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Kultur Regional Entdecke die Möglichkeiten: Neue Ausstellung zeigt junge Positionen der Fotografie
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07:00 20.06.2019
Blick in die Ausstellung „Preview. Fotografie in Leipzig. Morgen.“ in der Kunsthalle der Sparkasse. Mit „Lands Capes 1–4“ von Alexander Rosenkranz. Quelle: André Kempner
Leipzig

Der Besucher stößt auf eine Wand, die eher die Vergrößerung von Seiten eines trashigen Zeitgeist-Journals sein könnte als ein Beitrag zur Ausstellung zeitgenössischer künstlerischer Fotografie. Aber um das Zeitgenössische geht es eben laut Statement der Ausstellungsmacher auch gar nicht, viel mehr um das Morgige, ausgedrückt im Titel „Preview“.

Im Zentrum des Tableaus steckt sich ein junges, offenbar betrunkenes Paar gegenseitig die Zunge in den Mund. Beides, Trinken und Knutschen, ist nun nicht so absolut neu. Doch Nico Curian verknüpft die Szene mit Bildern von seriösen Herren, die sich antike Steine betrachten und fügt viel Text hinzu.

Neue Möglichkeiten

Damit ist dann schon ein großer Teil des Rahmens dieser Ausstellung abgesteckt. Fotografie kann heute offensichtlich in Textdrucken existieren, in dokumentarischen oder fiktiven Videos oder auch in räumlichen Installationen. Vor allem die Vorstellung, dass professionelle Lichtbilder perfekt belichtet und mit festgelegter Schärfentiefe daherkommen sollten, scheint endgültig von Vorgestern zu sein.

Preisgünstige digitale Fotoapparate wie auch immer weiter verfeinerte Drucktechnologien eröffnen Möglichkeiten, die noch der vorigen Generation verschlossen waren. Dennoch sieht es so aus, dass künstlerische Fotografie immer mehr gegen diesen einfach zu habenden Perfektionismus rebelliert.

Echt wahr?

Auch die benachbarten Arbeiten Philip Kanwischers gehören nicht der traditionsbehafteten Fotografie an. Zwar gibt es mehrere „echte“ Fotos. Was sie zeigen, scheinen Bauklötzer in immer gleicher Anordnung zu sein. Doch es sind schematische Darstellungen von Fassadendämmungen.

Hinzu kommen Texte, in denen die Story von den Vorbereitungen auf einen amerikanischen Raketenstart erzählt wird, bei welchen ein Specht die Außenisolation der Triebwerke beschädigt habe. Außerdem sieht man ein vergrößertes Signet dieser Weltraummission, digital auf Textil gedruckt, welches so disneyhaft aussieht, dass man am Wahrheitsgehalt der Story zweifeln muss.

Frauen in der Mehrheit

Es hat schon Tradition, dass die Kunsthalle aktuelle Leipziger Fotografie vorstellt und dabei auf sehr junge Leute als Akteure zurückgreift – Absolventen und sogar Studenten der HGB. Sechzehn Namen sind es diesmal, die Kurator Christoph Tannert ausgesucht hat, Frauen sind erfreulicherweise in der Mehrheit.

Relativ nahe dran an dem, was der Amateur unter Fotografie versteht, ist die Serie „Passage“ von Julia Debus. Zu sehen sind Berge, denen man ihre Geschundenheit durch industrielle Ausbeutung ansieht. Dennoch sehen die Panoramen mit Sonnenschein und blauem Himmel fast schon nach Reiseabenteuer aus. In dem Hang zum Dokumentarischen, dem man nicht ganz vertrauen darf, ist sie nicht allein.

Eine Art von Spurensicherung

Bei Martin Reich sehen die Bilder noch etwas herkömmlicher aus. Das liegt nicht nur an den analogen Handabzügen auf Barytpapier in Schwarzweiß. Er porträtiert einen Ort am Rande Thüringens so, dass alles vertraut und doch entrückt wirkt. Es ist eine Art von Spurensicherung, in welche das Konstruierte hineinwirkt.

Diese Art der Quasi-Dokumentation findet ein Pendant in der mehrteiligen Arbeit „Heide“ von Larissa Rosa Lackner. Es sind drei gedruckte Hefte mit Bildern und Text, mehrere Fotoabzüge sowie ein Video. Das Leben dieser Frau namens Heide aus der Uckermark wird umkreist, scheinbar akribisch erforscht. Da ist viel Nebensächliches dabei, es geht nicht um eine Bewerbungsmappe. Dennoch weiß der Betrachter am Ende nicht, was davon real ist, wie viel von der Künstlerin beigesteuert wurde.

Verwischen der Genregrenzen

Nach eher konventionellen Naturstudien sehen Bernadette Keatings Aufnahmen aus, gäbe es nicht in jedem Bild eine weiße Linie. Es ist ein Elektrozaun, der einst gemeinschaftlich genutztes Land zu Privateigentum deklariert. Auch jenseits der Reportage kann Fotografie gesellschaftskritisch sein.

Alisa Kossak zeigt lediglich schwarze Blätter mit Textfragmenten hinter Plexiglas. Durch die spiegelnde Oberfläche wird der Betrachter selbst zum Objekt. Und Florian Merdes baut zuerst Konstruktionen aus verschiedenen Materialien, die er dann ablichtet.

Es werden Tendenzen erkennbar, die nicht ganz neu sind, aber durch die kuratorische Auswahl betont werden. Dazu gehört das Verwischen der Genregrenzen ebenso wie die Überlagerung dokumentarischer Recherchen mit fiktiven Elementen. Allerdings: Es handelt sich um Fotografie der Gegenwart. Die von morgen wird später zu sehen sein, sicherlich auch wieder am gleichen Ort.

Preview. Fotografie in Leipzig. Morgen.: bis 8. September, Do–So 10–18 Uhr, Mi 12–20 Uhr; Kunsthalle der Sparkasse Leipzig, Otto-Schill-Str. 4a

„Exterior Insulation“ von Philip Kanwischer. Quelle: André Kempner

Von Jens Kassner

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