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Kultur Regional „Die fetteste Show überhaupt“: Kiss starten ihre Abschiedstour in der Arena Leipzig
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16:59 23.05.2019
Paul Stanley beim letzten Kiss-Konzert in Leipzig (2015). Quelle: André Kempner
Leipzig

Kiss geht zum letzten Mal auf Tour. Der deutschstämmige Frontmann Paul Stanley, 66, erzählte Olaf Neumann, warum er nach 45 Jahren keine Lust mehr auf Schminke und Plateausohlen hat und was ihn als Jude mit Deutschland verbindet.

Die Abschiedstournee von Kiss steht unter dem Motto: „The One Last Kiss: End of the Road World Tour“. Fällt es Ihnen leicht, good bye zu sagen?

2015 räumte Kiss in der Arena schon ziemlich bombastisch ab, diesmal soll alles noch fetter werden.

Ich denke, ja. Ich möchte aber nicht so weit gehen und es als Befreiungsschlag bezeichnen. Es war natürlich eine große Entscheidung, zu sagen, dass wir ein letzten Mal um die Welt touren wollen mit allen Hits und weiteren Songs, die wir in unserer Karriere gemacht haben. Wir möchten uns bei unseren Fans bedanken mit der fettesten Show überhaupt. Kiss ist keine Band, die einfach verrauscht, wir wollen uns mit der explosivsten Show aller Zeiten verabschieden – damit wir so in Erinnerung bleiben, wie man uns seit 45 Jahren kennt.

Was meinen Sie damit?

Es ist eine komplett neue Show. Sie hat nichts mit den Bühnen aus der Vergangenheit zu tun. Sie ist bombastisch. Es gibt noch mehr von allem. Wir werden auch länger spielen als sonst – ein großer Unterschied zu den Tourneen in den letzten Jahren.

Lässt sich der Show-Gigantismus von Kiss überhaupt noch steigern?

Das glaube ich schon, denn bei dieser Tour geht es nicht nur um eine gigantische Bühne, um Technik und die Songs, sondern vor allem um die Atmosphäre, die Umstände und die Feier eines Klassikers.

Werden Sie sich nach der Tour von der Musik zurückziehen und nur noch malen oder designen?

ch will alles machen! Für mich gibt es viele Möglichkeiten, kreativ zu sein. Ich will auf jeden Fall weitermachen. Musik ist mir natürlich sehr wichtig, aber die Kunst nimmt auch einen großes Teil meines Lebens ein. Ich designe gerne Kleidung, meine Schuhmodelle für Puma haben sich weltweit sehr gut verkauft. Davon wird es mehr geben. Ich habe nicht vor, von der Bildfläche zu verschwinden. Aber nach dieser Tour werden Kiss nie wieder in Ihrer Stadt spielen.

Werden Sie dann noch gelegentlich in Ihrer Heimatstadt Los Angeles spielen?

Nein! Nach dieser Welttour wird es keine weiteren Tourneen von Kiss geben.

Wird es weitere Alben geben?

Das kann ich mir wirklich nicht vorstellen.

Ein deutscher Schlager behauptet, das Leben fange mit 66 Jahren erst an. Wie fühlen Sie sich als Mann in diesem Alter?

Manchmal glaube ich, den Verstand zu verlieren, weil ich mich wie 26 fühle. Wenn das Leben wirklich erst mit 66 beginnt, dann habe ich noch einen langen Weg vor mir.

Wenn ist man zu alt für Rock ’n’ Roll?

Jeder muss für sich selbst entscheiden, wie lange er etwas macht. Manchmal sagen Leute über Künstler oder Sportler: „Ich habe ihn noch erlebt, als er wirklich groß war. Ich wünschte, er würde aufhören, weil ich ihn so nicht in Erinnerung behalten möchte“. Aber man muss da ja nicht hingehen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Kiss sich verabschiedet. Meinen Sie es wirklich erst?

Die Umstände sind ganz anders. Dass wir vor 19 Jahren beschlossen, auf Abschiedstournee zu gehen, hatte etwas mit unserer damaligen Besetzung zu tun. Es war kein Abschied von der gesamten Band, sondern nur von ein paar Mitgliedern. 19 Jahre später können wir mit Fug und Recht behaupten, nie mehr Spaß gehabt zu haben als heute. Aber man soll ja immer dann aufhören, wenn es einem am meisten Spaß macht.

