Menü
Leipziger Volkszeitung | Ihre Zeitung aus Leipzig
Anmelden
Kultur Regional Einflussnahme, Ausgrenzung und Verdrängung – die kulturpolitischen Ziele der AfD
Nachrichten Kultur Kultur Regional Einflussnahme, Ausgrenzung und Verdrängung – die kulturpolitischen Ziele der AfD
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
08:00 15.06.2019
Beatrix von Storch, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der AfD im Bundestag, beim AfD-Wahlkampf auf dem Marktplatz in Chemnitz. Foto: Hendrik Schmidt/dpa ++ Quelle: Foto: Hendrik Schmidt/dpa
Leipzig

„Keinen Cent für politisch motivierte Kunst“ plakatierte die AfD Dresden im Europa- und Kommunalwahlkampf vor kurzem. So ganz scheint das nicht zu stimmen. Gegen Kunst in ihrem Sinne, beispielsweise vom Dresdener Kabarettisten Uwe Steimle, hat die AfD überhaupt nichts. Seit der Bundestagswahl 2017 und noch mehr der Europa-Wahl im Mai fühlt sich die AfD in Sachsen auf der Siegerstraße und stellt schon einmal Forderungen auf.

Nicht nur Forderungen. In Freiberg hatte sie bereits Erfolg. Eine Diskussionsveranstaltung mit Liane Bednarz über ihr Buch „Angstprediger“ musste auf Druck der Partei aus dem Mittelsächsischen Theater verlegt werden. Intendant Ralf-Peter Schulze wehrte sich dagegen, sein Geschäftsführer und der parteilose Freiberger Oberbürgermeister aber knickten ein.

Zu kosmopolitisch

Größeres, als eine einzelne Veranstaltung zu verhindern, hat sich der Dresdner Ortsverband der Partei vorgenommen. Das weltbekannte Festspielhaus Hellerau, in dem das Europäische Zentrum der Künste seinen Sitz hat, würde nach ihrem Willen geschlossen und an private Nutzer vermietet werden, wie die „FAZ“ am 29. Mai berichtete.

Vorgeschoben wird die angebliche ökonomische Ineffizienz des Zentrums. Dass kaum eine Kultureinrichtung ohne öffentliche Zuschüsse arbeiten kann, ist Allgemeinwissen. In diesem Falle geht es jedoch mehr darum, dass die Arbeitsweise der dort ansässigen Institutionen wie der von William Forsythe gegründeten Dance Company zu anspruchsvoll und experimentell ist, auch zu kosmopolitisch.

Alles links ist, was nicht ganz weit rechts ist

In Leipzig erregte die lokale AfD breiten Widerspruch, als ihr Vorsitzender Siegbert Droese Anfang Mai die Freie Szene der Stadt indirekt als extremistisch bezeichnete. Dass er damit linksextremistisch meint, versteht sich von selbst. Diese Meinung teilt auch der Leipziger Maler Axel Krause und ergänzt, dass man Kulturzentren, die sich dezidiert für rechte oder linke Positionen einsetzen, nicht fördern dürfe.

Dabei muss man berücksichtigen, dass für AfD-Anhänger alles links ist, was nicht ganz weit rechts ist. Nicht nur die Floskel von der „Einheitspartei“ jenseits der AfD steht für diese Auffassung. Nach dieser Logik dürften Einrichtungen wie die Halle 14 in der Spinnerei oder die Galerie für Zeitgenössische Kunst keinerlei Förderung mehr erhalten. Auch die Hochschule für Grafik und Buchkunst muss zumindest mit Programmen wie der Akademie für transkulturellen Austausch Einschnitte befürchten.

„Die Entsiffung des Kulturbetriebs

Als der Philosoph und Bundestagsabgeordnete der AfD Marc Jongen Anfang 2018 twitterte, er sei zum Leiter des fraktionsinternen Arbeitskreises „Kultur und Medien“ gewählt worden, fügte er hinzu: „Es wird mir eine Ehre und Freude sein, dieses Amt auszuüben und die Entsiffung des Kulturbetriebs in Angriff zu nehmen ...“

Es gehört zur Standard-Argumentation der Rechten, Gegner als krank zu bezeichnen – der Begriff „versifft“ bezieht sich auf Syphilis. Auch Krause und seine Anhänger bezeichnen seine Kritiker bevorzugt als Fall für die Psychiatrie. Seine neue Galeristin, Friederike Sehmsdorf vom Kunst-Kontor Potsdam, diagnostiziert bei Moritz Frei, der seine Teilnahme an der Leipziger Jahresausstellung wegen Krause abgesagt hatte, nach einem kurzen Blick auf dessen Internetseite Narzissmus.

