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Kultur Regional Ein Duft schreibt Geschichte: Karl Schlögels Buch über „Chanel Nº 5“ und Stalinzeit
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16:27 16.02.2020
Polina Shemtschushina, Ehefrau des mächtigen Politbüro-Mitglieds und Stalin-Vertrauten Molotow, am Schreibtisch. Quelle: Hanser
Leipzig

Die Nase hat ein Problem: Sie ist unterschätzt – und zwar heftig. „In der Geschichte wird immer noch zu wenig herum gerochen“, stellt Karl Schlögel fest. In der Historikerzunft hält man es eher mit dem Geruchsverächter Kant als mit Schopenhauer, Nietzsche oder Orwell. Die hielten ziemlich viel von diesem Sinn.

Da folgt ihnen der Osteuropahistoriker Karl Schlögel („Terror und Traum. Moskau 1937“). So macht er sich auf die Spuren der Parfums „Rotes Moskau“ und „Chanel N°5“, deren Wurzeln im Zarenreich liegen, erzählt von Coco Chanel, Frankreichs Mode-Ikone, und von Polina Shemtschushina, Russin aus jüdischem Shtetl, Frau des mächtigen Kreml-Bolschewiken Molotow, Stalin-Aufsteigerin, Stalin-Opfer und gusseiserne Stalinistin bis zum Tod 1970. Er gräbt nach dem Wandel der Gerüchen im Laufe der Jahre, nach Modeumbrüchen und den Beziehungen von Frankreich und Russland/Sowjetunion.

Die Tour beginnt im 19. Jahrhundert

So entsteht ein kurzweiliges Panorama von wechselnden Zeiten und Gerüchen, in dem Karl Schlögel neben den Unterschieden auch immer wieder überraschende Parallelen entdeckt. Während das Leben von Coco Chanel zwischen Liebhabern, N°5, kleinem Schwarzen und Nähe zu deutschen Besatzern durch die Biografie von Edmonde Charles-Roux (1986 auch bei Volk und Welt) bekannt war, verhält es sich mit Polina Shemtschushina und dem sowjetischen Parfum schon etwas anders. Auch Philipp Ewers widmet in seiner Molotow-Biografie Polina nicht gerade viele Zeilen.

Das korrigiert Schlögel, beginnt allerdings seine Tour durch die Welt der Düfte im 19. Jahrhundert. Da gründet der Franzose Alphone Rallet 1843 in Moskau eine Duftfabrik. Parfumeur dort ist der Vater von Ernest Beaux, der nach seiner Ausbildung auch für Rallet arbeitet. In den Wirren der Revolution flieht er – zur Zeit der Polarsonne – über die Kola-Halbinsel und nimmt den frischen Tundra-Geruch von Seen, Flüssen, Wald und die Rezeptur eines Parfums zum 300. Jahrestag der Romanow-Dynastie mit.

Viel Süße in der Luft

Ein Romanow stellt 1920 denn auch die Verbindung zwischen Beaux, inzwischen in Grasse, und Coco Chanel her: Großfürst Dmitri, ihr elf Jahre jüngerer Liebhaber. Zehn Proben stellt Beaux der Chanel vor, die fünfte nimmt sie – und riecht die Moderne: Erstmals sind unter den 80 Ingredienzien neben natürlichen Zutaten auch künstliche Duftstoffe. Und erstmals gibt es einen Flakon ohne Blüten und alle Ornamentik.

Mit dekadenten Duftstoffen hatten die Kommissare der Revolution wenig am Ledermantel. Erst in der Öffnung der NEP-Zeit (1921–1928) kam es zu einer Renaissance. Zum 10. Jahrestag der Revolution 1927 kam das Parfum „Roter Oktober“ in die Läden, eine Schöpfung des Franzosen Auguste Michel, der – weil er seinen Ausweis verloren hatte – in der Sowjetunion bleiben musste.

Zu Zarenzeit Parfumeur der französischen Firma Brokar, dann im Werk Neue Morgenröte, hatte auch er den Duft des Lieblingsparfums Katharina II. (Kreation zum Romanow-Jubiläum 1913) in der Nase. Allerdings lag bei Gebrauch von „Rotes Moskau“ viel Süße in der Luft.

„Aufdringliche Intelligenz“

Links und recht der Pfade zu den beiden Parfums macht Karl Schlögel immer wieder Abstecher, schweift aus zu sozialen Geruchswelten, zu Mode-Veränderungen der Düfte, zu den Gerüchen der Jahrzehnte von Armut und Luxus, Krieg und Lagern, zum Geruch der Lebensstile von Dekadenz und Askese.

Da passt Polina Shemtschushina hinein. Eine kultivierte, elegante, weltgewandte Aufsteigerin, die Chefin der sowjetischen Kosmetikindustrie und erste (sowie einzige) weibliche Volkskommissarin wird – und zu einer Freundin von Nadja Allilujewa, Stalins zweiter Frau, die sich 1932 nach einem öffentlichen Streit mit ihrem Mann erschoss. Letzter Gesprächsgefährtin in der Nacht war Polina.

Das nahm Stalin so übel wie ihre „aufdringliche Intelligenz, snobistische Eleganz und jüdische Abstammung“ (Simon Sebag Montefiore). So ließ er sie 1948 aus der Partei ausschließen, 1949 wegen Verbindung zu zionistischen Kreisen festnehmen (vertraut mit Israels Botschafterin Golda Meir, aktiv im Jüdischen Antifaschistischen Komitee) und für fünf Jahre nach Kasachstan verbannen. Vorsorgliche, einverständliche Scheidung der Molotows, trotz heftiger Liebe. Zum geplanten Schauprozess kam es 1953 nicht mehr. Stalin starb, Polina brach, als sie davon erfuhr, im Gefängnis zusammen.

Ästhetische und politische Wandlungen

Solche Geschichten – wozu auch die der Modekönigin Nadjeshda Lamanowa gehört – machen den intensiven, olfaktorischen Reiz von „Der Duft der Imperien“ aus. Karl Schlögel versteht es, knapp und präzise, vom Wandel der Mode, Pariser Weltausstellungen, den Verbindungen von Russland/Sowjetunion und Frankreich (Djagilew und das Ballet Russe, Corbusier und der Palast der Sowjets) vor dem Hintergrund ästhetischer und politischer Wandlungen zu erzählen.

Da pflegt er kein verschwurbeltes Wissenschaftsdeutsch, sondern eine so anschauliche wie verständliche Sprache. Mit der entdeckt er Avantgardist Malewitsch als Flakon-Designer (Sewerny, 1911) und macht auch keinen Bogen um Olga Tschechowa („Maskerade“, „Bel Ami“). Der Kinostar, 1897 als Olga von Knipper geboren, gründete 1955 eine Kosmetikfirma, entwarf eigene Parfums, hielt jedoch zeitlebens „Chanel N°5“ für die Duft-Königin.

Karl Schlögel: Der Duft der Imperien. „Chanel No 5“ und „Rotes Moskau“. Hanser Verlag; 224 Seiten, Fotos, 23 Euro

Karl Schlögel ist Gast in der LVZ-Autorenarena, Leipziger Buchmesse: 14. März, 15 Uhr, Halle 5/Stand D 100

Von Norbert Wehrstedt

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