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18:01 21.09.2018
Die Autoren Jana Hensel (r.) und Wolfgang Engler (l.) werden befragt von LVZ-Chefredakteur Jan Emendörfer. Thema ist ihr Buch „Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“ (Aufbau Verlag). Leipzigreport
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Leipzig

Natürlich müssen Zusatzstühle herbeigeschafft werden. Das liegt, wie Jürgen Krätzer in seinen Begrüßungsworten vermutet, sowohl am Thema als auch an den Autoren. Jana Hensel und Wolfgang Engler sind ins Leipziger Haus des Buches gekommen, um mit LVZ-Chefredakteur Jan Emendörfer anderthalb Stunden über ihren Gesprächsband „Wer wir sind“ (Aufbau Verlag) zu diskutieren, es geht um nicht weniger als „Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein“. Das Publikum im ausverkauften großen Saal reagiert an diesem Donnerstagabend mit Zuneigung und Skepsis, aber auch Ratlosigkeit

Es klingt wie eine Zusammenfassung, als eine Besucherin die Publikums-Fragerunde eröffnet mit der Anmerkung, die jetzige Zeit fühle sich an wie das letzte Jahr der DDR: „Man wird nicht gehört.“ Ob es nun um Flüchtlinge gehe, um das Klima, um die gesamte Zukunft. Sie fragt sich und das Podium, wohin sich diese Gesellschaft entwickeln wird.

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Wolfgang Engler macht erst einmal seinem Ärger Luft – über den Umgang mit Ex-Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen. „Wenn ich so etwas sehe, bin ich verzweifelt“, sagt er, „welche Hoffnung sollen die Leute da noch in Vernunft setzen“. Jana Hensel fügt hinzu, sie wolle „aber den Staat nicht abschaffen“, was Engler fragen lässt: „Aber was die Frau gesagt hat, ist doch zu verstehen, oder?“

Dieses eine Mal nur blitzt sie kurz auf, jene Wortgefechtsbereitschaft von „Wer wir sind“, in dem der Berliner Soziologe, 1952 in Dresden geboren, und die Autorin, Jahrgang ’76 und in Leipzig aufgewachsen, darüber streuten, was die Erfahrungen der 90er Jahre für die Entwicklung heute bedeuten. Von Moderator Jan Emendörfer, 1963 in Halle geboren, verdichtet hier zur Frage: War Kohl mehr Schuld als Honecker?

„29 Jahre danach können wir auch einfach mal über uns selbst reden“, meint er in Anspielung auf das „eindimensional“ mit Ostdeutschen besetzte Podium. Was ja tatsächlich auffällt angesichts all der eindimensional westdeutsch besetzten Podien und Talkrunden. Oder Ministerien.

Wolfgang Engler, Jana Hensel: Wer wir sind. Die Erfahrung, ostdeutsch zu sein. Aufbau Verlag; 288 Seiten, 20 Euro Quelle: Aufbau Verlag

„Aus unserer Sicht“, sagt Engler, waren die 90er die „Schlüsseljahre“ für das, was heute die Diskussionen bestimmt, für die Wählerwanderung von links nach rechts und den radikalen Protest von rechts. Hensel nennt es den „ökonomischen, sozialen und mentalen Kollaps“, der unmittelbar auf die „selbstbewusste Erfahrung“ folgte, ein mündiger Bürger zu sein.Diese Erfahrungen der Ostdeutschen seien „nicht in die große deutsche Geschichtserzählung eingegangen“. Nun „beugt man sich über Phänomene wie Pegida und AfD mit Unverständnis“. Sie glaube, dass „der Kulturkampf, den die Rechte anzetteln will, das Entscheidende ist“, es gebe „objektiv keinen Grund für die Ängste, die geschürt werden“, keine sozialen Nöte. Beide betonen – wie im Buch, aus dem sie kurz lesen – den Unterschied zwischen DDR-Erfahrung (40 Jahre) und ostdeutscher Erfahrung (30 Jahre).

Ansonsten bleibt Hensel auch in der Diskussion beim schon Gesagten. Engler holt weiter aus, wenn er den Rest der Welt ins Spiel bringt, die Entwicklung des neoliberalen Wirtschaftssystems, Thatcher-Politik, Finanzkrise. Die Mobilisierung der Unzufriedenen durch die Neue Rechte habe eine Dimension bekommen, die das Kalkül unterläuft, sagt der langjährige Rektor der Berliner Hochschule für Schauspielkunst „Ernst Busch“.

Er hinterfragt die Begriffe. „Zusammenbruch der DDR“ sei „eine Neidformel“, sagt er, „von Leuten lanciert, die gern dabei gewesen wären, aber nur zuschauen durften“. Engler hat mit „Die Ostdeutschen“ 1999 einen Klassiker vorgelegt, Hensel 2002 „Zonenkinder“. Beide zusammenzuspannen, ist amüsant, nun kann es gern getrennt weitergehen.

Das Buch sei eine Ermutigung, sagt Engler zum Schluss. „Ermutigung heißt, dass wir uns den Problemen stellen. Da wächst sich nichts von selber aus.“

Von Janina Fleischer

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