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Kultur Regional Erstaunliche Entdeckung: Günther Rückers Defa-Regiedebüt „Die besten Jahre“
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17:31 17.07.2019
"Die besten Jahre" (Defa 1965) von Günther Rücker - mit Horst Drinda als Kriegsheimkehrer und Neulehrer Ernst Machner. Quelle: Filmjuwelen/Defa-Stiftung
Leipzig

Das Damoklesschwert schaukelte schon. Neun Wochen später stürzte es herab. Ein Film, der einige unliebsame Wahrheiten über den politischen Alltag der DDR sagte, kam davon. Er hatte am 1. Oktober 1965 Premiere. Mitte Dezember kassierte das 11. Plenum des SED-Zentralkomitees zwölf Defa-Produktionen (u.a. „Denk bloß nicht, ich heule“, „Das Kaninchen bin ich“). „Die besten Jahre“, die Geschichte um Kriegsheimkehrer Ernst Machner, der nur noch Tuche weben will, das aber nicht soll, weil die SED ihn zum Neulehrer machen will, blieb weiter in den Kinos.

Thema war bislang ein weißer Fleck

Gedreht wurde er in jener Zeit, in der Defa-Direktor Jochen Mückenberger entschlossen war, endlich Filme zu drehen, die das Leben in der DDR so beschrieben, wie es wirklich war. Günther Rücker, bei der Defa erprobt als Coautor von „Der Fall Gleiwitz“ und dem Dokfilm „Du und mancher Kamerad“, lieferte das Drehbuch zu einem Thema, das bislang ein weißer Fleck war. Ein Jugendfreund gab den Anstoß. Er war Lehrer geworden – und öffnete für Günther Rücker eine Tür in die frühen, oft verklärten DDR-Jahre.

So folgt er denn dem stoppelbärtigen Kriegsheimkehrer, der in einer Siedlung bei einer Witwe unterkommt, der vor Hunger schon mal einen Hund erschlägt, in einer Tuchfabrik mit dem Trümmerräumen beginnt – bis ein Schulrat auftaucht und ihn überredet, Lehrer zu werden. So beschwert er sich fortan immer wieder (So kann man mit Menschen nicht umgehen), dass er stetig die Treppe nach oben muss. Rühriger Dorfschul-Leiter, Direktor eines Elite-Gymnasiums, Schulrat im Neubaukomplex, Bildungsministerium. Er verliert über der Karriere seine Nachkriegsliebe an einen anderen, findet eine neue, junge Lehrerin, die ihm hilft, für Momente die Herzbeschwerden zu verdrängen.

„Unfähigkeit macht sich lieb Kind als blinde Treue“

Eine Stationengeschichte über einen, der unsicher, naiv und voll idealistischem Schwung auszog, die Bildung zu erobern, sich selbst erzieht und mit ein paar Illusionen weniger in den 60ern (die hoffnungsvollen DDR-Jahre) ankommt. In einer Szene redet Schulrat Schmeller (erstklassig in Sprache und Spiel: Herwart Grosse) über das Dilemma eines Landes, in dem das Feuer der Anfangsjahre verloschen ist: „Unfähigkeit, die wir bis aufs Messer bekämpfen, macht sich lieb Kind als blinde Treue. Die Heuchelei schickt uns Ergebenheitsadressen. Das Mittelmaß verkehrt Nüchternheit in Zweifel. Die Beschränkten schieben Vorsicht vor und ertränken Mut in Beschränkungen – und mit ein bisschen Geschick kommt das alles zu Lohn und Brot und hohen Ehren.“ Das rigorose Urteil über eine kühl-berechnende Karrieregesellschaft, die ihre Ideale längst vergessen hat und alles andere war als Walter Ulbrichts gelobte sozialistische Menschengemeinschaft.

Am Ende trifft Ernst Machner, nun Ministerialbürokrat, dann noch mal seinen Stellvertreter aus der Dorfschule. Der konstatiert nüchtern: „Bis jetzt hat mich keiner, der aufgestiegen ist, besucht.“ Ein Satz, eine Szene, die im 1988 vom Henschelverlag gedruckten Szenarium fehlt.

Auch über die veraltete Rechentechnik gibt es eine Szene, die nüchtern (und wunderbar gesprochen von Klaus Piontek) den beunruhigenden, erheblichen technischen Rückstand der DDR in Zeiten des Zauberworts Kybernetik feststellt. 20 Jahre später wurde dann beim gefeierten Ein-Megabit-Chip, nun mit Erich Honecker, die schnöde, banale Wirklichkeit immer noch bunt und prächtig übermalt.

Spröde, nichtsdestotrotz poetische Dialoge

„Die besten Jahre“, Günther Rückers Regiedebüt, hat all die Jahre frisch überstanden – mit seinen genauen Szenen, oft nur pointiert skizziert, mit seinen kargen, spröden, nichtsdestotrotz poetischen Dialogen, mit seiner lakonischen Erzählweise. Da schwingt ein herber Realismus in den präzisen Bildern, der an Italiens Neorealismus und das sowjetische Tauwetterkino erinnern (beide Favoriten des Filmsehers Rücker). Dazu immer wieder Darsteller, die aus kurzen Auftritten Studien lebendiger Charaktere machen: Harry Hindemith als knorriger Meister, Lissy Tempelhof als Machners Siedlungsliebe, die Arbeiterin bleibt und den Aufbruch als Neulehrer abbricht, oder Rolf Hoppe als Geschichtslehrer Klein, der in einem Kabinettstück süffisant Ernst Machner als Gymnasialdirektor vorführt. Horst Drinda, Star des Deutschen Theaters, ist ein Machner, der sich quält, schieben lässt, sich reinhängt der zweifelt und zögerlich ist. Ein hehrer Idealist, dem falscher Ehrgeiz so fremd ist wie Aufstiegssucht.

Dass Dokfilmer Günter Jordan (Kritik im Booklet) faustische Prinzipien und faustische Menschen und eine „Sauberkeit der filmischen Umsetzung“ (was ist denn das?) entdeckt, ist wohl der so verschwurbelten wie typischen DDR-Großsprache geschuldet. Dass der Film nicht im richtigen Totalvision-Format (2,35:1) vorliegt, erinnert ebenso an alte Zeiten.

Nach „Die besten Jahre“ machte sich Günther Rücker an einen Film über den Anarchisten Max Hoelz. Davon wollte die gezüchtigte Defa nichts hören. Erst 1973, nach dem Erfolg mit „Die Verlobte“, konnte der wilde „Wolz“ gedreht werden.

Von Norbert Wehrstedt

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