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Kultur Regional Der Leipziger Künstler Heinz Zander ist ein Meister des Verwirrspiels
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14:49 30.09.2019
Heinz Zander in seinem Atelier in der Hardenbergstraße. Quelle: Kempner
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Leipzig

Auf den Bildern von Heinz Zander ist nichts, wie es scheint. Der Meister macht es seinem Publikum nicht leicht. Dafür wird der Betrachter mit artifizieller Raffinesse belohnt, mit furiosem Bühnendonner von Farbe und Form. Der Leipziger legt es nicht darauf an, den Betrachter allein in den wabernden Nebel seiner Bildfindungen zu schicken, die ganz im Zeitlosen angesiedelt sind. Seine Bildtitel sind allerdings so gewitzt, dass sie die Richtung weisen, ohne den Schleier des Geheimnisses zu lüften.

Zanders Bildkosmos hat von Anfang an seine – auch zahlenden – Liebhaber gefunden. Gespeist aus Philosophie, Kunstgeschichte, Architektur, Historie, Mythologie, Literatur und Musik, selbst Geologie, offenbaren sich darin eine weitverzweigte Welt und ein Labyrinth enzyklopädischen Wissens. Sein unüberschaubares Personal rekrutiert sich aus der griechischen Götterwelt, entspringt sorbischen Märchen, entstammt der mittelalterlichen Gralslegende, hebt auf Schöpfungen von Cranach ab, Stevensons Schatzinsel-Piraten, Inspirationen von Nietzsche oder den mit fossilen Fälschungen gedemütigten Paläontologen Adam Beringer.

Schönheit und Verderben

Auf den Bildtafeln tummeln sich Grazien und Chimären, polarisieren Schönheit und Verderben zwischen Leben und Tod, Pracht und Untergang. Das Anmutige und das Dämonische halten als Gegenspieler Zanders Universum in Bewegung. Immer jedoch ist der Betrachter gut beraten, sich nicht auf sein allgemeines Wissen zu verlassen, will er dem Rätsel der Bilder auf die Spur kommen. Zander hat Falltüren und doppelte Böden eingebaut, bürstet das Naheliegende mit Behagen gegen den Strich, spielt Ambivalenzen aus und jongliert mit Widersprüchen.

Im Manierismus, jenem Stil, der in Italien der Hochrenaissance folgte, fand Zander, ganz den alten Meistern zugewandt, in der kapriziösen Haltung überlanger Gliedmaßen, dem affektierten Körperschwung, der Figura serpentinata, seine ureigensten Ausdrucksmittel. Der Maler beschwört mit scheinbarer Leichtigkeit die Stofflichkeit metallisch glänzender Rüstungen, seidig leuchtender Gewänder, sinnlich schimmernder Haut und sturmgepeitschter Wolken. Und immer sind es tiefe menschliche Wahrheiten, auch Ausgeburten schwer ergründlicher Bewusstseinsschichten, um die sich das Treiben seiner betörenden Schönheiten und degoutanten Fabelwesen rankt. Da hintertreibt ein Himmel mit dramatisch düsterer Wolkenwand eine vorgeblich ausgelassene Szene und die laut Bildtitel heiteren Persönchen, die sich unter das Gewand der Schutzmantelmadonna geflüchtet haben, wecken arg befremdliche Gefühle. Die göttliche Diana zerfasert mit scharfem Messer den Kopf eines Einhorns, ein Akt der Zerstörung, der ganz offenkundig den Beifall eines selbstgefälligen Fettelchens findet. Für den Betrachter dieser argwöhnisch zu betrachtenden Vorgänge freilich gilt stets: Jede seiner Auslegungen ist richtig. Für Zander ist Zeichnen die Hohe Schule der Kunst. Schon in den 80ern entstanden im Umfeld der Tafelbilder für das Leipziger Gewandhaus auf feinem Bütten minutiös modellierte Bravourstücke zu Brangäne, Tristan und Isolde.

