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Kultur Regional Diabolik inklusive: Oomph! rocken das Täubchenthal
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13:08 13.03.2019
Animationsprofi und Kollegen: Oomph!-Sänger Dero mit Band im Täubchenthal.
Animationsprofi und Kollegen: Oomph!-Sänger Dero mit Band im Täubchenthal. Quelle: Foto: Dirk Knofe
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Leipzig

Gebrauchsgothic! So stöhnte Goethes Erben Frontmann Oswald Henke 2017 im Interview, auf die Frage, wie sich die Schwarze Szene in den letzten Jahren entwickelt habe. Gemeint ist die auch von anderen beobachtete Tendenz, dass einem älter, und im Sinne von Variationsunwille, zunehmend konservativ werdenden Publikum eine Musik gegenüber steht, die frei vom avantgardistischen oder morbid-philosophischen Leidensanspruch der Anfangsjahre wenige Erfolgsrezepte baukastenartig immer wiederkäut.

Im 30. Jahr ihres Bestehens haben Oomph! am Dienstagabend den Fans ihre wiedererlangte Neue Härte um die Ohren gehauen.

Selbst Szene-Größen mussten sich vorwerfen lassen, entweder zunehmend schwächere oder sich zu sehr ähnelnde Alben abzuliefern, so auch Oomph! Mit ihrem neuen, 13. Longplayer „Ritual“ scheint ihnen nun ein Befreiungsschlag gelungen, prämiert mit Platz eins in den Charts, der auch live zu neuer Energie führt, wie die Braunschweiger am Dienstag im vollen Täubchenthal unter Beweis stellten.

Bevor es jedoch soweit ist, muss man, quasi zum Beweis des Henkeschen Vorwurfs noch den Support „Nervenbeisser“ ertragen. Immerhin, der Bandname ist gut gewählt, nagen sie doch schwer am Geduldsfaden mit ihrem einfallslosen Neue-Deutsche-Härte-Geschrammel und drücken mittels deutscher Klischeetexte obendrein kräftig auf die Fremdschäm-Taste.

Schlagzeilenkult der Generation Facebook

Was Bühnenpräsenz heißt, zeigen Oomph! hernach direkt bei ihrem Einlauf. Das Kreischpotenzial, dass besonders dem Ur-Trio Dero, Flux und Crap entgegenschlägt, ist hoch, Dero peitscht es mit wenigen Gesten ins Ohrenbetäubende. Gleich der Opener zeigt, dass Oomph! im 30. Jahr ihres Bestehens zu alter Härte und Explizität zurückgefunden haben: Der Opener „TRR-FCKN-HTLR“ zerpflückt genüsslich Schlagzeilenkult und unreflektierte Skandalgeilheit der Generation Facebook.

„We will rock you!“, stimmt Dero, diesmal mit Harald-Glööckler-Gedächtnisbart, danach an. Das Publikum jedoch scheitert an diesem Anspruch. Oomph! rocken, das Publikum jedoch rockt lediglich jubel- und klatschwütig zurück, körperliche Bewegung ist wenig auszumachen. Sichtlich überrascht wird es später von einem spontanen Stagedive Deros.

Dennoch hat man Spaß am Animationsprofi und seinen Mannen, sie haben ihren. Die langen Ledermäntel sind schnell abgelegt, statt theatral pathetisch wie manches Mal zappelt der markante Sänger am Dienstag wesentlich musik-getriebener über die Bühne, ohne jedoch die typische Oomph!-Diabolik in Blick und Zungenschlag zu verlieren.

Kein Zweifel, wo Oomph! politisch stehen

Zunächst springen sie noch zurück in alte EBM-Zeiten, Flux und Crap dazu ans Keyboard um ihren allerersten Song „Mein Herz“ zu hämmern. Gänsehaut schieben sie mit ihrem melodiösen Hit „Weißes Licht“ hinterher, bevor sie wieder aktuell und deutlich werden. Denn wo sich die Schwarze Szene oft um klare politische Haltung scheut, einige Vertreter der Neuen Deutschen Härte gern auch mal nach rechts schielen, lassen Oomph! keinen Zweifel daran, wo sie stehen. „Nie wieder Krieg!“ ist nur eines der Statements, die im Saal begeistert widerhallen. Zeilen wie „Wir sind alle Trümmerkinder und unsere Eltern alle Sünder“ könnten als Parole der aktuellen „Fridays for Future“-Proteste herhalten. Auch an einem Europa, das an seinen Außengrenzen Schutzsuchende ertrinken lässt, bleibt kein gutes Haar.

Selbst mit feiner Ironie inmitten klassischer Konzertspiele scheint aktueller Zeitgeist durch: Nachdem „Kerle“ und „Mädchen“ ihre Lautstärke unter Beweis stellen durften, lauscht Dero noch den „Diversen“ und dann allen zusammen. Hier ist jeder willkommen, betont er.

Das Publikum hängt an seinen Lippen und Gesten. Klar gibt es einen Unterschied zwischen Rock und Politik, aber es entbehrt am Ende nicht einer gewissen Ironie, dass Oomph! gegen Massenlenkung und bedingungslose Gefolgschaft ansingen und gleichzeitig in zwei Stunden Konzert meisterhaft und mühelos ihr Publikum zu allem möglichen animieren können.

Von Karsten Kriesel