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Kultur Regional Der Verlag Faber & Faber meldet sich zurück – den Anfang macht ein beglückender Briefwechsel
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17:43 19.06.2019
Der Autor und sein Verleger: Christoph Hein (l.) 2004 bei der Geburtstagsparty zu Elmar Fabers 70. Geburtstag im Leipziger Paulaner Palais. Quelle: André Kempner
Leipzig

Eigentlich klingt alles ganz einfach. Es gibt Autoren, und es gibt Verleger. Gemeinsam machen sie Bücher. Doch natürlich ist es komplizierter. Autoren sind „Menschen, die sich fortwährend vergiften, um das zu produzieren, was sie für weltwichtig halten“.

Noch dazu können sie nicht mit Geld umgehen, so dass, sollten die Bücher etwas in die Kasse spielen, die Verleger sich opfern und all das Geld an sich nehmen und damit die Literatur retten, die Kultur und die Kunst. Darüber hinaus bleibt das Wesen des Verlegers für den Autor ein „mystischer Mythos“.

Wiederbegegnung mit Klassikern

Mit diesen spontanen und entsprechend launigen Worten gratulierte Christoph Hein im Januar 2011 dem Verlag Faber & Faber zum 20. Geburtstag. Die Rede, wie er sie „so oder so ähnlich“ gehalten hat, bildet den Abschluss des Bandes „Ich habe einen Anschlag auf Sie vor“. Und mit diesem fast 35 Jahre umfassenden Briefwechsel zwischen Christoph Hein (75) und Elmar Faber (1934–2017) meldet sich 28 Jahre nach seiner Gründung und einigen Jahren Pause der Verlag Faber & Faber, der 1995 von Berlin nach Leipzig gezogen war, zurück. Nach dem Tod Elmar Fabers im Dezember 2017 übernimmt Sohn Michael Faber (57) die Geschäfte, Mitgründer und von 2009 bis 2016 Kulturbürgermeister der Stadt Leipzig.

Nun liegt das erste Programm vor. Auf den Briefwechsel folgt im Juli eine Wiederbegegnung mit der Sammlung herrenloser Scherzdichtungen: „Dunkel war’s, der Mond schien helle“ ist 2005 das erste Mal erschienen, herausgegeben von Horst Kunze, illustriert von Anja Stiehler. Auch den Drillingsband „Essen / Trinken / Gastmahlen“ wird es wieder geben sowie die gesammelten Lieder Paul Gerhardts mit Noten: „Geh aus mein Herz“.

Rosa Loy illustriert

Mit „hochwertig illustrierter Literatur“ und einer Konzentration auf Belletristik, Kulturgeschichte und Kunst an die Vergangenheit des Verlages anzuknüpfen, ist ausdrückliches Anliegen von Michael Faber. Erstmals illustriert kommt im September Javier Marías’ „Der Gefühlsmensch“ heraus und Raymond Federmans „Der Pelz meiner Tante Rachel“.

Mit Stefhany Y. Lozano und Hartwig Ebersbach hat er dafür zwei in Leipzig lebende Künstler gewonnen. Hier arbeitet auch Rosa Loy, die unter dem Titel „Der Tag“ im Juli „Neue Bilder und andere von Gestern“ versammelt; im kommenden Jahr wird sie „Eine Frau von fünfzig Jahren – Mrs. Dalloway“ von Virginia Woolf illustrieren, wie der Katalog verheißt.

Den am 20. Juni erscheinenden Briefwechsel versteht Michael Faber als „Ergänzung zur Rezeption des Werkes von Christoph Hein“ und als „Memorial für meinen hochgeschätzten Verlegerkompagnon und Vater“. Ein denkbar passender Auftakt.

Ein mutiger Akt

Freundschaft und Arbeit hielten Autor und Verleger in einem intellektuellen Bündnis. Als „Mann von Mut und Ehre“ beschreibt Hein den Freund in seiner Grabrede, als stolz und voller Selbstachtung. Als Faber 1983 den Berliner Aufbau Verlag übernahm, habe er das, wie er selbst sagte, getan, um Verleger Heins zu werden. Der feierte da gerade mit „Der fremde Freund“ Erfolge. Schon bald geht es in der Korrespondenz um „Horns Ende“, von dem der Autor hofft, dass der Roman „keine unüberwindlichen Schwierigkeiten machen wird“.

Das Problem liege in einer Über-Interpretation, „die jedes Stück, jeden Roman zu dem Stück, zu dem Roman machen will“. Wir werden, schreibt Hein, „es wohl alle lernen müssen, nicht beständig auf einen Jahrhunderttext zu warten, sondern uns mit kleinen, einigermaßen gut erzählten Geschichten zufriedenzugeben, und sie auch nur als kleine, vereinzelte Geschichten hinzunehmen“. Sonst bleibe am Ende nichts als die großen Ansprüche. „Horns Ende“ ist 1985 schließlich ohne Druckgenehmigung erschienen. Ein mutiger Akt.

Widerstand leisten

Doch nicht, sich gegenseitig auf die Schultern zu klopfen, steht im Zentrum des Briefwechsels, sondern die Literatur mit ihren Möglichkeiten und das Möglichmachen von Literatur. Hein schreibt mit jener zwar feinsinnigen, aber auch überbordenden Ironie, wie sie im dicken Fell vieler DDR-Menschen hauste. Faber formuliert und argumentiert so weise und schöngeistig wie beharrlich.

„Im literarischen Stoffwechsel der Zeit empfindet sich der Verleger als eine Art Seismograph (sogar das Dringliche des Begriffs stimmt), von dem die Regungen des Publikums sorgfältig registriert werden“, schreibt er 1987. Wir müssen „die Buchkultur pflegen wie jede andere Kulturleistung auch, und wir müssen Widerstand leisten, wenn wir sie – meist durch technische Parameter bedingt – einem Kahlschlag ausgesetzt glauben. Gerade an dieser Stelle müssen wir zäh bleiben wie die Katzen.“ Auf schlecht gemachte Bücher solle ein „sozialistisches Publikum“ unbedingt verzichten dürfen.

„Urteil und Feeling“

In manchem Brief steckt ein Essay. Was das Büchermachen angeht, widersprechen die beiden einander mit einer Stimme, teilen sie doch die gesellschaftspolitische Identität. Mit Notwendigkeit, so Hein, müsse der Produzent eine andere Ästhetik, einen anderen Sachverstand haben als der Konsument. „Andernfalls könnte er nur die Verlängerung des ewig Gleichen produzieren und anbieten.“ Und natürlich kommt er immer wieder aufs Honorar zu sprechen, das gehört sich so in dieser Konstellation und passt ja auch zum Tonfall resignativer Belustigung. Nach 1990 werden die Lücken größer und die Gründe dafür deutlich. Sie liegen in den Umbrüchen.

Hat Faber den titelgebenden „Anschlag“ auf Hein vor, geht es oft darum, ihn zu Lesungen zu überreden. So gerät dieser Band zur Begegnung mit der Geschichte, mit Ansprüchen und Mentalitäten, einem „Geheimbund“, in dem, so Faber 1992, „Urteil und Feeling zu Stoff und Ästhetik und Kultur des Buches am Ende die Formulierung hergeben: das ist anspruchsvolle Literatur“. Dafür wurde Faber & Faber gegründet. Und mit dieser Haltung zur Kunst und zum Künstler soll es nun weitergehen.

Christoph Hein / Elmar Faber: Ich habe einen Anschlag auf Sie vor. Der Briefwechsel. Herausgegeben von Michael Faber. Verlag Faber & Faber; 160 Seiten, 22 Euro

Von Janina Fleischer

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