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Kultur Regional Die verschwundene Sonne: Restaurator macht überraschende Entdeckung
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19:00 30.07.2019
Rüdiger Beck restauriert in seiner Werkstatt im Museum der bildenden Künste in Leipzig das 1544 entstandene Gemälde „Die sieben Lebensalter des Weibes“ von Hans Baldung. Ab 30. November ist es in einer großen Ausstellung in Karlsruhe zu sehen. Quelle: André Kempner
Leipzig

Im Himmel hörte der Spaß auf. Vor einem Jahr war aus Karlsruhe eine Leihanfrage für Hans Baldungs „Die sieben Lebensalter des Weibes“ im Museum der bildenden Künste in Leipzig eingetroffen. Anlass für Restaurator Rüdiger Beck, sich das Bild mal vorzunehmen. Zunächst scheint es relativ unkompliziert, die über das ganze Bild verteilten hellen Flecken zu korrigieren. Es sind ausgebleichte Retuschen, Spuren einer rund 50 Jahre zurückliegenden Restaurierung, die Beck mit feinen Lasuren repariert. Doch dann gerät er oben, im Blau des Himmels, an eine große Fehlstelle. „Da bin ich kläglich gescheitert“, erzählt er.

1544 malte Hans Baldung das Bild „Die sieben Lebensalter des Weibes“. Bei der Restaurierung gab es jetzt einige Überraschungen.

Beck beschließt, tiefer in die Geschichte dieses 1544 auf Lindenholz gemalten Bildes einzusteigen. Er beginnt eine Restaurierung, an deren Ende wohl nicht die Kunstgeschichte umgeschrieben werden muss, wohl aber ein Spitzenwerk des Leipziger Museums in neuem Licht erscheint.

Holzwürmer im Himmel

Der 61-Jährige nimmt Firnis und Übermalungen komplett herunter und sieht die Bescherung: Anobienschaden. Die Fraßgänge der Larven des Gemeinen Nagekäfers, auch Holzwurm genannt, durchziehen verschiedene Teile des Bildes, nicht nur den Himmel, sondern zum Teil auch die Darstellungen der Frauen. Streiflicht-Aufnahmen machen es noch deutlicher: Eine Wade sieht zum Beispiel aus, als wäre sie von Krampfadern durchzogen. „Im Laufe der Zeit ist die Farbschicht in die Hohlräume eingesunken“, erklärt der Restaurator. Ziemlich schnell wird Beck klar: Hier wurde massiv in den Holzkörper eingegriffen – und zwar bei einer Restaurierung, lange bevor das Bild 1944 aus dem Vermächtnis des Leipziger Bankiers und Kunsthistorikers Fritz von Harck in die Sammlung kam. In dessen Villa in der Karl-Tauchnitz-Straße 6 hing es im „Blauen Zimmer“ über einer Kommode.

Der Schaden war offenbar so groß, dass an beiden unteren Ecken Holz eingesetzt werden musste. Beck macht eine Probe an diesen Ausbesserungsstellen, geht tiefer, „und da sehe ich, dass da plötzlich Blau zum Vorschein kommt. Ich bin richtig erschrocken. Ich habe nicht damit gerechnet, dass da Malerei drunter ist.“ Was dem Restaurator erst allmählich dämmert: Er könnte auf ein Stück Himmel gestoßen sein – ein Stück Himmel desselben Bildes. „Ich habe mir die Wolkenformation noch mal angesehen, aber ich bin nicht richtig weitergekommen.“ Beck holt sich Hilfe. Mit einer Chemikerin nimmt er Proben. Der Befund lässt keine Fragen offen: Die Pigmente sind identisch. Und, was ein ganz starkes Argument für die Himmels-These ist, der Schwerspat-Anteil ist oben und unten prozentual gleich. Schwerspat, auch Baryt genannt, wurde beigemischt, um die Farbe zu strecken.

