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Kultur Regional Die Teenie-Träume sind nicht verjährt
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18:29 02.06.2019
„Girl Got A Gun“, singt Bill Kaulitz im Haus Auensee, und die Hand des 29-Jährigen formt eine Pistole.
„Girl Got A Gun“, singt Bill Kaulitz im Haus Auensee, und die Hand des 29-Jährigen formt eine Pistole. Quelle: Thomas Kube
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Es ist überraschenderweise der nach wie vor größte Tokio-Hotel-Hit „Durch den Monsun“ von 2005, bei dem die Band am Freitagabend im Haus Auensee ganz bei sich schien. Nach anderthalb Konzertstunden trägt Bill Kaulitz da keinen seiner spektakulären Fummel mehr, sondern einfach ein T-Shirt, und zu hören ist das, was man auch sieht: Gitarre, Bass, Schlagzeug und einer, der singt. Plus Zuschauerchor: „Dann wird alles guuut“, schwelgt die Schar, die sich – zweite Überraschung – nicht nur aus jungen Frauen Mitte 20 zusammensetzt, die seinerzeit im richtigen Alter waren, um das Teenie-Phänomen von ganzem Herzen anzuhimmeln. Nein, bestimmt ein Viertel des Publikums ist männlich. Sogar ein paar Gäste, die schon damals im Elternalter gewesen sein müssen, sind da.

Sie haben zuvor eine Show mit viel Schnickschnack erlebt, die wie für eine größere Bühne konzipiert wirkt – dabei ist mit etwa 2000 Besuchern noch nicht mal das Haus Auensee annähernd voll. Gleichwohl schaffen riesige Leuchtstangen am vorderen Bühnenrand Distanz zwischen Band und Fans, und im Kunstnebel lässt sich über weite Strecken schwer erkennen, was auf den zwei Stockwerken im Rampenlicht passiert.

Am Freitag hat die Band vor 2000 Fans im Haus Auensee das letzte Deutschland-Konzert ihrer „Melancholic Paradise“-Tour gegeben

In American-Football-Montur kriegt es Bill Kaulitz irgendwie alleine hin, das Eröffnungsstück „When It Rains It Pours“ – eine neue, griffige Power-Ballade – mehrstimmig zu singen. Auch bei „Girl Got A Gun“ und „The Heart Get No Sleep“ dröhnen weit mehr Töne aus den Lautsprechern, als die Musiker augenscheinlich gerade fabrizieren. Derlei ist keineswegs automatisch verwerflich, vielmehr übliche Pop-Praxis, führt hier aber leider zum Klangbrei. Und wo steckt eigentlich Schlagzeuger Gustav Schäfer? Ach da, ganz links im Erdgeschoss der Bühne.

„What a beautiful day!“ Der Sänger begrüßt die Menge nach ein paar Liedern allen Ernstes auf Englisch. Man lebt eben nicht mehr in Magdeburg, sondern Los Angeles. Kurz darauf wechselt er aber doch ins Deutsche: Es sei schön, mal wieder in der Geburtsstadt aufzutreten, sagt er. „Vor ungefähr 30 Jahren war meine Mama hier irgendwo im Krankenhaus. Wir wissen zwar nicht mehr viel davon. Aber ich weiß, dass ich diese Stadt besonders mag.“

Seine Aura, die zwischen 2005 und 2010 einen Großteil des Erfolgsgeheimnisses von Tokio Hotel ausmachte, hat Bill Kaulitz auf der Bühne bis heute kaum verloren. Er leuchtet mehr als aller Schnickschnack: Man muss ihm einfach zuschauen, was er so alles macht. Während die Band „Darkside Of The Sun“ rockt, zieht er sich nach hinten zurück, in Begleitung einer Kamera freilich, die nach vorne auf die Leinwand projiziert, wie er eine Game-of-Thrones-Kutte gegen ein Kleiner-Prinz-Kostüm tauscht. Huch, ertappt!, sagt sein Grinsen. Er verteilt Kusshändchen. Der bis dahin intimste Konzertmoment findet bezeichnenderweise per Videoschalte statt.