Einfluss auf die Spielpläne

Ende Mai beschloss die sächsische AfD ihr Programm für die anstehende Landtagswahl, dass sie anspruchsvoll gleich mal als „Regierungsprogramm“ bezeichnet, wenn auch als „Entwurf“. Der Teil zur Kulturpolitik ist nicht gerade umfangreich, hat es aber in sich.

Darin heißt es: „Wir wehren uns gegen den totalitären Anspruch einer selbsternannten Zivilgesellschaft, den gesellschaftlichen Diskurs beherrschen zu wollen. Wir wenden uns daher auch gegen ein einseitig politisch orientiertes, erzieherisches Musik- und Sprechtheater, wie es derzeit auch auf sächsischen Bühnen praktiziert wird.“

Das heißt konkret, dass die AfD massiv Einfluss auf die Spielpläne der sächsischen Bühnen nehmen möchte. Das ist ebenso verfassungsfeindlich wie die folgende thematisch deplatzierte Forderung, es dürfe keine sichtbaren Moscheen und Minarette in sächsischen Kommunen geben.

Ausgrenzung und Verdrängung

Neben dem Ankaufsfond für Kunst, verwaltet von der Kulturstiftung des Freistaates (ansässig im Gelände des Hellerauer Festspielhauses), gehört das Kulturraumgesetz zu den Errungenschaften, um die Kreative anderer Bundesländer Sachsen beneiden. Folglich ist es der AfD ein Dorn im Auge. Ohne Belege anzuführen wird behauptet, damit würden immer mehr kulturfremde Projekte finanziert. Und: „Kultur darf kein Tummelplatz für soziokulturelle Klientelpolitik sein.“

Der Begriff Soziokultur ist klar definiert, den Autoren des Programms aber offensichtlich fremd. Es geht um die Teilhabe aller Bürger an Kultur, auch sozial schwacher Schichten. Das ist die „Klientel“. Die Partei, die sich gern als Interessenvertretung des berühmten „kleinen Mannes“ gibt, will gerade das ändern. Ausgrenzung und Verdrängung, wie es Krause oder der Schriftsteller Uwe Tellkamp ihren Kritikern vorwerfen, sollen unter einer AfD-Regierung zum Programm werden.

Das Drama um die diesjährige Leipziger Jahresausstellung haben weder Axel Krause noch Moritz Frei zu verantworten, sondern der Vorstand des Vereins, der abgewiegelt hat, bis es zu spät war. Auch apolitisch aussehende Kunstwerke lassen sich nicht von ihrem Schöpfer trennen. Und angesichts der kulturpolitischen Vorstellungen der AfD ist es nicht mehr möglich, sich neutral zu verhalten. Entweder nimmt man den möglichen Kahlschlag in Kauf – oder stellt sich ihm aktiv entgegen.

Von Jens Kassner

In der gestopft vollen Thomaskirche eröffneten die Thomaner und der Thomaskantor, der Thomasorganist und das Freiburger Barockorchester mit einem ziemlich euphorisierenden Konzert das Bachfest 2019. Es dauert bis zum 24. Juni und steht unter dem Motto „Hof-Compositeur Bach“

14.06.2019

Stoff für die Zukunft: Aldi schafft die Flattertüte ab, ein kanadischer Supermarkt bedruckt sie. Ist peinlich das neue öko?

14.06.2019

Zaimoglu, Lunde und Wawerzinek: Bevor das Literaturhaus Leipzig am 14. Juli in die Sommerpause geht, gibt es noch zwei Gartenfeste und hochkarätig besetze Lesungen. Und wenn das Wetter mitspielt, darf im Garten gelauscht werden.

14.06.2019