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Kultur Regional Freundschaft, Liebe, Pferde: Über Klischees in Kinderbüchern
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20:42 22.03.2019
Archiv. Wolfgang Hölker, Verleger vom Coppenrath Verlag, sitzt in seinem Büro in Münster mit Puppen der Kinderbuch-Figuren Prinzessin Lillifee und Hase Felix auf dem Schoß und liest aus einem Kinderbuch Quelle: Friso Gentsch/ dpa
Leipzig.

Er ist ein wilder Pirat mit Schiff und Säbel, sie eine Feenprinzessin mit Schloss und Zauberstab. Er erlebt mit seiner Mannschaft Abenteuer auf hoher See, sie beschützt ihr Zuhause, das Zauberland Rosarien. Er wird von einem Papagei und einer Ratte begleitet, sie von einem Einhorn und einem Schweinchen namens Pupsi.

Zugegeben, Käpt’n Sharky und Prinzessin Lilifee, die beiden Aushängeschilder des Coppenrath-Verlags, sind Extrem-Beispiele. Selten werden Geschlechter-Stereotype so auf die Spitze getrieben. Trotzdem stehen die beiden Figuren exemplarisch dafür, dass es auf dem deutschen Kinder- und Jugendbuchmarkt noch immer zwei Lager gibt. Blau und Rosa stehen sie sich im Buchladen gegenüber, feinsäuberlich zugeschnitten auf die jeweilige Zielgruppe: den Macher und die Prinzessin. Figuren, die sich wunderbar vermarkten lassen.

Sie rettet Jungs und heiratet Mädchen – die neue Prinzessin

Dabei sind nicht die Farbklischees das eigentliche Problem – sondern die Inhalte, die damit verknüpft sind. Gezeigt hat das unter anderem ein Projekt der Süddeutschen Zeitung von 2019, das die Vergabe von Schlagwörtern in Kinderbüchern für Mädchen und Jungen systematisch ausgewertet hat. Dabei ist herausgekommen, dass männliche Protagonisten häufig auf Abenteuerfahrt ins Unbekannte gehen (Stichwort Freundschaft, Reise, Insel, Magie, Gefahr, Ausland), während weibliche Figuren eher im häuslichen und familiären Umfeld bleiben (Tier, Reiten, Ferien, Liebe, Prinzessin). Generell bieten Mädchenabenteuer, wenn sie denn stattfinden, wenig Abwechslung, es geht um Freundschaft, Liebe und Pferde.

Auch in Halle 2 der Buchmesse sind die Bücherhaufen mit den Piraten und Prinzessinnenfeen zu finden. „Vielen Eltern dient die Färbung schlicht als Entscheidungshilfe, auf der Suche nach Büchern für ihren Jungen oder ihr Mädchen, sagt Tina Seibert, die für die Stiftung Lesen vor Ort ist. Unglücklich sei das Ganze natürlich dann, wenn Mädchen keine starken Identifikationsfiguren für sich fänden. „Aber da passiert gerade auch ganz viel“, sagt sie und verweist auf Erzählungen wie „Die Prinzessin in der Tüte“ von Robert Munsch. „Hier haben wir zum Beispiel ein Mädchen in einer ganz klassischen Rolle, das dann aber anders handelt, als erwartet. Am Ende muss sie nämlich den Prinzen retten“. Ebenfalls neu sei die Vorstellung einer Prinzessin, die gar keinen männlichen Gegenpart wolle, sondern sich glatt in ein anderes Mädchen verliebe („Prinzessin Pompeline traut sich“).

Action und Liebe: Bedürfnis der Altersgruppe

Die Sache mit dem Gegenpart ist auch im Jugendbuch ein großes Thema. Hier werden Heldinnen gerade im Fantasybereich oft als unabhängige Frauenfiguren gezeichnet – um sie dann doch in die Arme eines mysteriösen Fremden-Krieger-Vampirs sinken zu lassen. Das zumindest suggerieren viele Klappentexte: Etwa, wenn die mutige Zera in „Heartless“ das Herz ihres Prinzen wortwörtlich stehlen muss, sich dann aber verliebt. Oder wenn die „junge Lichtmagierin Lucie“ in „Golden Darkness“ den geheimnisvollen Carwyn trifft. Oder oder oder.

„Das ist aber auch das Bedürfnis der Altersgruppe“, sagt Christine Kranz, die sich als Jurorin für den Leipziger Lesekompass und als Referentin für die Stiftung Lesen mit Jugendbuchliteratur auseinandersetzt. Für Jungs sei in der frühen Pubertät die Clique von großer Bedeutung. Für Mädchen gelte das auch – das Thema Liebe sei aber schon sehr präsent. „Die Verlage bedienen letztendlich das, was nachgefragt wird“. Als heikel empfinde sie das nur, wenn der Junge permanent als die stärkere Figur dargestellt werde. Die Emanzipation von Mädchenfiguren ist für sie sogar einer der Trends der Buchmesse 2019. Oft in Verbindung mit dystopischen Erzählungen und, ja doch, einer Liebesgeschichte. „Spätestens seit den ,Tributen von Panem’ ist das aktuell“, sagt Kranz und betont: „Am Ende entscheidet sich das Mädchen momentan tatsächlich oft gegen ein Zusammensein mit dem jeweiligen Jungen.“ Letztendlich liege ihr Hauptaugenmerk aber darauf, Jugendliche und Kinder überhaupt zum Buch und zum Lesen zu bringen. Denn – und das ist auch bei mehreren Podiumsdiskussionen Thema – ganze 19 Prozent der Viertklässler können laut der IGLU-Studie zur Lesekompetenz von 2016 in Deutschland Texte nicht richtig erfassen. „Da ist es weniger wichtig, was die Kinder lesen. Sondern, dass sie es überhaupt tun“, befindet Christine Kranz.

 

Von Hanna Gerwig

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