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Kultur Regional Darum wählt der Osten rechts: Der Soziologe Wolfgang Engler erklärt das Wahlverhalten der Ostdeutschen
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14:07 01.06.2019
Soziologe und Publizist Wolfgang Engler. Quelle: Milena Schloesser
Leipzig

Vor 20 Jahren hat der Soziologe Wolfgang Engler über „Die Ostdeutschen“ geschrieben, jetzt liegt eine erweiterte und aktualisierte Neuauflage in den Läden (Aufbau Taschenbuch; 352 Seiten, 12 Euro). Später hat er„Die Ostdeutschen als Avantgarde“ untersucht, „Unerhörte Freiheit“, „Geistige Armut – kulturelle Amnesie“ oder (gemeinsam mit Jana Hensel): „Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“. Geboren wurde Wolfgang Engler 1952 in Dresden, bis 2017 war er Rektor der Berliner SchauspielhochschuleErnst Busch“. Im Interview spricht er über Wahlergebnisse, Versäumnisse und Wünsche.

Sie haben sich für Ihre Bücher mehr als andere mit den Ostdeutschen beschäftigt. Haben sie mit der Stärke der AfD bei den Wahlen gerechnet ?

Nach dem, was ich so gehört und gelesen und mitbekommen habe, war das so zu erwarten. Ich war nicht überrascht.

Sind die Ostdeutschen so politisch oder so unpolitisch, dass sie rechts wählen?

Diese Entwicklung hat auch etwas Gutes, soweit man damit umzugehen weiß. So unerfreulich die Anlässe sein mögen mit NSU-Komplex und Pegida und dem Aufschwung der AfD, haben sie doch eine Repolitisierung der Gesamtgesellschaft ausgelöst. Wenn man sich zum Beispiel die Wahlbeteiligung anschaut. Leute, die sich auf freie Listen setzen lassen, weil sie auch ihre Haltung zum Ausdruck bringen wollen. Das kann im Rückblick dann vielleicht sogar ein Anstoß für eine wirkliche Verlebendigung des politischen Lebens in Deutschland sein. Das ist erst mal ambivalent in den unmittelbaren Auswirkungen, klar, aber à la longue vielleicht sogar ein guter Prozess.

Sie sagen: „wenn man damit umzugehen weiß“. Wie müsste man damit umgehen?

Wenn man nicht nur Ossi-Bashing betreibt, sich nicht nur auf die unmittelbaren Effekte fokussiert, die der Rechtsruck in der Gesellschaft hat, der in der Tat im Osten stärker zu beobachten ist als im Westen, sondern sich viel genauer mit den Prozessen beschäftigt, die dem zugrunde liegen. Weil man dann vielleicht auch Mittel in die Hand bekommt gegenzusteuern.

Diese Beschäftigung ist seit 30 Jahren fällig, findet aber nicht statt.

Oder wenn, dann findet sie mit zu großer zeitlicher Verzögerung statt. Unter anderem wäre es an der Zeit, die Entwicklung Ostdeutschlands stärker in Entwicklungen einzubetten, die in ihrem Kern überhaupt gar nicht ostdeutsch, auch nicht gesamtdeutsch sind. Wenn man sich der jüngeren Geschichte der Vereinigten Staaten, Frankreichs, Englands, in Brasilien und Österreich zuwendet, sieht man, dass es eine Rechtsverschiebung im politischen Spektrum im globalen Maßstab gibt und dass deren Wurzeln bis in die 1980er zurückreichen, dass sie mit einem Form- und Funktionswandel des Kapitalismus zu tun haben: Abkehr vom inklusiven sozialen Kapitalismus hin zu einer marktkonformen Demokratie.

Also sind die Ostdeutschen da jetzt Avantgarde?

Avantgarde wider willen. Nach der Wiedervereinigung hat man den Osten als Experimentierfeld für Gesamtdeutschland benutzt im Sinn einer teilweisen Entrechtung der abhängig Beschäftigten, man denke an die Hartz-IV-Gesetze, Heraufsetzung des Rentenalters, Abkehr vom Flächentarif ... „Mehr Kapitalismus wagen!“ lautete das Credo.

Sind die Effekte auch deshalb stärker, weil der Osten Ende der 80er viel stärker eine arbeiterliche Gesellschaft war?