Sonne unten links

Damit ist fast zu hundert Prozent sicher: Am oberen Bildrand wurde ein Stück Himmel abgesägt, Beck schätzt, das es rund zehn Zentimeter sind, die heute fehlen. Teile davon wurden unten eingesetzt. Der Restaurator, der seit etwa einem Jahr mit längeren Pausen an dem Bild arbeitet, geht nun einem weiteren Verdacht nach: der gelbliche Schein oben im Himmel, den Beck zunächst auf verschiedene Vergilbungsstufen der Firnisreste zurückführt, könnte die Korona der Sonne sein. Einer Sonne, die mit abgesägt wurde. Einer Sonne, deren Gelb auf einem links unten eingesetzten Holzstück durchschimmern könnte. Sitzt also das mit einer Perlenkette spielende Kind quasi auf der Sonne?

Auch hier werden Proben genommen, von der Korona oben und von dem Gelb unten. Beide enthalten Bleizinngelb, ein klassisches historisches Pigment, und wieder findet sich der gleiche Schwerspat-Anteil. Damit ist es so gut wie sicher: Rüdiger Beck hat in einem der bedeutendsten Bilder des Museums die Sonne gefunden – untergegangen, links unten am Bildrand. Am Computer erstellt er eine mögliche Fassung mit Zentralgestirn. Das nimmt er aus einem anderen Gemälde Baldungs, das im Prado hängt, „The Ages of Women and Death“, in dem ebenfalls Schönheit, Alter, Tod durchgespielt werden, hier mit nur drei Figuren.

Große Baldung-Retrospektive in Karlsruhe geplant

Dies ist offenbar ein Lebensthema des 1484 oder 1485 in Schwäbisch Gmünd geborenen und 1545 in Straßburg als Ratsherr gestorbenen Schülers Albrecht Dürers. In seiner Werkstatt erhielt er den Beinamen „Grien“, was auf „der Grüne“, zurückgehen könnte, da er meist grüne Kleidung trug. Ab 30. November würdigt die Kunsthalle Karlsruhe den Renaissance-Künstler.

Eros und Tod, darum geht es auch in „Die sieben Lebensalter des Weibes“, ein Jahr vor dem Tod des Künstlers entstanden. Eigentlich ist der Titel irreführend, denn es zeigt eine Gruppe von fünf durch raffiniert geschlungene Tücher kaum verhüllte Frauenfiguren in Lebensstadien von etwa 10 bis 50 Jahren. Eine bleiche Gestalt im Hintergrund weist rechts aus dem Bild. Ein Fingerzeig in eine andere Sphäre – oder auf ein anderes Werk? Schwer zu sagen, die Hand ist angeschnitten. Rüdiger Beck nimmt an, dass auch auf der rechten Seite einige Zentimeter der Holztafel abgenommen wurden.

Wohin zeigt die angesägte Hand?

Das wäre ein weiterer Eingriff in die Bildaussage, denn schon länger nimmt man an, dass sich das Leipziger Bild auf ein Gegenstück bezieht, von dem es nur noch eine Kopie in den Musées des Beaux-Arts im französischen Rennes gibt; das Original ist verschollen. Man hat es „Der Weg zum Tod“ genannt, es setzt das Erblühen und Älterwerden bis ins Grab fort. Eine der drei ausgemergelten Frauenfiguren klammert sich an ein Kruzifix, rechts lacht fies der Tod, der in die Erde weist. Der Himmel ist verfinstert, die Szenerie ist schauerlich. Wir sind geboren um zu sterben.

Gut zu wissen, dass wenigstens im Anfang die Sonne scheint. Kann er sich vorstellen, diesem Bild die Sonne zurückzugeben? Rüdiger Beck denkt länger nach als sonst, sagt dann bestimmt: „Nein. Dann setze ich irgendwo das Stück Himmel und die Sonne wieder ein und habe 90 Prozent Nichts. Man könnte allerdings etwas aufsetzen, das man wieder absetzen kann.“ Sonne to go gewissermaßen.

Von Jürgen Kleindienst

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