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Kultur Regional Feurig, kurzweilig und witzig: „Carmen la Cubana“ begeistert in Leipzig
Nachrichten Kultur Kultur Regional Feurig, kurzweilig und witzig: „Carmen la Cubana“ begeistert in Leipzig
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16:28 22.08.2018
Verdreht den Männern den Kopf: Luna Manzanares als Carmen.
Verdreht den Männern den Kopf: Luna Manzanares als Carmen. Quelle: Johan Persson
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Leipzig

Sie trägt rot – natürlich. Als Carmen zum ersten Mal an diesem Abend die Bühne betritt, drehen die Männer durch. Lässig steht sie oben auf der Empore, rauchend, die schwarzen Locken offen, in knallroter Korsage und schwarzem Rock. Sie weiß um ihre Wirkung. Nicht nur den eigentlich glücklich verlobten José wird sie in den Wahnsinn treiben, auch die restliche Männerwelt ist ihr verfallen.

Carmen ist eines der beliebtesten Musiktheaterstücke weltweit. 1845 schuf der Franzose Prosper Mérimée die provokante Figur einer Frau, die so lebt, wie sie Lust hat, und der das am Ende zum Verhängnis wird. 1875 folgte die Oper von Georges Bizet. Jetzt ist an der Oper Leipzig noch bis Sonntag als Gastspiel „Carmen la Cubana“ zu sehen, eine kubanische Interpretation des Carmen-Stoffes.

Der Opern- und Musical-Regisseur Christopher Renshaw und der Arrangeur Alex Lacamoire verlegen die Handlung aus Andalusien nach Kuba ins Jahr 1958, mitten in die kubanische Revolution. Drei Jahre arbeiteten sie an „Carmen la Cubana“. Im April 2016 feierte das Stück am Pariser Théâtre du Châtelet Premiere. Statt eines klassischen Orchesters sitzt eine Latin-Bigband auf der Bühne, aus dem Torero Escamillo wird der Boxer El Niño, in Musik und Tanz fließen kubanische Rhythmen ein, die Darsteller sprechen und singen Spanisch. Das Stück ist ausschließlich mit kubanischen Künstlern besetzt. Und die starke Carmen, die sich von keinem Mann etwas sagen lassen möchte, findet ihre Entsprechung auch in den von den Soldaten gefürchteten Revolutionären.

Begeisterter Zwischenapplaus

Die 1990 in Havanna geborene Sängerin Luna Manzanares verkörpert den Titelstar leidenschaftlich und selbstbewusst. Nach ihrem ersten Solo, der bekannten „Habanera“, spendet das Publikum begeisterten Zwischenapplaus – es wird nicht der letzte bleiben. Die brave Marilu (Christina Rodriguez Pino), eigentlich Josés Verlobte, verkörpert im weißen, hochgeschlossenen Kleid und mit heller Sopranstimme das Gegenteil der feurigen Carmen.

Die Inszenierung hat alles, was eine unterhaltsame Show braucht. Das Herz wird durch die Handlung ohnehin angesprochen: Liebe, Verführung und Eifersucht treiben die Akteure an. Und fürs Auge gibt es auch genug: bunte, ständig wechselnde Kostüme, kreative Tanzeinlagen und die wohl nötige Portion nackte Haut, zum Beispiel, wenn am entscheidenden Abend im Kasino in Havanna eine Riege von Tänzerinnen im Glitzerbikini auftritt.

Dass Verführung nackte Haut nicht zwingend nötig hat, beweist Carmen derweil eindrücklich. Ihre Kleider und Röcke bedecken fast immer die Knie. Den Blick von ihr zu wenden, fällt dennoch schwer. In der letzten Szene tauscht sie ihr rotes Kleid gegen ein weißes. Sie hat sich gegen José entschieden und für den Boxer El Niño. „Was kannst du mir schon bieten? Mit ihm bin ich die Königin von Havanna“, sagt sie zu José. Das kann er nicht ertragen – er ermordet sie.

Besonders stark ist die Inszenierung dann, wenn die große, bunte Show sich etwas zurücknimmt. Wenn Marilu vor dem Nachtclub in einer klaren und intensiven Arie ihren José anfleht, zu ihr zurückzukehren. Wenn Carmen es im ersten Akt schafft, José zu umgarnen und ihn davon zu überzeugen, sie freizulassen und nicht in den Kerker zu stecken.

Stark, selbstbewusst und sexy

Carmen nach Kuba zu verlegen, das funktioniert. Dass das Konzept aufgeht, liegt an einer homogenen Ensembleleistung – und vor allem an der Besetzung der Carmen. Stark, selbstbewusst und sexy trotzt sie allen an sie herangetragenen Wünschen und lebt ihr Leben aus den Vollen. Die neu arrangierte, mit kubanischen Elementen angereicherte Musik harmoniert mit den energiegeladenen Choreographien von Roclan Golzález Chávez, die auch Tänze wie Mambo und Rumba zitieren. Die berühmte „Habanera“ fand auf Kuba ihren Ursprung.

Die Interpretation des klassischen, tragischen Stoffs ist packend, leidenschaftlich und immer wieder auch ziemlich witzig – gute Unterhaltung auf hohem künstlerischen Niveau. Am Ende würdigt das begeisterte Publikum in der fast ausverkauften Oper den Künstlern mit langen Standing Ovations und begeistertem Applaus.

„Carmen la Cubana“, bis 26. August täglich in der Oper Leipzig und vom 2.–14. Oktobe

Von Sophie Aschenbrenner