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Kultur Regional Der 20. Festival-Jahrgang beginnt mit Amarcord, Singer Pur und dem Huelgas Ensemble
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14:15 28.04.2019
Sechs Mal Singer Pur (links) und fünf Mal Amarcord beim Auftaktkonzert in der Thomaskirche. Quelle: Christian Modla
Leipzig

Die Idee scheint ziemlich gut: Die 20. Ausgabe des eigenen A-cappella-Festivals eröffnet das Ensemble Amarcord nicht allein, sondern hat sich die Regensburger Singer Pur als Verstärkung in die gut gefüllte Thomaskirche geladen. Das sechsköpfige Ensemble verbindet mit den Kollegen aus Leipzig das Gründungsjahr 1992, eine ähnliche stilistische Geschichte, ein ähnlicher Erfolg – und die seltsame Vorliebe für die Tonsatz-Arbeiten des Ivan Moody (Jahrgang 1964). Und damit sind sie nicht allein, denn der Brite ist gefragt in A-cappella-Kreisen, und begegnet man im Konzert hier und da einem seiner vielen Werke, schadet dies nicht weiter.

Recht ökonomisch erfunden

Im Eröffnungskonzert in der Thomaskirche dagegen durchzieht sein Schaffen den ganzen Abend und sorgt so dafür, dass er sich sehr viel länger anfühlt als die eindreiviertel Stunden, die er dauert. Das liegt zum einen daran, dass Moody dazu tendiert, Zeit nur sehr sparsam mit Tönen zu gliedern und auch seine Formen recht ökonomisch erfunden sind. Und nicht nur die. Denn blendet man die unterschiedlichen vorzugsweise mehrsprachigen Texte aus und die unterschiedlichen Besetzungen der vier Moodys, die mal von Singer Pur, mal von Amarcord und mal von allen gemeinsam vorgetragen werden, fällt auf, dass eigentlich alles gleich gestrickt ist: Es beginnen Liegetöne, gern als Bordun, darüber entfalten sich artige Silbe-für-Silbe-Textverarbeitungen, die mal nach Perotinus klingen und mal nach orthodoxer Kirchenmusik und sich hin und wieder zu Dissonanzen treffen, die dieser kunstgewerblichen Neo-Mystik einen Schuss Scheinmoderne unterschieben. Die sechs puren Singer und die fünf Amarcordler holen raus, was da rauszuholen ist, aber es ist nicht genug, um verständlich zu machen, was sie daran finden.

Sorglose Dürftigkeit

Im Gegenteil: Dadurch dass die elf im Eröffnungskonzert Moody mit der Musik konfrontieren, bei der er sich recht sorglos bedient, fällt seine Dürftigkeit umso deutlicher auf. Denn Willian Byrd, Orlando di Lasso, Nicolas Combert, Jacobus Gallus, Jean de Lattre und Orazio Vecchi schrieben im 16. Jahrhundert Musik, deren affektive Kraft und polyphone Pracht Moody in keinem Takt erreicht. Schon gar nicht im besonders belanglosen „Wenn der Herr die Gefangenen Zions“, dessen Uraufführung das Programm des Eröffnungs-Abends unerheblich beschließt.

Vielleicht doch keine so gute Idee

Parallelen hin wie her – es gibt auch Unterschiede zwischen Singer Pur und Amarcord. Der auffälligste: Die Regensburger haben wie das Leipziger Calmus Ensemble eine Frau dabei, Claudia Reinhard, die den Ensembleklang keineswegs nur in höchsten Höhen strahlen lässt, sondern auch in mittleren Lagen mit warmer Schönheit veredelt. Rundum überzeugen kann er dennoch nicht. Denn Singer Pur bleibt vor allem wegen eines hohl und kehlig quengelnden Tenors meist weit hinter der Homogenität der Amarcordler zurück. Und was die Leipziger Fünf zwischen Wolfram Lattkes einzigartig weicher und markanter Höhe und Holger Krauses weichem Bass solistisch abliefern, ist bei Lichte besehen auch in einer anderen Liga unterwegs. Vielleicht doch keine so gute Idee, das mit der Ensemble-Kombination ...

