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Kultur Regional „Du mich großen Dummkopf gemacht“ – Crusoe und Freitag beschimpfen Defoe
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18:00 24.04.2019
Robinson Crusoe und Freitag stellen ihren Autor zur Rede (v.r.). Illustration von Peteris Lidaka. Quelle: Friedenauer Presse
Leipzig

Auf der Leipziger Buchmesse hat der in Tschechien geborene Bilderbuchkünstler Peter Sís ihn im März seine Inspirationen genannt: Robinso Crusoe. Und damit ist er nicht allein. Sís’ „Robinson“ ist im Januar auf Deutsch erschienen, eine Geschichte von Freundschaft, Träumen und Ermutigung, die auch seine Geschichte ist, er erzählt sie für Kinder ab 4 Jahren (Gerstenberg Verlag).

Es gibt „Robinson Crusoe“ als Abenteuerspiel für die ganze Familie, für die Playstation, als Trickfilm natürlich, als „Klassiker für Erstleser“ und als Lego-Figur mit Fackel. Sogar Daniel Defoes Original ist soeben in einer Neuübersetzung von Rudolf Mast erschienen (Mare Verlag).

Peter Sís: Robinson. Deutsch von Brigitte Jakobeit. Gerstenberg Verlag; 48 Seiten, 16,95 Euro Quelle: Gerstenberg Verlag

Die Einsamkeit des Robinson ist Sprichwort geworden, Synonym für Isolation und Freiheit. Später heißen Helden Krusowitsch. Die Robinsonade hat sich selbstständig gemacht. Wobei die Geschichte vom gestrandeten Mann, vom Überlebenskünstler auf einer zivilisationsfernen Insel zum Horror genau so taugt wie zum Sehnsuchtskitsch.

Der Held als Selbstversorger, der sich sein Leben zimmert – Baumärkte leben von ihm. Vor 300 Jahren hat Daniel Defoe (1660 –1731) seinen Roman mit dem im Original elend langen Titel veröffentlicht; er wurde ein Bestseller und blieb es. Gegenwind gab es aber auch, wie sich nun erstmals auf Deutsch nachlesen lässt.

Allegorisches Abbild

Wenn das möglich wäre: dass Romanfiguren ihrem Autor auflauern. Robinson Crusoe und Freitag haben es getan, geführt vom britischen Publizisten Charles Gildon (1665–1724), der im Herbst 1719 „Gegen Defoe. Robinson Crusoe und Freitag stellen ihren Autor zur Rede“ veröffentlichte, mit einem im Original elend langen Titel. Da konnte Gildon nicht wissen, dass Defoes Buch ein Klassiker werden würde.

Charles Gildon: Gegen Defoe - Robinson Crusoe und Freitag stellen ihren Autor zur Rede. Aus dem Englischen übersetzt und mit einem Nachwort von Rolf Schönlau. Freidenauer Presse;24 Seiten, 12 Euro Quelle: Friedenauer Presse

Defoe hatte sich die Geschichte nicht ausgedacht, es gab ein historisches Vorbild, den Abenteurer Alexander Selkirk, der 1709 gerettet wurde. Defoe war Kaufmann, bevor er 1701 mit dem satirischen Gedicht „The True-Born Englishman“ (Der echte Engländer) so viel Erfolg hatte, dass seine folgenden Bücher mit dem Zusatz „By the Author of The True-Born Englishman“ versehen wurde.

Auch diese Form der Werbung für Neues mit dem Erfolg des Alten gibt es noch. Defoe, der als Autor eher für politische Themen stand, hatte darin die Ausländerfeindlichkeit seiner Landsleute aufs Korn genommen.

Als er die Scharfmacher der Anglikanischen Staatskirche persiflierte, musste er am Pranger stehen, wurde aber von den Londonern statt mit faulen Eiern mit Blumen beworfen. Mit diesen Informationen versorgt im Nachwort zu Gildons Pamphlet Rolf Schönlau die Leser, schreibt von Kritik daran, dass Defoe nichts heilig sei, seine „Unabhängigkeit von sakrosankten Beschränkungen“ habe das neue Genre ausgemacht.

Und er verweist auf einen Vorwurf Gildons, der sich heute jeder zweiten Neuerscheinung machen ließe: „dass er seinen Helden nach seinem eigenen Bilde geformt hat“. „Du bist wahrlich das allegorische Abbild deines zärtlichen Vaters“ bekennt er vor Crusoe.

Begegnung in mondheller Nacht

Zur Begegnung des Autors mit seinen Figuren kommt es in einer mondhellen Nacht auf einem Feld bei London. Sie wollen ihn „dafür bestrafen, dass du uns als solche Halunken dargestellt hast“. Crusoe: „Du machst mich zu einem Protestanten in London, zum Papisten ins Brasilien und dann wieder zum Protestanten auf meiner eigenen Insel.“

Und Freitag: „Du mich verletzt, du mich großen Dummkopf gemacht, mit viel Widerspruch: Nach ein oder zwei Monaten bisschen gut Englisch sprechen können und zwölf Jahre später nicht besser.“ Defoe führt zu seiner Verteidigung ins Feld, dass die Widersprüche in Crusoes Charakter auf der Konstruktion des Buches beruhen.

Und dass Freitag nicht so gebrochen Englisch spricht, um ihn als Dummkopf dastehen zu lassen, sondern „nur um verschiedene Stile zu haben, ein bisschen gebrochenes Englisch unterzumischen, damit die Lügengeschichten beim gemeinen Leser besser durchflutschen; in der Beziehung gehe ich nicht schlechter mit dir um als mit der Bibel, die ich auch nur aus diesem Grund zitiere.“

Charles Gildons Dramolett als angewandte Literaturkritik umfasst nur wenige Seiten und war eine damals durchaus übliche Form des persönlichen Angriffs. Schließlich gab es noch kein Internet, in dem ein Shitstorm mindestens auf „kulturelle Aneignung“ und verbalen Rassismus zielen würde. Und was ist eigentlich mit den Frauen? Wobei der Gedanke seinen Reiz hat, literarische Figuren ihren Erfindern auflauern zu lassen. Und auch Lektoren nicht zu schonen.

Titelseite von Defoes Robinson Crusoe (Erstausgabe London: W. Taylor, 1719) Quelle: The British Library/wikimedia

Von Janina Fleischer

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