Werden die Originalmitglieder Ace Frehley und Peter Criss Sie bei der Tour unterstützen?

Für mich ist diese Tour eine Feier von allem, was Kiss war, ist und sein wird. Wichtige Teammitglieder dieser Reise zu ignorieren fände ich komisch und ein bisschen blind. Ich hoffe, dass es auf unserer Tour Gastauftritte von ehemaligen Bandmitgliedern gibt wird. Denn sie sind Teil unserer Geschichte. Ich glaube aber nicht, dass ein Gast die ganze Zeit mit uns auf Tour sein wird. Ich kann nur wiederholen, dass diese Show die Leute wegblasen wird. Fetter und besser geht es einfach nicht!

Haben Sie noch Visionen für die Marke Kiss?

Natürlich. Kiss ist mehr als nur eine Liveband. Kiss ist eine Lebenseinstellung. All das geht ja weiter.

Sie verkaufen sogar Kiss-Särge.

Es gibt sie, ja, wir zwingen niemanden, sich da hineinzulegen. Warum sollte es diese Dinge nicht geben?

Möchten Sie in einem bestattet werden?

Ich plane meinen Tod nicht!

Für viele Ihrer Fans sind Sie ein Rock-Gott. Wie fühlt sich das an?

Wenn ich jemanden inspiriere oder ein Idol bin, dann finde ich das okay. Ich bin aber kein Prediger, der auf einem Sockel oder Altar steht und Leuten sagt, was sie tun oder lassen sollen. Mir hören Leute zu, weil ich nicht viel anders bin als sie selbst. Vielleicht habe ich in meiner Karriere ein paar weise Entscheidungen getroffen und habe ein tolles Leben, aber ich sage niemandem, wie man das erreichen kann. Ich bin eher hier, um Stimmung zu machen und Menschen anzuschubsen.

Was ist vom „American Dream“ geblieben?

Alles! Trotz des Aufruhrs, der in meinem Land derzeit herrscht und in der Vergangenheit des öfteren geherrscht hat, gibt es diesen Traum noch. Das Leben hier kann sein wie eine Fahrt auf der Achterbahn, aber es geht sehr oft gut aus.

Was würden Sie als erstes tun, wenn Sie Präsident der Vereinigten Staaten wären?

Zurücktreten!

Warum?

Weil es ganz wichtig ist, zu wissen, zu was man persönlich fähig ist und zu was nicht. Wir müssen unsere Stärken und Schwächen kennen. Ich wünschte, mehr Menschen könnten ihre Fähigkeiten beurteilen. Dann wäre die Lage viel entspannter.

Ihre Mutter wurde in Berlin geboren, Ihr Vater in Polen. Viele Ihrer jüdischen Vorfahren wurden von den Nazis ermordet. Mit welchen Gefühlen sind Sie anfangs nach Deutschland gekommen?

Viele der Freunde meiner Eltern hatten eintätowierte Nummern auf dem Unterarm. So brutal tätowierte die SS KZ-Häftlinge. Meine Mutter ist mit ihren Eltern aus Berlin nach Amsterdam geflohen, sie konnten damals nur ihr nacktes Leben retten. Aber sie mussten auch aus Amsterdam fliehen. Mein Verhältnis zu Deutschland war geprägt von Geschichtsbüchern und anfangs ganz sicher nicht positiv.

Wann änderte sich Ihre Einstellung?

Mit der Zeit musste ich die Erfahrung machen, dass es in Deutschland eine neue Generation gibt. Die Dinge haben sich von Grund auf geändert. Ich finde, dass man Menschen an ihren eigenen Handlungen beurteilen sollte und nicht an denen ihrer Eltern. Mein Verhältnis zum heutigen Deutschland ist fabelhaft. Die Leute, mit denen ich zu tun habe, sind großartig.

Kiss in der Arena Leipzig: 27. Mai, 19.30 Uhr, Einlass ab 17.30 Uhr, Karten gibt es u.a. in der Ticketgalerie Leipzig (LVZ-Foyer, Peterssteinweg 19; Barthels Hof, Hainstr. 1), unter der gebührenfreien Telefonnummer 0800 2181050, www.ticketgalerie.de

Von Olaf Neumann

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