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Kultur Regional Der Herbstrundgang der Spinnereigalerien setzt neue Akzente abseits der Leipziger Malerei
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17:01 08.09.2019
„All My Pretty Ones" von Birgit Dieker im Laden Für Nichts. Quelle: Andre Kempner
Leipzig

Etwas ungewöhnlich ist dieser Rundgang durchaus. So wenig Malerei war selten zu sehen. Doch keine Angst – es gibt sie. Auffällig ist allerdings die Häufung räumlicher Objekte, auch wenn man nur selten von Skulptur oder Plastik im Sinne der traditionellen kunsthistorischen Terminologie sprechen kann.

Galerist Josef Filipp meint trotzdem, es seien Skulpturen, was Claudia Piepenbrock da angeliefert hat. Stimmt schon, wenn man die Bedeutung, dass aus einem Material etwas herausgearbeitet wird, ernstnimmt. Nur geht es hier nicht um Stein oder Holz. Die in Bremen ansässige Künstlerin bearbeitet frischen Schaumstoff oder auch benutzte Matratzen mit einem scharfen Messer sowie mit Farbstoffen, um daraus Kunstwerke zu produzieren.

Spinne aus Ledergürteln

Ebenso weich im Material, härter im Inhalt geht es in nächster Nähe in Uwe-Karsten Günthers Laden für Nichts zu. Birgit Dieker macht Objekte, die an innere Organe erinnern wie ein Herz oder einige Darmschlingen. Die Ecke des Raumes aber hat eine gigantische Spinne in Beschlag genommen, die aus Ledergürteln geknüpft wurde.

Galerien und Ateliers auf dem Gelände der ehemaligen Leipziger Baumwollspinnerei haben am Wochenende zum Rundgang eingeladen. (Bilder: André Kempner)

Wilhelm Klotzek ist wieder mal zu Gast bei Tobias Nehring. Etwas spröder als die bekannten Kippen-Szenerien fällt seine Kritik am Konsumismus aus. „Der Pudding der Apokalypse“ ist allerdings der schönste Ausstellungstitel bei diesem Rundgang. Im Archiv Massiv hingegen setzt sich Emanuel Mathias mit ökologischen Themen künstlerisch auseinander. Am dichtesten am traditionellen Skulpturenverständnis ist Stella Hamberg bei Eigen+Art dran. Manche der menschlichen Fragmente wirken sogar ausgesprochen klassisch. Doch bei anderen dekonstruiert sie die Körper.

Jochen Hempel zeigt diesmal auch räumliche Arbeiten, die von Benjamin Bergmann stammen. Den Titel „Movimento“ kann man wörtlich nehmen, da bewegt sich tatsächlich manches. Kaum überraschend ist die Präsentation von Fotografie in der Galerie b2, diesmal von Bea Meyer und Hubert Becker.

Runter zu BSMNT

Nicht so leicht zu finden ist der kleine Projektraum namens BSMNT. Denkt man sich die Vokale hinzu wird aber klar, dass man in den Untergrund muss. Hier zeigt der Berliner Moritz Frei die Videoinstallation, die er aus Protest gegen die Nominierung eines rechtsradikalen Malers aus der Leipziger Jahresausstellung zurückgezogen hatte. Für Halle 14, wo wie gewohnt die Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Herausforderungen unter dem Titel „Die Enden der Freiheit“ gesucht wird, sollte man sich aber mehr Zeit lassen, als es bei dem volksfestartigen Rundgang möglich ist.

Und was ist nun mit der in Leipzig ach so vergötterten Malerei? Ja doch, es gib sie. Und da beweisen ältere wie auch jüngere Meister, dass man sich in der Veränderung treu bleiben kann. So Wolfram Ebersbach in der Galerie The Grass is Greener. Er ist bekannt für seine Darstellungen von Architektur, zumeist lokaler, mit grobem Pinsel in einer Schwarzweiß-Palette. Das hat er beibehalten, doch er reduziert die Formen immer weiter und greift Ausschnitte heraus, so dass quasi abstrakte Pattern entstehen.

Positiver Störfaktor

Der Berliner Sebastian Schrader fügt seinem Werk ebenfalls eine neue Wendung bei, ohne sich zu verleugnen. Er malt jetzt eigenartige Gebilde, die wie aus Papier gebastelte Masken und Kostüme aussehen. Statt der bisherigen heftigen Pinselstriche, welche die naturalistische Darstellung durchbrachen, sind es nun Kritzeleien auf Kreidetafeln als positiver Störfaktor.

Noch ein guter Bekannter ist Christoph Ruckhäberle bei Kleindienst. Auch er bleibt nicht stehen, sondern entwickelt seine Formensprache stetig weiter. Im Zwischenfeld von Malerei und Installation bewegt sich Benjamin Appel bei ASPN. Den titelgebenden „Spalt zwischen Wand und Waschmaschine füllt er aber überwiegend mit Tafelbildern, die dekorative Muster zeigen.

Mondschein und Badezimmer

In der kleinen, ganz auf weibliche Kunst spezialisierten Galerie She Bam! von Laetitia Gorsy zeigt die HGB-Absolventin Anna Nero Bilder mit fantasievollen Titeln. Sie gehe von einer formalen Idee aus und entwickele diese dann direkt auf der Leinwand weiter, bis Kompositionen entstehen, die Assoziationen zulassen, sagt sie. Diese können dann durchaus verschieden ausfallen. Bei der Tafel, die sie als Mondschein bezeichnet, könnte es sich auch um ein Badezimmer handeln. Und schließlich sieht man auch im Intershop Interdisziplinaire geometische Abstraktionen und in der neuen Gastgalerie – diesmal ist es die taiwanesische Aki Gallery – farbenfrohe Bilder von Fan Yang Tsun.

Wenn man dann noch die Malerei auf Papier von Peter Busch und Tina Steinbach bei Thaler Originalgrafik und einige Positionen des Residenzprogramms LIA hinzuzieht , bei dem erstmals das Goethe-Institut eine Art von Künstlerimport finanziert, ist es am Ende doch gar nicht so wenig Malerei. Sonst wäre es wohl kein Leipziger Rundgang. Um das noch zu unterstreichen, gibt es in der Werkschauhalle ausschließlich sogenannte Neue Leipziger Schule aus der Privatsammlung Nuwayhid zu sehen. Marwan Nuwayhid ist auch beruflich mit Schönheit beschäftigt, allerdings nicht mit dem Pinsel, sondern dem Chirurgenmesser.

Auf rund 10 000 Besucher schätzt das Management der Spinnerei das Interesse am gut durchmischten Herbstrundgang. Das ist kein Spitzenwert, aber solide. Außerdem kamen ja auch schon viele hundert Gäste zum Tapetenwerkfest am Freitag.

Alle Ausstellungsdaten sind unter www.spinnereigalerien.de zu finden.

Von Jens Kassner

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