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14:12 26.01.2018
Der Cellist Steven Isserlis Quelle: Satoshi Ayagi
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Leipzig

Bei Haydn hat das Gewandhausorchester eine offene Flanke. Dabei ist diese Musik, die es in den vergangenen Jahrzehnten nur in homöopathischen Dosen in die Programme der Großen Concerte schaffte, für Spielkultur und Klanghygiene eines Orchesters mindestens ebenso wichtig wie die Mozarts. Der auch viel zu selten auf den hiesigen Pulten liegt. Drum ist es doppelt schön, dass Papa Haydn in den beiden Konzerten dieser Woche mal wieder vorbeischaut am Augustusplatz und sein herrliches zweites Cello-Konzert mitgebracht hat. Das, obschon ein Hauptwerk der Gattung, stand zuletzt 1975 (!) auf dem Spielplan – noch in der Kongresshalle und dirigiert vom späteren Gewandhauskapellmeister Herbert Blomstedt, der wenigstens ab und an einen Haydn ansetzte. Diesmal steht Ádám Fischer am Pult, dem in Sachen Haydn niemand etwas vormacht – spätestens seit er alle 104 Sinfonien sehr überzeugend auf CD verewigt hat.

Auch mit dem Gewandhausorchester gelingt ihm ein sehr lebendiger, elastischer, detailversessener und klangschöner Zugriff auf den keineswegs nur in selbstvergessenem Begleiten sich erschöpfenden Orchestersatz. Das könnte schön sein, sehr schön sogar, wäre es insgesamt nicht doch eine Spur zu massiv für das eher introvertierte Cello-Spiel des großen Steven Isserlis, der auf seinem Stradivari mit warmem Satin-Ton die Schönheiten des Werkes eher in den sanft ausschwingenden Linien des Adagio sucht, in den betörend fein ausbalancierten Perioden des Kopfsatzes und im doppelbödigen Witz des Finales als im Virtuosen-Furor, den Haydn durchaus auch anbietet. Aber weil Fischer mit seinen ausladenden Bewegungen das für sich genommen wunderbar klingende Gewandhausorchester um Konzertmeister Frank-Michael Erben kaum je leiser als Mezzopiano bekommt, bleibt manche Cello-Kostbarkeit ungehört. Allerdings auch manche Ungereimtheit im Passagenwerk. Dennoch: eine sehr hörenswerte Aufführung dieses Meisterwerks. Dass das Gewandhaus durchaus häufiger Haydn ansetzen könnte, zeigen die begeisterten Reaktionen im voll besetzten Saal, für die Isserlis sich mit einer so charmanten wie aberwitzigen Pizzicato-Petitesse bedankt: „Chonguri“ aus der Feder des georgischen Komponisten Sulchan Tsintsadze (1925–1991).

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Bei Bartók hat das Gewandhausorchester eine offene Flanke. Dabei ist diese Musik, die es in den vergangenen Jahrzehnten viel zu selten in die Programme schaffte, für Klangkultur und rhythmische Hygiene ebenso wichtig wie die eines Claude Debussy. Der sich ebenfalls zu rar macht. Bartóks „Zwei Bilder“ (entstanden 1910), durchaus keine Nebenwerke, hat das Gewandhausorchester bis zum Donnerstag noch nie vor Publikum gespielt.

Es wurde also allerhöchste Zeit – ebenso fürs Gewandhaus-Debüt des weltweit gefragten und gefeierten Ádám Fischer. Dessen so interessante wie ausladende Zeichengebung führt bei Bartók zu wunderbaren Ergebnissen, etwa wenn er mit äußerster Klarheit in der durch lichten Nebel besonnten Blumenwiese des ersten Bildes die Treffpunkte präzisiert, dazwischen aber den melodischen Einflüsterungen vor allem im betörend schönen Holz die Zügel lockerer lässt. Im ausgelassenen Tanz des zweiten Bildes führt Fischer den Stab bisweilen beherzt wie ein Zweihand-Schwert. Nein, da bleiben wirklich keine Fragen unbeantwortet: Satt will er dieses Orchester-Tableau haben, lebensprall und saftig. Und so bekommt er es auch.

Bei Beethoven hat das Gewandhausorchester keine offene Flanke. Gefühlt gab es in den letzten Jahrzehnten keine Saison ohne einschlägigen Zyklus, mit seinen fürs jeden Klangköper in jeder Beziehung so wichtigen Sinfonien. Sie sind allesamt so gut und so schön, dass man sie gar nicht oft genug ansetzen kann. Bei Ádám Fischer ist es nun die Sechste, und er geht sie detailverliebt, aber eher gerundet an, setzt philharmonische Fülle an die Stelle von Riccardo Chaillys Unerbittlichkeit und Herbert Blomstedts beseelte Diesseitsfeier. Vielleicht kein ganz großes Konzert, aber immerhin ein sehr schönes Großes Concert.

Von Peter Korfmacher