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Kultur Regional Erweiterungen des Wahrnehmungshorizonts beim „Essay Listening“
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07:43 28.10.2019
Beleuchten die Geschehnisse um den NSU: Comicautorin Paula Bulling (l.) und Verlegerin Anne König mit ihrem Buch „Bruchlinien“. Quelle: André Kempner
Leipzig

Ein „interdisziplinäres Campus-Programm zur Kunst des Essays“ versprach die Literaturzeitschrift „Edit“ für ihr „Essay Listening“ in der Galerie für Zeitgenössische Kunst. Wohl auch, um daran zu erinnern, dass Essays eben keine Spezialform eines irgendwie „gehobenen“ Journalismus sind, sondern Literatur, Kunst also.

Auch darum gehören sie zum Literarischen Herbst, der vor einer Woche mit dem Besuch von Friedenspreisträger Sebastião Salgado begonnen hat und gestern zu Ende ging. Mehr als 3000 Zuschauer besuchten 27 Veranstaltungen mit mehr als 80 Mitwirkenden an 18 Orten in der ganzen Stadt.

„Hybride Kunst

Essays sind eine „hybride Kunst“, wie die Veranstaltung am Samstag zeigt, die sich über Buchvorstellung und Gesprächsrunden hin zu Performance und Jazz-Konzert erstreckt. Es gehe, wie „Edit“-Chefredakteurin Kathrin Jira betont, eben „mal nicht ums Lesen, sondern ums Zuhören“. Und ums Zuschauen ebenfalls, wie gleich der erste Programmpunkt zeigt.

Bruchlinien. Drei Episoden zum NSU“ heißt der bei Spector Books erschienene Band, der durchaus noch einmal klar macht, warum der Leipziger Verlag zuerst mit dem Sächsischen und gerade eben mit dem Ersten Deutschen Verlagspreis ausgezeichnet wurde. Denn für ein „gesellschaftlich brisantes Thema“ eine Form zu finden, die abseits des allzu Gewohnten erzählt, ist das Unterfangen, das auch Comicautorin Paula Bulling und Verlegerin Anne König mit ihren „Bruchlinien“ angehen.

Gesellschafts-Phantombild

Es ist der Versuch, die Geschehnisse um den NSU aus einer dezidiert weiblichen Perspektive (König) zu beleuchten. Wofür hier drei ins Geschehen involvierte Frauen (eine Zschäpe-Freundin, eine Beamtin des Verfassungsschutzes und Gamze Kubasik, Tochter des vom NSU ermordeten Mehmet Kubasik) als eine Art Medium für das dienen, was Comic und Protokoll, Recherche und Spekulation zu vereinen sucht.

Dass das wirkt, lieg vor allem am Sujet. An dieser „gespielten Unwissenheit der Unterstützerinnen aus der rechten Szene“ (König), an der Mischung aus Inkompetenz, Ignoranz und – nicht zu vergessen – einem späterhin bezeichnenden Wegducken vor Verantwortung speziell auf Seiten des Verfassungsschutzes. Und am Leiden der Opfer, zu dem die Demütigungen durch Ermittlungsbehörden beitrugen, die lange einen „rechten Hintergrund“ der Taten ausschlossen.

Putzig goldige Tupfer

Es ist ein Gesellschafts-Phantombild, das immer noch beschämt und empört – und das hier jetzt „Textinformationen zu Bildern werden“ lässt, die dann als Projektionen zu sehen sind. Inklusive der Sprechblasen, die Bulling dazu vorliest. Und so hört man dann die freundliche Stimme der Autorin, die mit einigen der Comic-obligaten Lautmalereien (Vroooom, Pling-Plang, Ding-Dong) dem dunklen Sujet ein paar putzig goldige Tupfer verleiht.

Wohlwollend könnte man sagen, dass das vielleicht dem entspricht, was Michael Lissek als „das Essayistische in den Klang rüber ziehen“ bezeichnet. Zum Essay-Listening-Abend palavert und sinniert Lissek, als Redakteur beim SWR 2 für die Radio-Features des Senders verantwortlich, gemeinsam mit dem Autor Pascal Richmann, der seinerseits für Lissek eine Hörstückreihe „Über das Unheimliche“ geschrieben hat.

Mit fremden Stimmen

Es ist ein kluges, kurzweiliges Nachdenken und Reflektieren (Klangbeispiele inklusive) über jene Prozesse, die Worte und Gedanken „radiophoner“ werden lassen und Texte sich nicht nur zu einem „akustischen Theorietheater“ (Lissek) transformieren, sondern zur Ausdrucksform des Poetischen. Zu diffizil arbeitenden Wort-Klang-Hybriden, die den Zuhörern Räume öffnen, die beim bloßen Lesen verschlossen und außerhalb des Bewusstseins bleiben.

Was ein wenig jenem Found-Footage-Schöpfungsprozess ähneln mag, den Richmann schildert und der es dem Autor erlaubt, dass er „plötzlich mit fremden Stimmen schreiben“ kann. Jenen Stimmen, die man dann aus dem Radio „tatsächlich“ hört.

So wie den Papst, der mit einer Weltallstation telefoniert, während – nächste Tür, die sich öffnet – durch den Äther Kubricks „Space Odyssee“ zitierende Musik wabert. Dass dann auch noch Johanna von Orleans vorbeischwebt, ist naheliegend, ist sie doch die Schutzheilige der Telegrafie und des Rundfunks, „weil sie Gottes Stimme vernahm“, wie Richmann erklärt.

Was sich hier zeigt (hören lässt), ist tatsächlich nicht weniger als Kunst. Poesie, die ihrer Natur gemäß „nie eindeutig“ (Lissek) ist, die aber den Wahrnehmungshorizont dessen weitet, was oft zu eng als Wirklichkeit begriffen wird.

„Edit“-Essaypreise in Leipzig vergeben

Nach öffentlicher Diskussion der fünf Shortlist-Texte hat die Jury am Sonntag den Essaypreis der Literaturzeitschrift „Edit“ an zwei Autoren vergeben: Sophia Eisenhut und Mazlum Nergiz. Sie teilen sich das sich von der Schreib-App Ulysses gestiftete Preisgeld in Höhe von 1000 Euro. Der erstmals ausgelobte Radio Essaypreis geht an Lisa Krusche für einen Text, der sich besonders für eine Inszenierung im Radio eignet: „Heul doch“ wird am 16. Dezember in einer Radiofassung im SWR2 zu hören sein, der den Preis gestiftet hat. Außerdem erscheinen alle drei Gewinnertexte als E-Book bei Matthes & Seitz Berlin.

Von Steffen Georgi

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