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Kultur Regional „Die Banditen“ – Volker Insels durchgeknalltes Sommertheater nach Jacques Offenbach
Nachrichten Kultur Kultur Regional „Die Banditen“ – Volker Insels durchgeknalltes Sommertheater nach Jacques Offenbach
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11:04 10.07.2019
Carolin Masur und Armin Zarbock in der Premiere von „Banditen oder Die Mauer muss weg“. Quelle: Andre Kempner
LEIPZIG

Heribert Fritzschen hat’s nicht leicht. Nicht als Chef der erbarmungswürdigen Mitteldeutschen Operettenbühne und auch nicht in der Rolle des Räuberhauptmanns Falsacappa, der in seiner eigenen erbarmungswürdigen Inszenierung von Jacques Offenbachs „Banditen“ das Kommando über eine erbarmungswürdige Bande führt. Folglich hat’s auch Armin Zarbock nicht leicht, der beide spielt in Volker Insels aktueller Sommerproduktion – am Sonntagabend wurde auf dem zugigen Dach der Moritzbastei Premiere gefeiert.

Auf der Moritzbastei sind die „Banditen“ los.

Hauptsache Jubiläum

Offenbachs „Banditen“ also, eine seiner Operetten aus der zweiten Reihe. Eine mit bekloppter Handlung und herrlicher Musik. Eine ziemlich typische also und somit der passende Beitrag der Mitteldeutschen Operetten- und/oder der Inselbühne zum Offenbach-Jahr 2019. Denn am 20. Juni feierte die Musikwelt den 200. Geburtstag des Vorzeige-Parisers aus Köln. In Mitteldeutschland indes, der Subventionsheimat des Heribert Fritzschen und seiner kleinen Operettentruppe, feiert man 2019 etwas anderes: 30 Jahre friedliche Revolution und Mauerfall nämlich. Und darum bekommt Falsacappa alias Fritzschen alias Zarbock bei laufender Vorstellung einen unangenehmen Anruf: Entweder die „Banditen“-Produktion stellt sich der neuen Jubiläums-Situation, oder es gibt kein Geld vom Land. Und genau darum heißt das aktuelle Sommertheater der Inselbühne mit vollständigem Namen nun auch „Banditen oder Die Mauer muss weg“.

Glühwein im Juli

Das erinnert ein wenig ans Vorspiel von Strauss/Hofmannsthals „Ariadne auf Naxos“ und ist die Grundlage für die folgenden zwei Bruttostunden mit schrägem Witz, absurden Einfällen, zu Herzen gehendem Gesang, schlimmen Kostümen, künstlichen Bärten, einem kargen Bühnenbild mit Ficus und Schlagbaum, einem (fabelhaften) Notorchester aus zwei Keyboards – und Glühwein fürs Publikum. Denn anders ist der kalte Wind kaum auszuhalten an diesem gleichwohl höchst vergnüglichen Sommertheater-Abend.

Fadenscheinige Handlung

Was Volker Insel in die Finger gerät, wird ziemlich schnell zu Volker Insel. Drum ist es nicht allzu überraschend, dass Offenbachs ohnehin fadenscheinige Handlung alsbald aus dem Blick gerät angesichts der Verwicklungen auf und hinter der Mitteldeutschen Operettenbühne. Da träumen Maria und Michael Hinze als Orchestermusiker von Streichern und von Klaus – und helfen in allerlei „Banditen“-Rollen aus. Da hält Carolin Masur als gute Räuberbandenseele Pietro den Laden zusammen und hatte als Frau Baumann, Sabine!, im Rahmen einer historischen Weihnachtsfeier wohl mal was mit dem Chef. Da sind schließlich Lissa Meybohm und Benjamin Mahns-Mardy als finnisch-britische Gastsänger respektive Räubertochter, Prinzessin, Friseur und viele andere mehr noch zu jung, um ernsthaft etwas beitragen zu können zur Nobilitierung der Operette durchs hohe Jubiläums-Thema der Friedlichen Revolution.

Rigorose Neuverwurstung

Das alles klingt auf den ersten Blick genau so absurd, wie es auf den zweiten auch bleibt. Und gerade darum kommt Offenbach nicht unter die Räder bei dieser sprichwörtlichen Räuberpistole, sondern voll umfassend auf seine Kosten. Denn Volker Insel weiß sich bei seiner ziemlich rigorosen Neuverwurstung auch historisch auf der sicheren Seite: Auch zu Lebzeiten des lustigen Jacques waren die Handlungen seiner Operetten kaum mehr als Stichwortketten für schmissige Tänze und Couplets einerseits – und das Seil, an das die Akteure immer wieder neu und tagesaktuell ihre Pointen und Scherze und Anspielungen, ihre Bos- und Albernheiten klinkten andererseits.

Es war nicht alles schön!

Also halten „Die Banditen“ das alberne Grimassieren des ersten Teils ebenso souverän aus wie das kühn verrührte Spätachtziger-Ost-West-Medley (es war nicht alles schön!) des zweiten. Drum ist nicht schädlich, sondern einfach nur saukomisch, wenn nicht nur der Räuber Hotzenplotz durchs Bild läuft, sondern auch die Olsenbande, wenn an der Schänke „Zum fröhlichen Grenzverkehr“ die Wende-Banditen beider Seiten keinen Stich machen. Und dass die Sache mit dem Jubiläum und den Fördermitteln am Ende doch noch ganz anders kommt, schadet auch nicht weiter.

Durchgeknallte Räuber-Operetten-Truppe

Das Publikum jedenfalls friert – und amüsiert sich dabei wie Bolle. Das hat einerseits damit zu tun, dass die Qualität von Offenbachs Musik nicht nur das Pfeifen des Windes übertönt, sondern auch die Fährnisse von Heribert Fritzschens Mitteldeutscher Operettenbühne. Andererseits liegt es, und das ist weitaus wichtiger, daran, dass Volker Insels durchgeknallte Räuber-Operetten-Truppe auf der Bühne offenkundig von der ersten bis zur letzten Minute ebenso viel Spaß hat wie das Publikum davor. Und wenn Offenbach das erreicht hatte, dann war er zufrieden.

Vorstellungen: heute, 13., 14., 16. bis 20., 23., 25. bis 28. Juli. Karten und Infos unter www.moritzbastei.de

Von Peter Korfmacher

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