgerundet, ja beinahe federnd. Davies’ Lautstärkenregie beeindruckt, akustisches Völlegefühl bleibt einem da auch in den brachialen Tutti-Sektionen erspart.

Erstaunlich organisch

Denn es gelingt, bei aller Monumentalität, die Davies auch ausstellt, die Musik in Fluss zu halten, den Solisten um Konzertmeister Andreas Hartmann ihre Freiheiten zu lassen, worüber er den erstaunlich organischen Orchesterklang aber niemals vergisst. Klar bedient er sich dafür auch selbst einiger Tempofreiheiten, staucht und dehnt, wo Binnenzäsuren besonders deutlich ausfallen sollen. Klar ist auch, dass Davies mit dem vehement endenden Scherzo einen gewaltigen Doppelpunkt setzen will für das anschließende Adagio.

Vielleicht der Gipfelpunkt

„Feierlich langsam; doch nicht schleppend“ hat Bruckner über dieses geschrieben. Ein erhabener Musikstrom, so schmerzend wie schön, mündet in den berühmten Beckenschlägen, gewissermaßen der Herzkammer dieser Sinfonie. Wie sich das Melos hier verdichtet, ballt, entlädt und schließlich unmerklich verlöscht, ist vielleicht der Gipfelpunkt von Bruckners Sinfonik überhaupt. Und wird kaum mehr überboten von der großen, bedächtig ausgespielten Themenvereinigung des Finales.

Davies gibt sich bescheiden

Natürlich gelingt in den knapp anderthalb Stunden nicht alles: An den Übergängen verheddern sich die Funkmusiker ein ums andere Mal im polyphonen Stimmgeflecht. Und für sich genommen ist das, was der Holzbläserblock von sich gibt, fast immer zu laut. Doch das tut der Gesamtleistung diesmal wenig und dem bewegten wie begeisterten Beifall gar keinen Abbruch. Dennis Russel Davies hingegen gibt sich bescheiden. Im Schlussapplaus schreitet er, Herbert Blomstedt darin nicht unähnlich, durch die Stuhlreihen und ehrt alle Solisten.

Am Samstag, 20 Uhr, ist Dennis Russell Davies noch einmal beim MDR zu Gast. Dann dirigiert er Jazzoides von Duke Ellington, Wolfgang Dauner und Miles Davis. Restkaten (17–44 Euro): Abendkasse.

Von Werner Kopfmüller

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