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Kultur Regional Der Dichter mit zweierlei Mut
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18:19 08.05.2019
Lyriker, Dramatiker und Prosa-Autor Volker Braun, am 7. Mai wird er 80.
Lyriker, Dramatiker und Prosa-Autor Volker Braun, am 7. Mai wird er 80. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Volker Braun feiert seine Geburtstage mit Büchern. Eigenen. Zum 80. des Schriftstellers sind im Suhrkamp Verlag „Handstreiche“ erschienen sowie ein Band mit Schriften und Reden unter dem Titel „Verlagerung des geheimen Punkts“.

Hier wie dort öffnet der Lyriker, Dramatiker und Prosa-Autor den Werkzeugkasten. „Man kann es sich nicht aussuchen, aber man kann sich etwas herausnehmen“, notiert er in „Handstreiche“, einer Miniaturen-Sammlung von aphoristischer Güte. Die Arbeitswelt, aus der er spricht, erinnert an jene des Havariemeisters Flick aus seinem Schelmenstück „Machwerk oder Das Schichtbuch des Flick von Lauchhammer“ (2008). Ein Buch, in dem er die alten Begriffe aus dem Tagebau einsetzt, während Gewerke, Berufe, Tätigkeiten verschwinden.

Volker Braun: Handstreiche. Suhrkamp; 91 Seiten, 18 Euro Quelle: Suhrkamp Verlag

In der Erzählung „Die hellen Haufen“ (2011) provozieren Verlustmeldungen aus der Arbeitswelt einen Arbeiterkrieg, zu dem es in der Wirklichkeit nie gekommen ist. Doch hätte kommen können, nachdem 1993 die Kali-Grube in Bischofferode geschlossen worden war. Der Schriftsteller führt den Aufstand zu Ende. „Die Zukunft ist ein unbesetztes Gebiet. Sie ist offenzuhalten für Anmut und Mühe“, schreibt er. Zuletzt war 2016 sein Gedichtband „Handbibliothek der Unbehausten“ erschienen.

Intimste und politischste Tätigkeit

Volker Braun ist ein Begleiter. Er, dem Macht „zuwider“ ist, sieht, überdenkt, verdichtet, analysiert und kommentiert die Gegenwart unter Berücksichtigung der Sprache – seinem Werkzeugkasten.

„Der Dichter greift in den Atlas der Wolken und in die Strände des Drecks. Es ist die intimste und politischste Tätigkeit, für die er schlecht bezahlt wird, aber gut gehängt werden kann“, heißt es in der Rede „Ein Königreich der Worte“ aus dem Jahr 2014. Der Dank für den in Casablanca verliehenen Prix Argana Mondial de la Poésie ist einer von fünf Erstdrucken der Sammlung „Verlagerung des geheimen Punkts“.

Aspekte der Freiheit

Die titelgebende Formulierung spielt mit Goethes „Zum Schäkespearstag“, demnach sich Shakespeares Stücke alle um den „geheimen Punkt (den noch kein Philosoph gesehen und bestimmt hat)“ drehen, „in dem das Eigentümliche unsres Ichs, die prätendierte Freiheit unsres Wollens, mit dem notwendigen Gang des Ganzen zusammenstößt“.

Dieser „geheime Punkt“, ergänzt Braun, „hat sich verlagert, in dem das Eigentümliche unsres Wirs, die ungewisse Solidarität unsres Wollens, den nicht notwendigen Gang des Ganzen ändert.“ Vom Ich zum Wir also, von der prätendierten Freiheit zur ungewissen Solidarität, vom notwendigen zum nicht notwendigen Gang des Ganzen. Nicht nur Jahrhunderte liegen dazwischen, sondern Welten.

Volker Braun: Verlagerung des geheimen Punkts - Schriften und Reden. Suhrkamp Verlag; 319 Seiten, 28 Euro Quelle: Suhrkamp Verlag

Dahinter sortieren sich Texte aus den Jahren 1977 bis 2018, sie stammen aus Büchern wie Brauns „Verheerende Folgen mangelnden Anscheins innerbetrieblicher Demokratie“ oder „Werktage I“, aus Zeitschriften wie „Das Argument“ oder „Theater heute“, Zeitungen wie „Der Standard“ oder „FAZ“.

Im „Neuen Deutschland“ ist zwei Tage nach dem Mauerfall „Die Erfahrung der Freiheit“ erschienen. In jenem kurzen Winter der Euphorie, als die Aufbruchstimmung trug, nannte Braun „unsere Spontaneität“ die „eigentliche Kraft“, konstatierte eine „Freiheit von der Verantwortung“ (noch) und fragte nach dem Weg zu „soldarischen Entschlüssen“.

Als er knapp ein Jahr später, am Vorabend der Deutschen Einheit, im Berliner Maxim-Gorki-Theater sprach, war von einer „erpressten Einheit“ die Rede, „rasch und roh, wie wir es uns nicht träumen ließen“, der „Einheit der Uneinigen, Ungleichen, der Zerrissenen“. Die Begleitung der Um- und Zustände erweist sich als vergleichbar mit der Tätigkeit des Dichtens, die „zweierlei Mut“ braucht: „die Schönheit zu sehen, und in die Schrecken zu sehn“.

„Kultur & Kriegsgebiete“

Ihn hat der Widerspruch großgezogen: am 7. Mai 1939 als einer von fünf Söhnen in Dresden geboren, „an einem Sonntag vor dem Krieg“, fiel sein 6. Geburtstag in die Tage der Befreiung. „Sorglos und entsetzt begann ich zu leben.“ Tiefbauarbeiter, Philosophiestudent, Dramaturg am Berliner Ensemble, Protestresolution gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns. Braun schrieb Theaterstücke, Gedichte, Prosa. Er erhielt 1981 den Lessing- und 1988 den Nationalpreis der DDR, 2000 den Büchner-Preis. Einige Danksagungen sind nachzulesen im neuen Band, auch Trauerreden (die nicht minder Dankesworte sind).

Noch immer ist die Welt voll von Widersprüchen, „alles ist Kultur & Kriegsgebiet“. Die elementare Arbeit der Dichtung, schreibt Braun, „bleibt, den Frieden zu denken. Ihr großer Diwan enthält die Seufzer, die Atemzüge, das Aufatmen der Völker“. Sie spricht „von Liebe, Geschlecht, Tod und Gemeinsamkeit“.

Indem Volker Braun sich einer sorglosen Lektüre versperrt, macht er sichtbar, was so leicht zu übergehen wäre. Auch in „Handstreiche“: „Man muss nicht alle Symptome aus den Verhältnissen kratzen, aber der Riss soll sichtbar werden“.

Ehrenlesung mit Volker Braun, Helmut Richter, Adel Karasholi, Angela Krauß, Manfred Jendryschik, Skadi Jennicke, André Schinkel und Peter Gosse: 16. Mai, 19.30 Uhr, Leipziger Stadtbibliothek

Volker Braun: Handstreiche. Suhrkamp; 91 Seiten, 18 Euro

Volker Braun: Verlagerung des geheimen Punkts - Schriften und Reden. Suhrkamp Verlag; 319 Seiten, 28 Euro

Von Janina Fleischer