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Kultur Regional Der Anfang vom Ende von Kiss: Abschiedstournee beginnt in Leipzig
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12:12 28.05.2019
Kiss beginnt die finale End-of-the-World-Tour in der Arena Leipzig. Quelle: Christian Modla
Leipzig

Die Uhr zeigt kurz vor zehn am Montagabend in der mit rund 10 000 Rock-Fans nicht ausverkauften, aber gut gefüllten Arena. Da fasst Paul Stanley den Anlass des Auftritts noch einmal mit knappen Worten zusammen: „Leipzig“, kreischt er mit multipel sich überschlagender Stimme in den kochenden, dampfenden, pulsierenden Saal, „das ist das letzte Mal, dass wir hier sind“.

Ja, so steht es geschrieben: Die End-of-the-World-Tour der 1973 gegründeten Kostüm-Rabauken, die da in Leipzig ihren Anfang nimmt, sie soll die unwiderruflich letzte sein. Dabei sind die beiden Gründungsmitglieder Paul Stanley, 67, der die Stimmbänder so gnadenlos strafft, wie er die Rhythmusgitarre schlägt, und Gene Simmons am Bass (69 und ebenfalls stimmlich recht überzeugend unterwegs) gut im Schuss.

Und gemeinsam mit Tommy Thayer, 59, der seit 2002 an Bord ist und sensationell sägende, saugende, dabei so schlichte wie magische Gitarren-Solos abliefert, und Eric Singer an Drums und ebenfalls Mikro (61, mit Unterbrechungen seit 1991 dabei) wissen die schrillen Schreihälse mit den maßlosen Plateau-Sohlen, der maßlosen Show, der maßlos albernen Schminke noch ziemlich genau, wie man den immer gleichen Song, der sich selbst textlich beharrlich die Treue hält, auf Konzertlänge dehnt.

KISS spielten auf ihrer „End of the World Tour“ am 27. Mai 2019 in der Arena Leipzig.

Drum löst Stanleys Abschieds-Statement auch keine Wehmut aus, nicht einmal Nostalgie. Die Menge feiert die vier aus der Zeit gefallen älteren Herren einfach frenetisch weiter. So, als könnten schiere Begeisterung, beeindruckende Textsicherheit und bemerkenswerte Lautstärke die vier da vorn, das Sternenkind, den Dämon, den Weltraum- und den Katzenmann, vielleicht doch noch abbringen vom letzten Lebewohl.

Der braucht die Bühne

Undenkbar scheint das nicht. Zwar hat Paul Stanley im LVZ-Interview unlängst noch jede weitere Arbeit mit, als und für Kiss kategorisch ausgeschlossen. Aber die Begeisterung, mit der er da vorn im Scheinwerferlicht und zwischen all der Pyrotechnik steht, sie lässt hoffen, dass er letztlich doch nicht ohne kann: Wer so mit dem Publikum spielt, die Massen so sicher im Griff hat, wem der Genuss am eigenen Tun so bräsig zwischen den Silben hervorquillt, der kann nicht anders. Der braucht die Bühne, die Fans, die Stromgitarre vor dem Bauch, den Lärm von hinten und von vorn.

Ansagen klingen nicht gesund

Dabei klingt Paul Stanley zum Tourstart ein wenig angeschlagen. Das schlägt sich allerdings weitaus deutlicher dann nieder, wenn er spricht (also schreit), als wenn er singt (also schreit). Immer wieder schlägt seine Stimme Salto, wenn er „Liptzick“ oder „Läptzöck“ seine Begeisterung entgegenbrüllt. Während der exaltierten Ansagen klingt das nicht gesund. Jeder verantwortungsbewusste Phoniater würde wohl vom Auftritt abgeraten haben.

Aber was so ein richtiger in der Wolle gefärbter Rock-’n’-Roller ist, der kennt keine Heiserkeit. Der liefert. Der brüllt und schluchzt und grunzt, der trägt schneidend und sägend und markerschütternd vor, was er vorzutragen hat. Der ist, raspelt der Infekt ihm auch die Stimmritze wund, eher noch überzeugender, noch übergriffiger, noch charismatischer als sonst. Und wer so röhren kann, derart spitze Schreie auszustoßen vermag, so zu zu wimmern, zu jaulen, zu kraweelen, zu jubilieren, zu skandieren, der gehört zweifelsfrei weiterhin auf die Bühne. Und längst noch nicht aufs Altenteil.

Untenrum mulmt’s

Bei den Kollegen verhält es sich nicht anders. Wie Simmons seinen Bass würgt, wie er die nicht nur auf den ersten Blick mitunter erschütternd simplen Fundamente anreichert – das ist auch immer noch gekonnt. Geht allerdings, und das ist so ziemlich der einzige Schwachpunkt in diesem Konzert, allzu oft unter im untenrum doch mehr als nur ein wenig wummernden Sound. Etwas mehr Hingabe beim Soundcheck hätte da nicht geschadet. Zumal auch Singers Schießbuden-Trickserein und Thayers bräsige Gitarren-Girlanden bisweilen absaufen im nicht brutal lauten, aber brutal klumpenden Mulm.

Egal und geschenkt – Kiss, das sind schließlich nicht die ultimativen Filigraniker unter den historischen Stromgitarren-Granden. Und so dreht sich die von der auch sehr feinen Vorband The New Roses schon recht straff angezogene Begeisterungsschraube über knapp zwei Dutzend Songs aus knapp vier Dutzend Jahren Kiss-Geschichte immer tiefer ins Gemüt des von Anfang an außergewöhnlich begeisterungsfähigen Publikums aus Leipzig – und dem sehr weit gefassten Umland.

Unfassbar hemmungslos

Bunter kann ein Publikum kaum sein. Zwischen 8 und 80 ist alles dabei. Es gibt Kaschmir-Pullunder und Leder-Kutten, authentische Schminke, hilflose und gar keine. Alle gemeinsam feiern sie in der Arena diesen wilden, gigantischen, bombastischen Rock-’n’-Roll-Kindergeburtstag, von dem alle, die Gäste wie die Gastgeber, noch ihren Enkeln und Urenkeln am Kamin erzählen werden. Was selbstredend nicht nur mit den vielen nicht sehr unterschiedlichen Songs zusammenhängt, die erst auf der Zielgeraden zu Superhits wie „I Was Made For Lovin’ You“, „Rock And Roll All Night“ oder „Crazy, Crazy Nights“ vordringen, sondern auch und vor allem an der unfassbar hemmungslosen Show.

Bereits nach wenigen Takten zünden die ersten Kanonenschläge, kreisen die ersten bengalischen Feuer, regnen Funken, lodern Flammen. Das macht sehr den Eindruck, als könne es sich nicht mehr nennenswert weitersteigern. Kann es doch: Konfetti-Kanonen, Luftschlangen-Stalinorgeln, Luftballon-Ballett, Laser, Animationen aller Art, sie sind nur Vorboten und Echos von fliegenden Band-Mitgliedern aller Art.

Der Unterschied zwischen Show und Konzert

Das ist er wohl, der Unterschied zwischen Show und Konzert. Und es ist nicht zu leugnen, dass das musikalische Material von Kiss trotz 46 Jahren in den Studios und auf den Bühnen der Welt nur mühsam über zwei Stunden trägt. Aber es ist ebenso wenig zu leugnen, dass das völlig egal ist. Show ist Show – und die hier ist so entwaffnend naiv, aufwendig, abgefahren, kindisch und professionell, dass sie einfach noch nicht vorbei sein darf. Schon gar nicht endgültig.

Von Peter Korfmacher

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