In der Gefolgschaft Alter Meister

Zander war in seiner kenntnisreichen Gefolgschaft Alter Meister schon in der DDR-Kunst eine beeindruckende Ausnahmeerscheinung. Namhafte Experten taten sich damals allerdings mit seinen Bildern schwer, fürchteten Verselbständigung des Artifiziellen gegenüber der Aussage. Vanessa Heitland dagegen, die derzeit in der Städtischen Galerie Villingen-Schwenningen eine opulente Zander-Ausstellung zeigt, ist von der Malerei des Leipzigers fasziniert. 600 Kilometer entfernt, kurz vor der Schweizer Grenze, entfaltet sie den Ehrgeiz, in ihrer Galerie mit dem vielfach zitierten Klischee von der Reglementierung der DDR-Kunst aufzuräumen und will „die Bandbreite an autarken künstlerischen Positionen“ im Osten zeigen. Bei diesem Konzept gilt ihr Zanders über Jahrzehnte konsequent kultiviertes Schaffen als Offenbarung.

Zander, 1939 in eine Bitterfelder Arbeiterfamilie hineingeboren, war schon als Sechsjähriger leidenschaftlicher Insektensammler und wollte um jeden Preis Biologe werden. Diesen Plan gab er auf, jedoch die Leidenschaft für zwielichtige Flügelwesen, der Hang zu überdimensionierten chitingepanzerten Kerbtieren blieb in seinen Bildtafeln lebendig. Zander fiel schon als Student an der Leipziger Kunsthochschule mit erstaunlichem Können und einem früh errungenem Individualstil auf, der über die Jahrzehnte keiner grundlegenderen Wandlung unterworfen wurde.

Seine Produktivität war enorm. Sie ist es noch immer. Etwa zwei Drittel der 70 Arbeiten der aktuellen Ausstellung in Baden-Württemberg entstanden in den vergangenen fünf Jahren. „Der geht nie raus“, soll Sachsenplatz-Galerist Hans-Peter Schulz seinerzeit auf den außerordentlichen Schaffensdrang des Künstlers angespielt haben. „Ich habe keine didaktische Ader“, bekennt Zander. Zum Lehrer fühlte er sich nie berufen. Eher war er der Meister der Meisterschüler, lernte in Leipzig bei Bernhard Heisig und in Berlin bei Fritz Cremer. „Ja, wenn wir was machen, machen wir es richtig“, hatte Karl Krug in der Radierwerkstatt seinen Studenten gepredigt. Das sollte Zander bis heute prägen. „Ich kenne keine andere Existenz, als zu arbeiten“, sagt er.

Seltene Doppelbegabung

Noch kann er sich einen Zwölf-Stunden-Tag im Atelier leisten. Seit der Jahrtausendwende dominiert seine Malerei. Zeichnungen und die emsig betriebene Radierung, auch seine literarischen Neigungen hat Zander ad acta gelegt. Dabei ist der Leipziger eine seltene Doppelbegabung. Er brachte beim Rostocker Hinstorff Verlag in den 80ern in den Bänden „Stille Landfahrten“ und „Das sanfte Labyrinth“ Romane und romantische Geschichten heraus, die beim Lesen opulente Szenerien aufsteigen lassen. Die Liste seiner Publikationen ist ebenso beachtlich wie die seiner Einzelausstellungen.

Auf Zanders Bildern ist nichts, wie es scheint. Das mag auch im Leben gelten. Sein Galerist in Mühlhausen ist eigentlich Förster und der Maler selbst nicht nur ein Schelm, der sich bewusst wortkarg auch gern mal Statements zu seiner Kunst erspart. Er ist vor allem ein Polyhistor und in seiner überbordenden Vorstellungskraft noch mit 80 Jahren der Meister grandioser Kunststücke auf dem schmalen Grat zwischen Verheißung und Ernüchterung.

Heinz Zander, Schönheiten & Ungeheuer, Städtische Galerie „Lovis Kabinett“, 78054 Villingen-Schwenningen, Friedrich-Ebert-Straße 35, bis 17. November 2019, geöffnet Di, Mi, Fr 13-17 Uhr, Do 13-19 Uhr, Sa, So 11-17 Uhr

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