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Kultur Regional Die Kraftvolle: Ursula Karusseit im Alter von 79 Jahren verstorben
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18:51 01.02.2019
2010 war Karusseit auf der Leipziger Buchmesse in der LVZ-Autoren-Arena zu Gast. Norbert Wehrstedt interviewte sie. Quelle: Andreas Döring
Leipzig

Biografien lieben Umwege. Ursula Karusseits Weg zum Beruf hatte bestenfalls eine kleine Kurve. Die bauten ihre Eltern. Von der Schauspielerei wollte nämlich weder der Vater, ein Stellmacher, der zum Neulehrer nach dem Krieg wurde, noch die Mutter etwas wissen. Das Mädchen, das aus Elbing (Ostpreußen) in die Kleinstadt Parchim fliehen musste, drei Jahre dort lebte, bis sie nach Gera zog, sollte was Praktisches lernen: Verwaltung und Wirtschaft. So ging sie tags in die Maschinenfabrik WMW Union – und abends ins Kabarett. Arbeiterin probierte Theater.

Ende der 50er fuhr sie dann nach Leipzig, sprach an der Schauspielschule Lady Milford („Kabale und Liebe“) vor – und fiel durch. Also weiter nach Berlin. Dort gefiel sie. Dort studierte sie. Dort hatte sie ihre großen Erfolge. Noch im Studium kam sie zur Volksbühne, 1964 holte sie Wolfgang Heinz ans Deutsche Theater, sechs Jahre später ging sie wieder zurück zur Volksbühne und blieb bis 1986.

Die am 1. Februar 2019 verstorbene Schauspielerin Ursula Karusseit hatte eine bewegte Karriere hinter sich. Wir zeigen sie.

Ursula Karusseit, die durch ihren ersten Ehemann, den Schweizer Benno Besson, einen Schweizer Pass besaß, kannte keine Theater-Pause. Sie liebte die Bühne, die klassische Tradition, die Wolfgang Heinz pflegte, die fantasievollen Welten, die Benno Besson entwarf. Als Elsa in seiner legendären „Drachen“-Inszenierung wurde sie selbst zu einer Legende. Was sie nicht liebte, das war der Aufputz alter Stücke zu Zirkuspferden einer selbstverliebten Regie. Mit solchen Maskeraden konnte sie so wenig anfangen wie mit der Sucht nach ausgestellter Nacktheit.

Misstrauen gegen alle Ideologie

Einige bittere Erfahrungen blieben ihr allerdings nicht erspart. Da diese politische Hintergründe hatten, hegte sie bald heftiges Misstrauen gegen alle Ideologie. „Moritz Tassow“ von Peter Hacks, bei dem sie dabei war, wurde nach neun Vorstellungen verboten, an Heiner Müllers „Macbeth“ krittelten FDJ-Funktionäre so lange herum, bis er den Kulissentod starb, Rudi Strahls „Das Blaue vom Himmel“, bei dem Ursula Karusseit erstmals Regie führen sollte, scheiterte am Gegenwind, der von der Volksarmee kam. So wurde erst John Synges „Der Held der westlichen Welt“ ihr Regiedebüt. Die DDR verließ sie trotz allem nicht, auch wenn sie ab 1986 drei Jahre in Köln Theater spielte – und dort „Mutter Courage“ sein durfte.

Im Theater konnte Ursula Karusseit all das sein, was sie im Kinofilm oder im Fernsehen nur selten sein durfte. Sie war Komödiantin und die Kraftvolle, kauzig und leidend, dramatisch und lyrisch, laut und leise. „Ich liebte das Schräge, das Kantige, auch das etwas Raue, Ruppige oder Burschikose“, hat sie einmal gesagt. Eines blieb sie in jeder Rolle: ein Vollblut. Das war sie auch gerade wieder in Coline Serreaus „Hase Hase“ in der Berliner Komödie am Kurfürstendamm, neben ihrem Sohn Pierre Besson („SoKo Köln“).

Schauspielerin Ursula Karusseit in der Maske. Eine Aufnahme von 2001. Quelle: Armin Kühne

Defa-Auftritte blieben selten

In der DDR war Ursula Karusseit seit Ende der 60er, seit „Wege übers Land“, ein Star. Sie war im TV-Fünfteiler Gertrud Habersaat, erst Magd, dann Großbäuerin im besetzten Polen, schließlich Neubäuerin und LPG-Chefin in der DDR. Vom Nationalpreis, den sie im Kollektiv für diesen Straßenfeger erhielt, kaufte sie in Senzig ein waldnahes Grundstück, auf dem sie nach der Wende ein Haus baute. Womöglich lag es an diesem TV-Erfolg, dass die Film-Angebote nicht gerade ins Haus stürmten. Ursula Karusseit, noch nicht einmal 30, blieb Gertrud Habersaat, die sie psychologisch feinsinnig, mit warmen Augen und Energie spielte. Über 60 Filme kamen zusammen.

Defa-Auftritte blieben selten, aber man erinnert sich an ihre kurzen Auftritte, an die Widerstandskämpferin Hilde Coppi („KLK an PTX – Die rote Kapelle“), die Doppelrolle Königin/Schmiedin („Die vertauschte Königin“), an die deftige Rummelplatz-Lola („Olle Henry“), an die Bildhauer-Frau („Der nackte Mann auf dem Sportplatz“), die einsame Parteifunktionärin („Die Stunde der Töchter“). Im Fernsehen war sie die politisch bewusste Hilde in „Daniel Druskat“ und die Gutsfrau Sieglinde Zahn in der „Märkischen Chronik“.

Nach der Wende drehte sie neben einigen Fernsehfilmen („Der zweite Frühling“, „Willkommen auf dem Land“, „Wir tun es für Geld“) auch mit Andreas Dresen („Nachtgestalten“) und Oskar Roehler („Elementarteilchen“). Kleine, aber sehr intensive Auftritte, die im Gedächtnis blieben. So wie die Dauer-Erfolgsserie „In aller Freundschaft“ auch durch Ursula Karusseit so populär werden konnte. Sie war vom Serienstart an Charlotte Gauss, eine warmherzige, selbstbewusste, unternehmungsfreudige, familiäre Frau, die aus der Rolle der Haushälterin herauswuchs, Tode und Abschiede durchleben musste – und das mehr als 20 Jahre lang. Zu ihrem 70. Geburtstag beschenkte sie sich mit einem Stück im „Theater am Rand“ vom Serien-Kollegen Thomas Rühmann. Das liegt über neun Jahre zurück. Am Freitag ist Ursula Karusseit, seit 1998 mit dem Beleuchter Johannes Wegner verheiratet, verstorben – mit 79 Jahren.

Am 15. März erscheint „Zugabe“, Erinnerungen von Ursula Karusseit, das die LVZ zur Buchmesse im Gespräch mit ihr vorstellen wollte. Dazu kommt es nun nicht mehr.

Von Norbert Wehrstedt

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