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Kultur Regional „Französische Hofmusik“ mit Collegium vocale und Merseburger Hofkapelle in der Nikolaikirche
Nachrichten Kultur Kultur Regional „Französische Hofmusik“ mit Collegium vocale und Merseburger Hofkapelle in der Nikolaikirche
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13:06 19.06.2019
Französische Hofmusik mit dem Collegium vocale Leipzig und der Merseburger Hofmusik. Quelle: Andre Kempner
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Leipzig

Höfisches Leben kannte im 17. und 18. Jahrhundert nur ein Vorbild: Versailles. Was der Sonnenkönig und seine Nachfahren vorlebten, bis ihr Absolutismus unter dem Revolutions-Fallbeil endete, das wollten auch Deutschlands Potentaten. Und obschon diese Form der Hofhaltung selbst eine Großmacht wie Frankreich in den Ruin trieb, eiferten auch die Klein- und Mittelstaaten Mitteldeutschlands diesem Beispiel nach. Mit unerträglichen Folgen für die Bevölkerung – und reichem Segen für die Kultur bis in unsere Tage.

In Weimar wusste man es

Denn als Bach an den Weimarer Hof kam, traf er da auf einen musikbegeisterten Landesvater und auf eine Kapelle, die durchaus mithalten konnte mit denen weit größerer Residenzen. Und er traf auf eine Offenheit, die typisch war für die Zeit: Was in Italien geschah und in Frankreich, in Weimar wusste man es. Und man wusste es zu schätzen. Bach machte sich diese Musiken zu eigen und formte sie um, verleibte sie seiner eigenen universalen Diktion ein.

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Zum Beispiel in den Orchester-Suiten, deren C-Dur-Exemplar BWV 1066 im Zentrum des Konzertes steht, mit dem das Collegium vocale Leipzig und die Merseburger Hofkapelle unter der Leitung von Gewandhaus-Organist Michael Schönheit in der bestens gefüllten Nikolaikirche die Bachfest-Besucher mit „Französischer Hofmusik“ vertraut machen.

Gediegene Wohlanständigkeit

Respektive mit ihren Folgen. Denn die zackig punktierte Einleitung, die Tanzsätze, sie folgen Pariser Modellen, sind aber bei Bach weit weniger schablonenhaft ausgeführt, sie sind dennoch klarer, weniger geziert, weniger affektiert und weniger manieriert. Verblüffenderweise aber hängt ausgerechnet bei diesem populärsten Werk des Abends der Spannungsbogen durch bei der Merseburger Hofkapelle. Nach markantem Beginn, der aufhorchen macht und mitwippen, lässt Schönheit am Cembalo bereits in der Courante das Musizieren in gediegene Wohlanständigkeit hinübergleiten. Außer einer befremdlich individuell tönenden Oboe gibt es daran objektiv nichts auszusetzen – zu lobpreisen aber auch nicht.

Fabelhaftes Collegium vocale

Was schade ist und erstaunlich. Denn in Bachs sehr französisch beginnender Kantate „Nun komm der Heiden Heiland“ ist zu Beginn des Abends von dieser gepflegten Unaufgeregtheit keine Spur. Vielleicht liegt das am sehr klein besetzten, aber fabelhaften Collegium Vocale und an den durch die Bank bemerkenswerten Solisten: Gesine Adler, Susanne Langner, Stefan Kunath, Tobias Hunger und Klaus Mertens, der sich die Bach-Medaille offenbar nachträglich damit verdienen will, dass er nicht nur jede Bach-Partie seines Faches gesungen hat, sondern auch in gefühlt jedem Bachfest-Konzert auftritt. Wenn’s ihm Freude macht ...

Wenn Mertens Bach singt ...

Dem Publikum jedenfalls kann das nur recht sein, denn wenn Mertens Bach singt, ist der Himmel nah. Im BWV 61 reichen ihm die wenigen Töne über gezupften Streichern im Rezitativ „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an“, um eine Tür zu öffnen zu einer Welt voller Schönheit und Wahrhaftigkeit, Affekten und Rhetorik, eine Tür zur sprichwörtlichen Klangrede – und zum Herzen der Musik. Der kraftvoll geschmeidige Tenor Tobias Hungers muss sich dahinter nicht verstecken, und auch Gesine Adlers Sopran hält mit.

Eleganter Pomp

So weit Bach sich nach den französischen Eingangsklängen von Versailles entfernte, so tief drang Georg Philipp Telemann mit dem Grand Motet „Deus judicium tuum“ ins Herz der Chapelle Royal vor. Hier zeigt sich seine Größe ebenso wie seine Schwäche. Denn vor lauter Virtuosität im Umgang mit dem fremden Idiom – er selbst bleibt auf der Strecke bei diesem Werk, obwohl Schönheit und die Seinen herausholen, was herauszuholen ist. Dieser elegante Pomp rauscht in seiner Gekonntheit vorüber, ohne Herz oder Geist zu berühren.

Steife Repräsentationsmusik

Beim Original indes verhält sich dies nicht anders: Jean Baptiste Lully war in Musikfragen allmächtig im Frankreich des Sonnenkönigs. Sein Klang war Gesetz, und an ihm kam Marc-Antoine Charpentier, dessen Te Deum das Bachfest 2019 eröffnete, nicht vorbei. Dabei ist das Schwesterwerk des gefeierten Italieners Lully weitaus weniger überzeugend. Schönheit, die Solisten, das Orchester und das hier wirklich zu klein besetzte Collegium vocale präsentieren eine höfische Repräsentationsmusik, deren Pathos so hohl ist wie das Protokoll steif war.

Entdecker-Engagement

So war das wohl seinerzeit bei Hofe: Nach außen auf äußersten Prunk angelegt, darunter egal. Wie der Sonnenkönig, der, wie Zeitzeugen unisono berichten, unter seinen Staatsgewändern erbärmlich gestunken hat. Dazu passt Lullys Te Deum. Er ließ es auf eigene Kosten von 150 (!) Musikern aufführen, weil der König erfolgreich von einer Fistel am Hintern befreit wurde. Und rammte sich selbst bei der Aufführung des Werkes einen Stab in den Fuß. Die Wunde entzündete sich, an den Folgen starb der Sonnenkönig der Musik. Der Nachwelt hinterließ er zwar langatmige, aber grandiose Bühnenwerke. Das Te Deum dagegen macht auch das kompetente Entdecker-Engagement Michael Schönheits nicht substanzieller.

Den erheblichen Applaus dagegen ist es allemal wert. Denn auch im Umfeld eines internationalen Festivals müssen sich Collegium vocale, Merseburger Hofkapelle und die meisten der Solisten durchaus nicht verstecken.

Von Peter Korfmacher