Auf jeden Fall. Wenn man sich überlegt, dass der ökonomische Kahlschlag der frühen 90er Jahre ja nicht nur bedeutet hat, dass Hunderttausende ihre Arbeit verloren. Die Unternehmen im Osten waren mehr als nur rein ökonomische Einheiten: Da waren soziokulturelle, sportliche, medizinische und viele andere Einrichtungen angeschlossen. Oft genug verlor man mit der Arbeit zugleich den sozialen Zusammenhalt, die Möglichkeit, sich kulturell zu betätigen, Kindertagesstätten. Der Vorgang des Arbeitsverlustes war eine wirkliche Entblößung und insofern vielleicht noch sehr viel schmerzhafter als unter anderen sozioökonomischen Voraussetzungen.

Halten Sie es für möglich, dass Ostdeutsche sich mit ihrer Wahl für Desinteresse und Ignoranz des Westens rächen?

Davon bin ich sogar überzeugt. Was wir heute erleben, sind Nachwirkungen des jahrzehntelangen Desinteresses. Ich hatte eine ganze Reihe von Gesprächen, in Eisenhüttenstadt, Cottbus, Magdeburg, wo etliche Leute gesagt haben: „Lange haben wir unserer Enttäuschung zurückgehalten, diese große Kränkung in den frühen 90ern, dass wir zwar politische Rechte erobert haben, aber in unserem elementaren Lebensverhältnissen einen Bestimmungsverlust durch den Verlust der Arbeit erlitten haben. Lange haben wir unseren Protest erst der PDS, dann der Linkspartei anvertraut, aber wirklich durchgedrungen ist das erst, als wir einen Schritt weiter gegangen sind.“

Als sie rechts gewählt haben.

Ja. Mit einem Mal kommen die Politiker, kommen Journalisten in die ostdeutsche Provinz. Wissenschaftler kommen in Gruppen, um die Mentalität zu erforschen. Und da sagen die Menschen: „Jetzt haben wir die Aufmerksamkeit, die uns lange versagt geblieben ist, jetzt stehen wir im Mittelpunkt des Interesses, jetzt kommen die Probleme auf die Tagesordnung. Das war ungefähr das, was wir wollten.“ Rache ist vielleicht nicht das richtige Wort, aber es gibt so einen Selbstbestätigungseffekt.

Ihr Buch „Die Ostdeutschen“ ist als aktualisierte Neuauflage erschienen. Was haben Sie geändert?

Was ich mir noch mal angeschaut habe, waren die kritischen Prozesse in der DDR wie zum Beispiel 1965, als die Führung mit den Kulturschaffenden abrechnete, oder auch 1976 bei der Biermann-Affäre. Da wollte ich genauer einem sehr unglücklichen Phänomen der DDR-Geschichte nachgehen: warum Kulturschaffende oder Intellektuelle und Arbeiterschaft nie zusammengefunden haben. Im Grunde lassen sie sich immer wechselseitig im Stich. Das weist auch auf 1989 hin, wo es zunächst die Volkserhebung gibt und dann sehr schnell, schon im Dezember, eine Differenzierung. Die kulturell Engagierten votieren zunächst in großer Zahl für eine längere Koexistenz der beiden Deutschlands, wohingegen die Mehrheit der Arbeiter, der kleinen und mittleren Angestellten längst auf einem anderen Trip unterwegs waren.

Nun feiern wir 30 Jahre Mauerfall. Welche Floskeln können Sie nicht mehr hören?

Das Wunder des 89er Herbstes, das Geschenk der Wiedervereinigung, die Dankbarkeit, mit der uns das erfüllen soll. Darauf kann ich, und ich glaube: viele mit mir, total gut verzichten.

Und was sollte dringend gesagt werden?

Ich würde mir wünschen, dass auch in der medialen Betreuung des Ereignisses der Grundwiderspruch der Entwicklung seit 1990 stärker in den Fokus rückt: Dass auf der einen Seite die Ostdeutschen tatsächlich erreicht haben, was sie erreichen wollten: bürgerliche, politische und individuelle Freiheitsrechte. Und dass fast zeitgleich der soziale Boden unter Millionen Ostdeutschen jählings einbrach. Mit den Ausläufern dieses Bebens sehen wir uns heute konfrontiert. Was sich da bei vielen aufgestaut hatte, wurde lange nicht angemessen zur Kenntnis genommen, weder politisch noch medial. Wird schon, hieß es vielfach, dauert natürlich länger, muss man sich schon auch ein bisschen ins Zeug legen. Dass das kollektive Drama, das sich im Osten in drei, vier Jahren abspielte statt in 50 Jahren wie etwa im Ruhrgebiet – dass das so nonchalant übergangen wurde und bis heute nicht Teil einer gesamtdeutschen Erzählung ist, das macht die Leute teilweise echt rasend. Darüber könnte man schon mal reden.

Von Janina Fleischer

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