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Kultur Regional Durchwachsen: Can-Projekt in der Berliner Volksbühne
Nachrichten Kultur Kultur Regional Durchwachsen: Can-Projekt in der Berliner Volksbühne
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15:05 17.12.2018
Can-Mitgründer Irmin Schmidt dirigiert das Deutsche Filmorchester Babelsberg.
Can-Mitgründer Irmin Schmidt dirigiert das Deutsche Filmorchester Babelsberg. Quelle: Martin Walz
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Berlin

Gerade ist das schlicht „5 Klavierstücke“ betitelte Soloalbum von Irmin Schmidt erschienen. Reduzierte Musik, eingespielt vom inzwischen 81-Jährigen auf einem präparierten Pleyel Flügel und einem naturbelassenen Steinway. Rätselhafte, meditative und nicht überrumpeln wollende Klänge hört man vom einstigen Studenten bei Karlheinz Stockhausen und John Cage, die irgendwie Lust auf mehr machen. Ab Ende der 60er-Jahre hat sich Schmidt gemeinsam mit Bassist Holger Czukay und Schlagzeuger Jaki Liebezeit unter dem Signum Can tief eingeschrieben in die Geschichte der deutschen Populärmusik.

2017 sind Czukay und Liebezeit gestorben, Schmidt ist also der Letzte des Gründungstriumvirats dieser immer mal wieder um weitere Mitglieder ergänzten Band, die zu einem der folgenreichsten deutschen Kulturexporte werden sollte neben Kraftwerk und den Einstürzenden Neubauten.

Mehr als eine Rockband

Can eine Rockband zu nennen, griffe zu kurz. Viel zu sehr wucherten ihre improvisierten experimentellen Passagen, viel zu weit haben sie sich entfernt von gängigen Liedstrukturen, viel zu sehr haben sie ihren repetitiven Minimalgestus und neue Arten der Produktion ausgereizt. Und sie haben sich wie keine andere deutsche Band in den Dienst des Mediums Film gestellt. Richtig populär wurden sie 1971 mit der Titelmelodie für Francis Durbridges TV-Krimi-Dreiteiler „Das Messer“. Dem öffentlich-rechtlichen Fernsehen ist vor allem Irmin Schmidt mit der Musik für mehr als drei Dutzend Filme treu geblieben.

Gründe genug also, in einer ausverkauften Sonntagnacht in der Berliner Volksbühne drei Stunden lang „The CAN Project“ zu zelebrieren. Gehhilfen, graue Resthaare und ein erstaunlicher Frauenanteil im Publikum. Der Altersdurchschnitt ist hoch, und natürlich: ein Sitzkonzert. Auf der planen Bühne ist das umfängliche Deutsche Filmorchester Babelsberg schwer einsehbar. Dann dirigiert Irmin Schmidt durch seine Filmmusiken, die aus einem anderen Zweck entstanden sind als zu solcher quasisinfonischen Aufführung. Irgendwas zwischen Estrade, bilduntermalender Simpelei, an- und abschwellendem Kleistern hebt an, um dräuend auf der Stelle zu treten. Viel Harfe und Streicher, die Trommeln pulsen, die Bläser geben sich dramatisch, es zieht sich und allem würde man mehr Präzision wünschen. Der Zweck beleidigt die Mittel in dieser gewaltkreativen Gebrauchsmusik.

Lauter, bunter, schriller nach der Pause

Nach der Pause dann wird’s lauter, bunter und schriller, wenn das mit Max Loderbauer und Andrew Zammit zum Allstarquintett erweiterte und um wechselnde Sänger ergänzte Trio Automat alte Can-Nummern neu kalibriert. Oder es wenigstens versucht. Jochen Arbeit von den Einstürzenden Neubauten schrundet großartige Gitarrenrufe aus seinem Equipment, doch Schlagzeuger Achim Färber hätte sich wenigstens ein bisschen mit dem großartigen Jaki Liebezeit beschäftigen sollen, wozu Georg Zeitbloms Bass stoisch blubbert. Die beiden Letzteren sind so nach vorn gemischt, dass die folgenden Vokalisten nur schwer durchdringen.

Den Reigen der Songs, die bei Can eben nicht dem simplen Schema Strophe-Refrain-Strophe folgen, eröffnet Peaches, die für ihre Verhältnisse erstaunlich blass bleibt, ganz anders als die reife Punk-Chanteuse Bettina Köster, die zunächst mit ihrer suggestiven Interpretation von „Bel Air“ aufhorchen lässt, um dem Abend dann mit „She Brings The Rain“ seinen Höhepunkt hinzuraunen in einer Mischung aus Faithfull und Knef. Can sei eine „Superfrauenband“ konstatiert sie irgendwann und hat recht, wenn man sich vor Augen führt, wie sehr sich dann Dub-Raggae-Sänger Tikiman an den geforderten Stoffen verhebt.

Gemma Ray hingegen, die dunkle und etwas andere Sängerin und offensive Gitarristin, bestätigt dann verblüffend und so, dass man gern noch mehr von ihr gehört hätte, Kösters Statement fürs Feminine. Sie ist gleichermaßen Ruhepol wie Katalysator für dieses groß angelegte Unternehmen, das Peaches noch einmal aufraut, auf dass sich dann wie erwartet alle vier Sänger gemeinsam verabschieden. Der Beifall ist reichlich und zugeneigt, doch gibt es keine Zugabe an diesem sehr ambivalenten Abend. Es passt zum Einmaligen von Can, wie sich diese so besondere Band eben nicht von anderen für ambitionierte Selbstdarstellungen instrumentalisieren lässt. Das ist nicht die schlechteste Erkenntnis aus einem gar zu sehr im Gewollten steckenbleibenden Abend.

Von Ulrich Steinmetzger

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