Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional Drei Schurken von Format im Sommertheater
Nachrichten Kultur Kultur Regional Drei Schurken von Format im Sommertheater
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:01 27.06.2019
Bewährungsprobe: Traditionell inszenieren die Studierenden im zweiten Studienjahr das jährliche HMT-Sommertheater. Quelle: Foto: Moritz Zeller
Leipzig

Mit „Liebe Macht Tod“ übertitelte Thomas Brasch einst seine Übertragung von Shakespeares „Romeo und Julia“. „Liebe Macht Krieg“ heißt die diesjährige Sommerinszenierung des Schauspielinstitutes „Hans Otto der Hochschule für Musik und Theater. Einmal mehr findet die im Innenhof des Grassimuseums statt – und verwandelt dieses Mal die lauschige Idylle dieses Ortes glatt zu einem Hort des Bösen.

Denn die Bösen sind es, denen „Liebe Macht Krieg“ zu ihrem großen Auftritt verhilft. Allerdings nicht irgendwelche Bösen. Nicht die hasserfüllt verhärmten Kleinbürger, nicht die reflexhaften Volkszorn-Primaten in all ihrer aggressiven Spießigkeit, die dem Bösen in der Moderne derart offensichtlich Gesicht und Kontur gaben (und geben), dass Hannah Arendts berühmter Satz von der „Banalität des Bösen“ darüber fast wie eine Plattitüde wirkt.

Nein, in „Liebe Macht Krieg“ geht es um Schurken von Format. Schließlich hat kein Geringerer als William Shakespeare die Vorlagen geliefert – und die Idee, ein paar des Meisters Prachtexemplare in einer Inszenierung zu vereinen, hat wahrlich was für sich.

Hochstapelnde Bescheidenheit

Schon unter ganz didaktischen Gesichtspunkten, wie im Gespräch Regisseur Jan Jochymski klar macht: „Um die Welt zu verstehen, muss man das Böse verstehen!“ Im Namen dieses Erkenntnisgewinns hat man sich aus Shakespeares umfangreichem Fundus drei Stücke mit drei wahrlich versierten Bösewichtern ausgesucht. Jochymski: „Drei müssen reichen, sonst wird es zu viel.“

Was natürlich ein Satz von hübsch hochstapelnder Bescheidenheit ist, muss man doch sagen: Im Grunde wird es schon mit einem zu viel. Bieten doch die erwählten Stücke „Macbeth“, „Richard III.“ und „Othello“ ja schon jeweils allein für sich betrachtet, eine wahre Überdosis an abgründig boshaften Hauptfiguren. Zu denen Yago im „Othello“ fraglos dazu gehört – nur dass der, ein manipulatives Genie ohne Gleichen, sich selbst noch im Stücktitel im Schatten hinter dem armen Othello verbirgt.

Drei Stücke mit drei Bösewichtern ganz unterschiedlichen Charakters also: Bei Shakespeare wiederholt sich nichts. Der große dramatische Welten- und Erzählungsverlauf mit Aufstieg und Untergang mag sich in der Grobmechanik ähneln – die Zahnräder aber, die diese Mechanik antreiben, sind feingearbeitete Unikate des Individuellen. Wie aber bringt man das in einem Stück zusammen?

Verbrauchertipps für den Weg in die Skrupellosigkeit

Jochymski: „Verbindendes Element sind bei uns die Hexen, die schon im ,Macbeth’ ihren Auftritt haben und die jetzt einen Wettbewerb ausloten: Wer ist die fieseste Figur? Yago, Macbeth oder doch Richard?“

Also das „Bluttier“, mit einem „echten Genuss am Töten“ (Jochymski), König Richard? Der „Krüppel“, der über sich selbst sagt, er ist „so krumm und schief gebaut, dass Köter kläffen hink ich dran vorbei“; und der daraus in bestechender Kausalität seine Schlussfolgerung zieht: „Weil ich den Liebhaber nicht spielen kann,/ die Tage voll Geschwätz mir kürzend so,/ hab ich beschlossen, hier den Dreckskerl aufzuführn,/ zu hassen all die Scherze dieser Zeit.“

Oder gebührt die Krone des Oberfieslings doch Yago? Er weiß nur zu genau, dass die Entscheidung für das Böse einzig und allein die des Einzelnen ist („In uns selbst liegt’s, ob wir so sind oder anders …“). Mächte des Schicksals, gesellschaftliche Zwänge? Für Yago lächerliche Ausreden. Die Verbrauchertipps für den Weg in die Skrupellosigkeit liefert er gern mit („Gut Gewissen heißt doch nicht: unterlass! nein: halt geheim!“).

