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Kultur Regional Die Rocker-Seele des ewigen Teeniestars: Michael Patrick Kelly im Haus Auensee
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00:21 01.12.2017
Im Rampenlicht Gefühl zu zeigen, hat er von klein auf gelernt: Michael Patrick Kelly im Haus Auensee. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Ein bisschen gemein ist es schon, einen Bericht über ein Paddy-Kelly-Konzert mit einer Rückschau auf die Kelly Family zu beginnen, aber es geht nicht anders: Kaum ein Neunziger-Kind konnte dem Kelly-Hype entfliehen, schon damals hasste oder liebte man sie, dazwischen gab es nichts. Zahlreiche Rekorde, ausverkaufte Hallen weltweit und kreischende Teeniehorden begleiteten insbesondere die jüngsten Sprösse Angelo und Paddy über Jahre.

Dass das Spuren hinterlässt, ist nachvollziehbar. Eine Lebenskrise inklusive Suizidgedanken plagten insbesondere Paddy so stark, dass er sich 2005 komplett aus der Öffentlichkeit zurückzog und als Mönch in einem Kloster lebte. Der Drang nach Musik war jedoch so groß, dass er 2010 austrat und seitdem als Solomusiker unterwegs weg – überaus erfolgreich, wie CD-Verkäufe, regelmäßige Tourneen und Auftritte in Fernsehshows wie „Sing meinen Song“ beweisen. So wundert es nicht, dass das Konzert im Haus Auensee am Montagabend trotz eisiger Kälte ausverkauft war.

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Es sind wohl doch hauptsächlich die alten Kelly-Fans

Bereits bevor Paddy die Bühne betritt, stehen ausnahmslos alle und jubeln frenetisch. Es verwundert allerdings ebenso wenig, dass das Publikum zu 90 Prozent weiblich und zwischen 25 und 55 Jahre alt ist – es sind wohl doch hauptsächlich die Kelly-Fans, die ihr früheres Idol noch immer anhimmeln und alte Zeiten aufleben lassen wollen. Das merkt man deutlich, als Paddy nach etwa einer halben Stunde ein Medley aus drei Kelly-Hits anstimmt: den Welthit „An Angel“ (den alle auch nach 23 Jahren textsicher mitsingen können), „One More Song“ sowie „One More Freaking Dollar“. Auch wenn jedes Lied, das er hier spielen wird, adäquat bejubelt wird – bei den ersten Klängen von „An Angel“ ist die Euphorie überwältigend. Ein Paddy-Kelly-Konzert ohne dieses Lied, es ist wohl undenkbar. Statt die alten Hits wie noch auf der Human-Tour 2015 komplett zu spielen, muss nun ein einziges Medley ausreichen, um die Erwartung des Publikums zu erfüllen. Wie sehr muss ihn das wurmen, nach all den Jahren als erfolgreicher Solo-Musiker immer noch dieses Image auf den Schultern tragen zu müssen?

Dabei macht Michael Patrick, wie er bürgerlich heißt und sich mittlerweile auch als Künstler nennt, alles richtig: eingängige Songs und eine wunderbar melodische Stimme, tolle Band, viel Interaktion mit dem Publikum, Licht- und Videoshow, Würdigung von verstorbenen und zeitgenössischen Kollegen – alles stimmt, alles ist massentauglich und familienfreundlich. Dass der 39-Jährige ein begabter Songschreiber und sympathischer Entertainer ist, wird durchgängig deutlich. Das Publikum lacht mit ihm, klatscht und singt nach seiner Vorgabe im Chor.

Der Katzenfütterer von Leipzig

Besonders live fällt zudem auf, wie stilistisch vielschichtig seine Musik ist. Von melancholischen Herzschmerz-Liedern, die er mit Gitarre begleitet, bis hin zu eingängigen Popsongs („Shake Away“, „Wave Your Flag“), rockigen Stücken und Covern (Gentleman, sogar Mark Forster!) ist alles dabei. Zwischendurch erzählt Paddy Anekdoten von seinen Anfängen als Straßenmusiker („Der Katzenfütterer von Leipzig“) und streut küchenphilosophische Weisheiten ein.

Nichts davon geht zu tief, aber es verbindet alle Anwesenden, finden sich doch alle darin wieder. Vermutlich ist das – neben den bombastischen Songs – schon immer eines der Erfolgsmerkmale der Kellys gewesen: Sie sind bodenständig, sympathisch, ehrlich, nett. All dies verkörpert auch Paddy, und er nutzt es aus, ohne kalkuliert zu wirken.

Und doch will er anders wahrgenommen werden, diese Botschaft wird deutlich. Dass die aktuelle Tour unter dem Motto „ID“ steht, ist daher so passend wie bezeichnend. Drei Fragen beschäftigten ihn im Rahmen der Albumproduktion: Wer bin ich, wer bist du, wer sind wir? Die Antwort auf die erste Frage scheint „ein Rockstar“ zu sein. Das zeigen die langen Soli der Bandkollegen, die Lichteffekte, sein Outfit und vor allem die neuen Stücke, die überraschend rau und wild sind. So richtig mag man es Paddy nicht abnehmen, das Teenie-Image klebt noch zu stark. Und doch verlassen nach fast drei Stunden Konzert alle zufrieden den Saal – ob er es auch ist? Man wünscht es ihm von Herzen, er hat es verdient.

Von Caroline Baetge