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Kultur Regional Ex-Silly-Frontfrau Anna Loos strahlt gewisse Gleichförmigkeit aus
Nachrichten Kultur Kultur Regional Ex-Silly-Frontfrau Anna Loos strahlt gewisse Gleichförmigkeit aus
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15:36 05.04.2019
Der Band Silly hat sie den Rücken gekehrt: Anna Loos mit eigener Band im Täubchenthal.
Der Band Silly hat sie den Rücken gekehrt: Anna Loos mit eigener Band im Täubchenthal. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Kaum ist am Donnerstag die Sonne hinter dem Hof des Täubchenthals untergegangen, da geht sie auf der Bühne wieder auf: Das strahlende Dauerlächeln von Sängerin Diane Weigmann, einigen wohl noch bekannt von den Lemonbabies oder als Ärzte-Single-Sidekick, erhellt den Saal. Ebenso frühlingsleicht zitronenhell, aber weitgehend unschuldig, präsentiert sich ihr Akustik-Singer-Songwriter-Pop mit lebensbejahender Lyrik.

Die etwa 450 Menschen im hinreichend gefüllten Ballsaal, zu einem großen Teil weiblich und jenseits der 40, nehmen höflich Anteil, warten jedoch klar auf die Hauptkünstlerin des Abends: Anna Loos. Kurz nach ihrem Ausstieg bei Silly ist die Schauspielerin und Musikerin mit ihrem Solodebüt „Werkzeugkasten“ auf Clubtour. Rhythmisch wird sie im Intro herbei geklatscht, auch später finden die Hände des Publikums immer wieder im eingängigen Viervierteltakt zusammen. Schon der Mitklatschfaktor zeigt schnell, dass sich Loos live weniger schroff, kantig oder gar kämpferisch präsentiert, als das Marketing zur Platte glauben lassen will. „Alle wollen irgendwohin“, heißt es im angeschlagerten Opener des Konzerts. Nun hat Loos den Ost-Rock-Kult-Faktor freilich abgelegt, ob sie in den eigenen Liedern ihren Platz findet, bleibt abzuwarten. Textlich dreht sich jedenfalls viel um Aufbruch, Suche und Veränderung.

Kalenderblatt-Metaphorik

In puncto Tiefgang bewirken die Lieder eher zustimmendes Abknicken der Kalenderblatt-Metaphorik, als dass es zum Blick öffnendem Denkanstoß käme. Auch musikalisch ist kaum Alleinstellungsmerkmal auszumachen, der anfängliche Schlagereindruck verwäscht zunehmend in unaufgeregtem Pop-Rock wie ihn Juli, Silbermond und Christina Stürmer schon ganz ähnlich durchdekliniert haben. Allzu viele Einzelteile scheint es nicht zu geben in ihrem Werkzeugkasten, die Songs variieren trotz Eingängigkeit nur marginal.

Auch Loos’ zwar solide aber nicht unverwechselbare Gesangsstimme fügt hier weder Tiefen noch Spitzen hinzu, ein Umstand, der ihr schon als Tamara Danz-Erbin bei Silly mitunter nachhing. Selbst jetzt, wo sie sich allein mit ihrer eigenen Musik in den Mittelpunkt stellt, kommt sie kaum hinter ihrem akkurat geschnittenen Pony hervor, so manch’ ein in Tanz und Text verlorener Fan scheint tiefer in ihrer Musik zu versinken als sie selbst.

Leidenschaft und Tiefe fehlen etwas

Mehr noch als die Songs wirken die Zwischenansagen dem Gute-Laune-Animationsbaukasten entnommen, gespickt mit der einen oder anderen pseudoauthentischen Geschichte zum je folgenden Song. Solide und routiniert muss man wohl das Gesamtpaket nennen, allein der umfassenden Bühnenerfahrung Loos’ wegen hätte man mit mehr Leidenschaft und Tiefe rechnen können.

Immerhin, mit ihrem Song „Was ich dir noch sagen wollte“ zielt sie auf Verluste und Abschiede im Leben, die wohl jeder schmerzlich kennt, und bewirkt, dass vereinzelt Tränen im Publikum fließen. Auch einzelne Soli und kurze Synkopen leisten sich die sonst brav an ihren Plätzen bleibenden Musiker, insgesamt fehlt es jedoch an leidenschaftlichen oder wahlweise Show-basierten Ausbrüchen. Durch aufblitzendes Stroboskop-Licht ab und zu suggeriertes Rockflair wird durch die Musik im Mitklatschreigen kaum eingelöst.

Dem Publikum jedenfalls gefällt es hörbar, das weiß Loos bei aller scheinbaren Zurückhaltung auch zu schätzen. Wer jedoch nicht tiefer in die Songs eingedrungen ist, verlässt den Abend mit dem Gefühl einer gewissen Gleichförmigkeit, musikalisch und auf der Bühne. Und da nach einer reichlichen Stunde das Album einmal durchgespielt ist, gibt es zur zweiten Zugabe noch einmal den Opener, bevor dann jeder wieder „irgendwohin“ in die noch frische Nacht darf.

Von Karsten Kriesel