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Kultur Regional Erinnerungslücke: Vor 32 Jahren wurde Antonio Manuel Diogo ermordet
Nachrichten Kultur Kultur Regional Erinnerungslücke: Vor 32 Jahren wurde Antonio Manuel Diogo ermordet
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20:15 02.07.2018
Antonio Manuel Diogo auf einem Foto aus dem Jahr 1986; er wurde 23 Jahre alt. Quelle: privat
Leipzig

Es gibt einen hübschen Satz über das Meer. Dieses, heißt es, sei nicht die Antwort, „aber du vergisst dort alle Fragen“. Ibraimo Alberto blickt auf den Indischen Ozean, in Beira in Mosambik, dem Land, in dem er geboren wurde. Man hört die Wellen rauschen, die Flut kommen, als wir ihn am Telefon erreichen. Der 55-Jährige kann seine Fragen nicht vergessen, gerade hier nicht. Es sei für ihn immer noch unbegreiflich, was am 30. Juni vor 32 Jahren im Zug zwischen Berlin und Dessau passiert ist. „Es ist für mich bis heute ein Trauma.“

In Coswig arbeitet sein Freund und Landsmann Antonio Manuel Diogo in einem Sägewerk. Sie sind zwei von rund 20 000 Mosambikanern, die in den 70ern und 80ern als Vertragsarbeiter in die DDR gekommen waren. Die beiden damals 23-Jährigen haben das Wochenende in Berlin verbracht, waren im Tierpark. Alberto, der im Fleischkombinat in Berlin arbeitet, hatte Diogo an diesem 30. Juni 1986 zum Zug gebracht. „Er stieg ein wie immer, der Zug fuhr los wie immer. Ich bat ihn noch, sich in den nächsten Tagen zu melden.“

„Kopf und Beine abgefahren“

Doch Diogo wird nie ankommen. Er ist von Neonazis ermordet worden. „Höhe Bahnhof Borne wurde männliche Leiche aufgefunden. Kopf und Beine abgefahren. Es handelt sich um eine Person mit dunkler Hautfarbe“, hat die Transportpolizei nüchtern notiert. Wenige Tage später erfährt Alberto von der mosambikanischen Botschaft, dass die Leiche zerstückelt worden sei, die einzelnen Körperteile über Kilometer zwischen Belzig und Borne verteilt worden seien. Neonazis, erfährt er, hätten Manuel zusammengeschlagen, ihn an einen Strick gebunden und aus dem Fenster gehängt. In der Öffentlichkeit wird der Fall nicht erwähnt. Das Ministerium für Staatssicherheit wird eingeschaltet. Restlos geklärt ist der Mord bis heute nicht. Und es ist nicht der einzige.

Dem Berliner Historiker Harry Waibel ist zu verdanken, dass dieser und andere Fälle nun wissenschaftlich und medial aufgearbeitet werden. Tausende Stasi-Berichte hat er untersucht. Waibel geht von 800 rassistischen Vorfällen gegen ausländische Vertragsarbeiter aus. Zwölf Personen wurden laut seinen Recherchen getötet, Tausende verletzt.

Ausstellung thematisiert das Nicht-Erinnern

Doch so etwas wie eine Erinnerungskultur gibt es nur in Ansätzen. Der Kulturraum Halle 14 in der Leipziger Spinnerei unternimmt den Versuch innerhalb seiner aktuellen Ausstellung „Requiem for a Failed State“ über die DDR und die Folgen, thematisiert gerade dieses bis vor kurzem andauernde Nicht-Erinnern. In der alten Industriehalle verweisen fiktive Straßenschilder auf Mordopfer, von denen es nicht mal einen Wikipedia-Eintrag gibt.

