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Kultur Regional Erdbeben gegen Rechtsruck: Kraftklub feiern mit 12 000 Fans in der Arena Leipzig
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15:00 05.11.2017
Felix Brumme von Kraftklub. Quelle: André Kempner
Leipzig

Sie haben es wieder geschafft: Zahlreiche besorgte Anrufe bei der Feuerwehr wegen vibrierender Wände und wackelnder Möbel bezeugen, dass Kraftklub am Freitag abermals ein Mini-Erdbeben im Waldstraßenviertel ausgelöst haben. Natürlich hatte Sänger Felix Brummer während des Konzerts in der ausverkauften Arena wiederholt an das „hydromechanische Ereignis“ beim letzten Besuch 2015 an gleicher Stelle erinnert und das Publikum erneut zum rhythmischen Springen animiert.

Nötig war die Aufforderung nicht, denn schon mit dem noch recht gemächlichen Opener „Hallo Nacht“ verwandelt sich der vordere Teil des Innenraums in einen riesigen Moshpit; später findet die Springorgie in der ganzen Halle statt. Spätestens mit „Eure Mädchen“ zeigt der Regler voll auf Rock, auch wenn hier der Text behauptet, sie machen Popmusik. Das stimmt in puncto Erfolg, Eingängigkeit und Professionalität, live aber bewahren sich Kraftklub auch im bisher größten Einzelkonzert ihrer Bandgeschichte immer noch eine gute Portion Punk.

Drei Songs reichen, um die Halle ordentlich zu durchfeuchten. Von da ab wird das Konzert noch gut zwei Stunden dauern und Tausende zunehmend mehr „zusammenschweißen“. Zwischendurch gibt es ruhigere Songs, dazu Handylampen-Meere – dringend nötige Atem- und Trinkpausen. Liebeslieder werden zu einem Medley komprimiert, das gekonnt von schmachtend über resigniert bis genüsslich-wütend kippt. Und natürlich kommt für mindestens dreieinhalb Minuten jeder aus Karl-Marx-Stadt, so ein berühmter Song der Band.

Songauswahl per Glücksrad

Selbst aus nur drei Studioalben kann man in 135 Minuten nicht jeden Titel spielen und so darf eine Dame aus dem Publikum kurzerhand per Glücksrad aus älteren Liedern auswählen, Ergebnis: „Scheissindiedisko“. Gut, in der Zeit dieser Aktion hätte man auch zwei Songs mehr spielen können, aber der Spaß am Spiel mit dem Publikum gehört fest in ein Kraftklubkonzert und funktioniert im engen Club ebenso wie in der großen Halle. Ein Weg, den sie in nur sieben Bandjahren durchspielt haben. Felix erinnert sich von der Moritzbastei bis in die Arena an jeden Leipziger Ort, an dem die fünf Chemnitzer bisher spielen durften.

Das Level, das sie dabei mittlerweile haben, liegt neben mitreißender Live-Qualitäten und geschicktem Marketing vor allem daran, dass die Band auf vielen Ebenen funktioniert: Sie sind gleichzeitig Partygarant, Generationensprachrohr, Ironiebombe oder Referenzmaschine und haben mit ihrem unverwechselbaren Sound aus Indie, Punk und Rap ein fast schon unheimliches Hit- und Ohrwurmpotenzial.

Freuen sich ältere Fans an den Samples, die Kraftklub permanent in Songs und Texte streuen, feiern sie viele der oft nur knapp Volljährigen pur: „Wer singt denn das? – Keine Ahnung“ fragt und antwortet es vor Beginn vereinzelt im Publikum, als mit „Keine Macht für Niemand“ das Ton Steine Scherben- Original zum daran angelehnten aktuellen Albumtitel „Keine Nacht für Niemand“ vom Band läuft.

Aber es gibt auch Momente, Spaß und Ironie beiseite zu packen: Zusammen mit der Vorband Von Wegen Lisbeth covern Kraftklub mit „Schrei nach Liebe“ den wohl bekanntesten Gegen-Rechts-Song der deutschen Rockgeschichte. Pogo, Rührungstränen und „Nazis raus!“-Chöre sind die Folge.

Zur Zugabe erscheinen sie in der Mitte der Halle auf einem hochfahrenden Podest und beziehen abermals klar Stellung gegen den aktuellen Rechtsruck besonders in ihrer Heimat Sachsen. Noch einmal geht es danach auf die Bühne, mithilfe der von Kraftklub eigens erfundenen Sportart Wettcrowdsurfen. Gewinner am Freitag erstmalig: Gitarrist Karl Schuhmann. Mit „Songs für Liam“ tauchen sie schlussendlich die Halle in einen Konfettiregen, bevor man sich zum ersehnten Leipziger Sternburgbier in den Backstagebereich verabschiedet.

Von Karsten Kriesel

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