Hallo #Leibzig

Mit Heidi Klum und Leipzig ist es ein bisschen, wie es Rainald Grebe in seiner Thüringen-Hymne singt: „David Bowie ist auch schon einmal drüber geflogen.“ Leider hat Bowie keinen Tweet überliefert, wie er die Zeit über den Wolken empfand. Im Gegensatz zur Model-Urmutter: Sie feierte in der Nacht von Freitag auf Sonnabend in Leipzig in ihren 46. Geburtstag hinein und setzte die Welt davon auf Instagram in Kenntnis. Mit dem Hashtag „leibzig“ und 27 Emoticons heftete sie vier Fotos eines überdimensionierten Rosenstraußes an die Online-Pinnwand. Die Blumen hatte ihr offensichtlich ihr Verlobter geschenkt. Mit einem Küsschen – ebenfalls dokumentiert – bedankte sie sich bei ihm.

Leiphaftig, Pardon, leibhaftig ließ sich Heidi Klum in Leipzig allerdings nicht blicken. Obwohl besagter Verlobter, Gitarrist Tom Kaulitz, 29, beruflich in seiner Geburtsstadt war und ihr sogar ein Podium zum Winken bot: Immerhin etwa 2000 Menschen füllten am Freitagabend beim Tokio-Hotel-Konzert im Haus Auensee das Parkett. Der Balkon dagegen war mangels Nachfrage gar nicht erst offen fürs Publikum. Doch nicht von oben beäugte sie den Auftritt, sondern unsichtbar für die Fans wohl vom Bühnenrand aus. Jedenfalls drehte ein Mobiltelefon von dort ein paar Konzerteindrücke, die tags drauf bei Instagram abrufbar waren.

Mit einem ausdrücklichen „Sorry“ korrigierte Klum (oder ihr Social-Media-Team) später „#leibzig“ in „#LEIPZIG“. Der zwischenzeitliche Fehler hatte die 197 915 Menschen, die bis gestern mittels Mausklick ihr Gefallen an der Geburtstagsnachricht bekundeten, aber ohnehin nicht gestört. Sowieso zeigte sich die Stadt am Wochenende so unbeeindruckt von Klums Durchreise wie seinerzeit Thüringen, als David Bowie drüber flog.

Die Anhänger freut’s rum wie num, beeindruckend textsicher präsentieren sie sich auch bei den neueren Sachen: „Boy Don’t Cry“, „Run, Run Run“, vor allem „Melancholic Paradise“, ein lässiges Funk-Stück und gleichzeitig Titelmelodie der jüngsten Staffel von „Germany’s Next Topmodel“, singen sie Zeile für Zeile mit. Die Frage, ob Heidi Klum ihren Verlobten Tom Kaulitz, Bills Zwillingsbruder und Gitarrist der Band, auch nach Leipzig begleiten würde, rauschte im Vorfeld und Nachgang durch den Online-Blätterwald. Im Saal spielt das aber keine Rolle. Auch nicht, als Tom an einer Loop-Station zu einer durchaus mitreißenden Solo-Show ansetzt. Nacheinander spielt er Gitarre, Keyboards, Schlagzeug ein, singt und dirigiert sogar die Winkebewegungen des Publikums. Erst tags drauf macht seine Verlobte per Instagram publik, dass sie das Spektakel vom Bühnenrand aus verfolgt und er ihr um Mitternacht mit einem riesigen Rosenstrauß zum 46. Geburtstag gratuliert habe.

„Unsere VIPs“ seien an diesem Abend andere, verkündet hingegen Bill Kaulitz kurz vor Konzertende. Neun junge Frauen betreten die Bühne, um zu „Heilig“ von 2007 den Refrain beizutragen. Sie haben sich zusätzlich zum regulären Ticket ein gut 1000 Euro teures „I Want More“-Upgrade gegönnt, waren bereits beim Soundcheck dabei und werden den Musikern später noch ein paar Fragen zur Show stellen dürfen. Zum Monsun-Lied stimmen sie allerdings wieder unten im Fußvolk in den Chor ein.

Immerhin müssen sie sich dort nicht strecken, als Tom Kaulitz, Gustav Schäfer und Bassist Georg Listing nach dem letzten Ton des Schlagerpop-Songs „Berlin“ den Zuschauern eifrig Drumsticks, Plektren und verschwitzte Handtücher entgegenwerfen. Zum VIP-Paket gehört erklärtermaßen auch „ein Gegenstand, der während der Show benutzt wurde“. Da werden Teenie-Träume war – wenn auch mit fast 15 Jahren Verspätung.

Von Mathias Wöbking