Leider nur hier gibt es nun also das „Diogo-Forum“ und die „Conceicao-Chaussee“ und ein paar knappe Informationen über „Carlos Conceicao, Lehrling in der DDR, geboren am 6. Juni 1969 in Gulelene (Mosambik), aus rassistischen Motiven am 19. September 1987 in Staßfurt ermordet“. Da ist die „Delfin-Guerra-Allee“ für „Delfin Guerra, Vertragsarbeiter in der DDR, geboren am 19. November 1960 in Kuba (Geburtsort unbekannt), aus rassistischen Motiven am 12. August 1979 in Merseburg ermordet. Und es gibt den „Paret-Platz“ und einen Hinweis auf „Raúl Andrés Garcia Paret, Vertragsarbeiter in der DDR, geboren am 10. März 1958 in Kuba (Geburtsort unbekannt), aus rassistischen Motiven am 12. August 1979 in Merseburg ermordet.“

Der „kuratorische Eingriff“, wie es Michael Arzt, Künstlerischer Direktor der Halle 14, nennt, beziehe sich auf den realen „Jorge-Gomondai-Platz“ in Dresden, der an einen Mosambikaner erinnert, der 1991 nach einem fremdenfeindlichen Überfall starb. Nicht umsonst trage die bis zum 5. August zu sehende Schau mit verschiedenen künstlerisch-dokumentarischen Positionen den Begriff „Requiem“ im Titel, sagt Arzt. Man wolle auch schmerzhafte Wunden offenlegen und eben auch diesen Aspekt ansprechen. Ein Thema, das sich wie Vergangenheit an sich ja nicht in Luft aufgelöst hat, sondern möglicherweise in die Gegenwart fortschreibt.

Für Ibraimo Alberto sind die Ereignisse von vor 32 Jahren permanente Gegenwart. In der DDR, in der er keineswegs unglücklich war, wie er betont, wurde er ein erfolgreicher Boxer, heiratete und bekam zwei Kinder. Im brandenburgischen Schwedt arbeitete er nach der Wende unter anderem als Ausländerbeauftragter. Als rassistische Anfeindungen überhand nahmen, insbesondere gegen seinen Fußball spielenden Sohn verließ er die Stadt, zog mit der Familie nach Karlsruhe und lebt heute in Berlin-Neukölln.

Treffen am Grab des Ermordeten

Für mehrere Jahre musste er sich in psychologische Behandlung begeben. Über sein Leben, die schönen und die dunklen Seiten hat er das bei Kiepenheuer & Witsch erschienene „Ich wollte leben wie die Götter“ geschrieben. Immer noch ist es für ihn kaum auszuhalten, sich direkt dem Schmerz auszusetzen, so wie jetzt auf seiner Reise nach Mosambik, wo er in wenigen Tagen die Schwester und hoffentlich auch die betagte Mutter des Ermordeten trifft, in Chimoio, das auch seine Heimatstadt ist und wo sie das Grab besuchen wollen. „Ich habe mich gar nicht getraut zu fragen, ob sie noch lebt, weil ich bei dem Gespräch mit Manuels Schwester schon in Tränen ausbrach“, erzählt er. „Seine Familie hatte sich damals so gefreut, dass er nach Europa geht. Und dann kommt er als Leiche zurück. Es ist immer sehr schwer für mich, seine Angehörigen zu treffen.“ Aber Ibrahimo Alberto macht es, das ist er sich, dem Ermordeten und dessen Familie schuldig.

Großartig findet er die Erinnerung, die in Halle 14 unternommen wird. Und ganz besonders zu Herzen geht ihm eine Gedenkveranstaltung, die am 29. Juni auf dem Bahnhof Bad Belzig stattgefunden hat – unter dem Motto „Remember Antonio Manuel Diogo!“. „Das ist berührend, das bringt mein Leben vorwärts, ist eine Bestätigung, dass es weitergeht.“ Am 12. Juli wird er in Bad Belzig aus seinem Buch lesen.

Begreifen wird er wohl nie, was damals passierte.

Requiem for a Failed State in Halle 14 (Spinnereistr. 7); bis 5. August, Di–So 11–18 Uhr

Von Jürgen Kleindienst

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