Doppelchörige Pracht

Dennoch sagt man sich hinterher viele nette Worte – wahrscheinlich jedenfalls. Denn zu verstehen ist kein einziges davon. Was dazu führt, dass sich die Zielgerade vor dem Zugaben-Gabrieli noch weiter in die Länge zieht. Aber der belohnt mit seiner doppelchörigen Pracht fürs Warten und liefert einen letzten Beweis dafür, dass früher doch alles besser war. Jedenfalls in der A-cappella-Musik.

Sensationelle Belgier

Diesen Befund stützt auch der zweite Festival-Abend: Paul Van Nevel mit acht Mitgliedern seines sensationellen Huelgas Ensembles. Vom 14. bis ins 17. Jahrhundert spannen die Belgier ihren programmatischen Bogen, von England bis nach Spanien. Herber archaischer Wildwuchs mit beinahe orientalischer Verzierungspracht ist dabei und hauchzarte Poesie, viel Geistliches und auch etwas weltliches Madrigalisieren, knapp anderthalb beinahe unterbrechungslose Stunden lang in die atemlose Stille des proppenvollen Kirchenraums gesungen. „Danke für diese unglaubliche Andacht“, bringt es Nevel inmitten des tosenden Jubels am Ende auf den Punkt.

Aus einer anderen Zeit und von einer besseren Welt

Aber wie sollte man diesem Gesang aus einer anderen Zeit und von einer besseren Welt auch anders begegnen als mit Demut und Andacht? Nevel ist Musik-Archäologe. Seit Jahrzehnten sucht und findet er große Musik längst vergangener Zeiten, er macht sie aufführbar – und führt sie dann auf einem Niveau und in einer Art und Weise auf, die keine Konkurrenz kennen.

Der Chef und seine Präzisionswerkzeuge

Die Geschlossenheit des Ensemble-Klanges ist noch einmal beeindruckender als bei den Amarcords. Über den samtenen Wunder-Bässen Guillaume Olrys und Tim Scott Whiteley entfaltet sich da ein ungeheuer reiches und sensibles Geflecht von Stimmen und Farben, die Nevel als Dirigent führt, als habe er eine lebendige Orgel vor sich. Auf den ersten Blick mag es befremden, so wenige Stimmen um einen Dirigenten herum versammelt zu sehen. Aber wie Nevel die bis zu acht Stimmen führt und ausdifferenziert, wie er eine beinahe romantische Dynamik in den Dienst der Renaissance-Floskeln und Klang-Symbole stellt, das ist in dieser Form wahrscheinlich wirklich nur möglich, wenn einer der Chef ist, und die anderen seine Präzisionswerkzeuge sind. Dann nimmt die anonyme Messe aus dem England des 14. Jahrhunderts vom ersten Augenblick an ebenso unentrinnbar gefangen, wie die Meisterwerke vom Gipfel der franko-flämischen Schule oder aus ihren Nebentälern, wie ihre italienischen Erben und die völlig aus der Zeit gefallene Spanische Nachhut.

Leider schon alles erzählt

Für die stehen Fray José de Vaquedano (1642–1711) bewegenden Klagelieder des Propheten Jeremia. Mitten im Barock entstandene Vokalpolyphonie, die sich beinahe naiv zwischen bemerkenswert geschmeidiger Harmonik und einer Satztechnik von vorgestern spreizt und damit ohne Umwege die Seele des Zuhörers erreicht. Dieses Konzert hätte gut und gern noch eine Verlängerung vertragen, aber „leider“, sagt Nevel zufrieden lächelnd ins um ihn herum postierte Publikum, „haben wir schon alles erzählt, was wir zu erzählen hatten“. Viel war’s – so viel, dass man schon darum das Ensemble Amarcord nicht genug loben und preisen kann, dass es Leipzig nun schon zum 20. Mal ein A-cappella-Festival schenkt.

Termine: 28.4., 20 Uhr, Kupfersaal: Viva voce; 29.4., 20 Uhr, Kunstkraftwerk: Windsingers & Aba Taano; 30. April, 20 Uhr, Michaeliskirche: Voces 8; 1.5., 20 Uhr, Gewandhaus: Chanticleer; 2.5., 20 Uhr, Evangelisch Reformierte Kirche: Trio Mediaeval; 3. Mai, 20 Uhr, Haus Leipzig: The Swingles; 4.5., 19 Uhr, Abschlusskonzert; www.a-cappella-festival.de

Von Peter Korfmacher

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