Die perfide Mimikry des Bösen

In seiner Selbstentschiedenheit verhält sich Yago geradezu spiegelverkehrt zu Macbeth, in welchem ja erst die Einflüsterungen der Hexen erwecken, was freilich schon in ihm schlummern musste, um ja überhaupt erweckt werden zu können. So wie ihn später dann die Gattin antreiben muss, das zu tun, was gerade auch nach Macbeths Kodex eigentlich kein Mann tut – nämlich nicht nur den König, sondern mit diesem gleichsam im eigenen Haus einen Gast zu töten. Und das auch noch im Schlaf.

Das eigentlich Faszinierende an diesen Figuren sei für ihn, so Jochymski, „das Manipulative an ihnen“. Was zumindest bei Richard und Yago oft mit einer schauspielerischen Qualität erster Güte einhergeht. Mit der Gabe zur Verstellung, der perfiden Mimikry des Bösen, von der dann ja auch das Theater lebt: „Zur Arbeit des Schauspielers“, sagt Jochymski, „gehört ja immer auch, das Böse durchzuspielen. Man kann da auf der Bühne machen, was einem die Realität verbietet. Rachedurst stillen, der Wut freien Lauf lassen. Böse sein! Für den Moment des Spielens heißt das aber auch, mit diesem Bösen einverstanden zu sein. Also nicht mit Distanz zu spielen – sonst wird es ja episches Theater.“

Und sie singen auch noch

Was ja dann tatsächlich eher selten unterhaltsam ist. Und unterhaltsam soll „Liebe Macht Krieg“ in jedem Fall werden. Was man nicht nur dem Sommertheater, sondern vor allem Shakespeare schuldig ist. Sind doch dessen Schurken geradezu beängstigend unterhaltsam.

„Die besten bösesten Sentenzen“ verspricht dann auch Jochymski. Manche davon sogar gesungen: „Wir arbeiten viel mit Livemusik, die Studenten sind sehr musikalisch. Es wird also einiges an Songs, Toneinspielungen und Tanz im Stück geben.“ Ein Shakespearsches Grand Guignol als Musical? Ja, klingt gut. Nicht nur für Bösewichte.

„Liebe Macht Krieg“, 29. Juni bis 10. Juli, (spielfrei am 1. und 8. Juli), jeweils 20 Uhr, Innenhof des Grassimuseums, Johannisplatz 5-11, Eintritt 15/7,50 Euro (HMT-Studierende 2,50 Euro)

Von Steffen Georgi

Bis Sonntag lesen in Klagenfurt 14 Autoren in der Hoffnung auf den Ingeborg-Bachmann-Preis. Immer mehr wirkt der Wettbewerb am Wörthersee wie seltsam aus der Zeit gefallen. Zur Eröffnung am Mittwochabend hat Schriftsteller Clemens J. Setz der Realität die Tür aufgestoßen.

27.06.2019

Sven Heelein hat den mit 2000 Euro dotierten Kompositionspreis der Oper Leipzig gewonnen. Ins Finale schafften es drei der zwölf eingereichten Werke zum Thema „Wie klingt Heimat?“

27.06.2019

DJs aus Leipzig und Halle beschallen am Samstag das zehnte Pow-Wow-Festival im Hof des Täubchenthals: das Brüdergespann „Monkey Safari“, Multimo, Pascal von Wegen, Markus Welby und Der Baui. Gegen die Hitze sollen Sonnensegel und ein Balkon Schatten bieten.

27.06.2019