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Kultur Regional Flammen gegen das Vergessen: Hans Nevídal erinnert in Leipzig an die Bücherverbrennung 1933
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15:43 13.05.2019
Urwald in Flammen: Die Filme, mit denen Hans Nevídal die Fassade der Deutschen Nationalbibliothek in Leipzig beleuchtete, stammten in diesem Jahr aus Brasilien. Quelle: André Kempner
Leipzig

Freitag, 10. Mai, kurz vor 22 Uhr: Auf der Fassade der Deutschen Nationalbibliothek züngeln Flammen. Sie ziehen vereinzelt Passanten von der Semmelweisstraße, Ecke Philipp-Rosenthal-Straße an. „Ich schreibe immer 10 Uhr, aber dann ist es immer noch nicht richtig finster – die Nazis hatten 1933 dasselbe Problem“, lacht Hans Nevídal.

Ein Stromaggregat rattert verlässlich, damit versorgt der österreichische Experimentalgrafiker und Aktionskünstler einen alten Beamer. An die Fassade der Bibliothek wirft er Filme zum technischen Brandschutz, zeigt brennende Regenwaldflächen in Brasilien oder auch Menschen, die nicht ganz sachgemäß mit Gasflaschen hantieren.

Erinnerung an Bücherverbrennung 1933

Seit dem Jahr 2000 erinnert der 63-Jährige so an den 10. Mai 1933: den Tag, als bei einer konzertierten Aktion der Deutschen Studentenschaft am Berliner Opernplatz die Bücher brannten. 21 andere Universitätsstädte beteiligten sich an der Aktion „wider den undeutschen Geist“, aber auch nichtstudentische Aktionen gab es. Wegen Starkregens fanden sie mancherorts nicht zeitgleich statt.

„Die Aktion der Bücherverbrennung 1933 war ja eigentlich eine Propagandaaktion, die für andere Medien stattgefunden hat – für den Rundfunk und die Wochenschau“, erklärt er. Anders als bei den Autodafés der katholischen Kirche, wo es mit Buchgerichten noch gelingen konnte, Bücher und damit Denken zur Gänze zu vernichten, war das in den 30ern kaum mehr möglich. „Heute findet so etwas vielleicht elektronisch statt.“

Die Filme Nevídal zeigt, haben einen doppelten Boden – der technische Brandschutz ist in den meisten Ländern ein Metier uniformierter Männer: „Sie sind manchmal sehr frauenfeindlich“, sagt er. Quelle: André Kempner

Langzeitprojekt widmet sich weiteren Fragen

Eine Zeit lang ging es ihm daher darum, die Herrschaftspraxis der Zensur, die das Buch bereits vor dem Buchdruck begleitete, zu betrachten. Er wollte auf neue Gefahren hinweisen, die nach dem Faschismus drohten. Newspeak, der „Neusprech“ aus George Orwells „1984“ nennt er als Beispiel oder auch psychiatrische Techniken: „Nach dem Motto, wer nicht lesen kann, dem braucht man auch keine Bücher vorzuenthalten.“

Dann drangen medientheoretische Fragen in den Vordergrund: Wie wirkt sich die Digitalisierung auf die freie Meinungsäußerung und das freie Denken aus? Welche Zensurmechanismen greifen hier? Die 34 geplanten „Projektionen zum 10. Mai“ sind eben ein Langzeitprojekt, das der Wiener verfolgt.

34 Projektionen bis ins Jahr 2033 geplant

Wie er dazu kam, wisse er auch nicht mehr so richtig. Eine Bekannte habe in Frankfurt am Main vis-à-vis der Deutschen Bibliothek eine Galerie einweihen wollen. Er wollte damals dazu die Filme von dort über die Straße projizieren. Nach langem Hin und Her mit der Pressestelle konnte er erst im Jahr 2000 mit dem Projekt beginnen. Das stieß auch da auf wenig Gegenliebe, da Nevídal es bereits bis ins Jahr 2033 geplant hatte. „Ich wollte auf den Jahrestag 2033 kommen. Inzwischen bin ich mir nicht mehr so sicher, ob ich das noch erlebe“, lacht er.

Am Anfang sei er schlicht euphorisch gewesen. Wollte die Filme gar aus einem Hubschrauber hinunter projizieren. Dazu kam, dass das Projekt hier auf fruchtbaren Boden fiel, als er 2001 in Leipzig begann: „Am Anfang habe ich eine total offene Atmosphäre in Leipzig erlebt.“ Inzwischen habe er in Frankfurt, das damals übersättigt war, fast mehr Publikum. „Es ist schon interessant, wie sich die Zeiten ändern.“

Hans Nevídal wirft den Beamer für sein Langzeitprojekt an. Quelle: André Kempner

Mahnung gewinne wieder an Bedeutung

Die Zeiten seien auch so, dass er wieder auf sein Kernanliegen zurückkomme: die Erinnerung an die Bücherverbrennung und Mahnung vor dem Faschismus. Das sehe er auch in Sachsen: Auf den Straßen gebe es Leute, die Hakenkreuze und anderes trügen und sagten: „Wir sind keine Nazis!“. Es gebe Unterschiede zu 1933, ja, die nehme er wahr. Dennoch: Diesen Dämon wolle er austreiben „mit einer apotropäischen Handlung und ein bisschen Hokuspokus“, mit dem er dem „deutschen Volkskörper“ Nadelstiche versetze.

So habe er in Frankfurt einmal eine historische Rede Goebbels’ aufgeführt, und damit einen Vorbeikommenden zutiefst irritiert: „Warum redet da dieser Nazi?“ In Leipzig wiederum lief einmal eine Vorführung von DDR-Zeichentrick-Filmen zum Brandschutz wahnsinnig gut. Schlicht aus Freude, diese alten Filme noch einmal zu sehen.

Erstarken des Rechtspopulismus: Nevídal ist nicht überrascht

Für dieses Jahr hat er sich brasilianische Brandschutzfilme besorgt und spricht zur Situation in Österreich oder, wie er es nennt: zur „Einführung des Faschismus durch demokratische Wahlen“. Dass rechtspopulistische Parteien nach 1945 noch einmal so an Einfluss gewinnen konnten, habe ihn grundsätzlich nicht überrascht.

„Seit ich auf der Welt bin“, sagt der 1956 Geborene, „rechne ich mit dieser Entwicklung. Auf die Entwicklung von 1918 bis ’45 und die Gegenwart blickend, sagt er. „Die Wirtschaftskrise war schon da, wir gehen jetzt auf das Jahr ’33 zu.“ Das leicht Spöttische, mit dem Hans Nevídal seine von der Bibliothek geduldete Guerilla-Aktion begleitet, weicht. Einzig das Stromaggregat überbrückt den kurzen Moment der Stille.

Von Manuel Niemann

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