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Kultur Regional Frühe geistliche Musik von Puccini und späte von Verdi im ersten Zauber der Musik
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11:42 09.09.2019
MDR-Chor und Orchester unter der Leitung Domingo Hindoyans im Gewandhaus. Quelle: Andre Kempner
Leipzig

Nein, sie ist kein Meisterwerk, Giacomo Puccinis „Messa di Gloria“, mit der die MDR-Klangkörper am Sonntagabend im anständig besuchten Gewandhaus in die neue Saison starteten. Ab 1876 komponierte er sie, als 18-jähriger Eleve des provinziellen Konservatoriums in seiner Heimatstadt Lucca. Und weil er keineswegs ein Wunderkind war und überdies faul, kracht es bisweilen deutlich im Gebälk. Da holpert die Harmonik, stottert der Text, taumeln die Phrasen, und bisweilen mag man kaum glauben, dass er das alles ernstgenommen hat.

Unverfrorenheit der Effekte

Hat er wohl auch nicht. Aber diese knapp dreiviertelstündige Messe mit dem ausladenden Gloria, die mitten in der Rokoko-Tändelei des Agnus Dei einfach aufhört, ist immerhin ein radikaler katholischer Gegenentwurf zur protestantischen Kirchenmusik Johann Sebastian Bachs: Während der sich in seinen Kantaten, derweil er den Kreuzstab gerne tragen wollte, auf seinen Tod freute, ist die Messa di Gloria die pure Feier des Daseins, in der der spätere Opern-Großmeister durchaus schon seine Potenziale zeigt. Nicht nur, weil vieles in späteren Opern, in „Edgar“ und „Manon Lescaut“ zu weltlichen Ehren kam. Vom ersten Ton an und über alle Ungeschicklichkeiten hinweg reißt diese Messe mit ihrer naiven Frische die Zuhörer mit, mit der Kraft ihrer melodischen Erfindung, der Unverfrorenheit ihrer Effekte, dem schamlosen Zauber des Halbseidenen.

Qui-tollis-Brunft

Das alles funktioniert eigentlich immer. Denn die Anforderungen, die Puccini an Chor und Orchester in Lucca stellte, wo seine Vorfahren über Generationen das Kirchenmusikdirektorat als Erbpfründe weiterreichten, sind bodenständig – im Detail aber doch erheblich. Aus Unkenntnis eher als aus Bosheit. Und darum hat dieser faszinierende Erstling nicht weniger als die allerbesten Interpreten verdient. Den Chor des Mitteldeutschen Rundfunks beispielsweise, der vom ersten Kyrie über die Gloria-Unbeschwertheit, die Qui-tollis-Brunft, die Cum-sancto-Spiritu-Doppelfugen-Simulation, das Credo-Pathos hinweg nichts anbrennen lässt. Die Sängerinnen und Sänger nehmen, einstudiert von Denis Comtet, dieses entwaffnende Nichts ernst, laden es auf mit Sinnlichkeit, Schönheit, Freude – und werden dabei von einem Rundfunkorchester begleitet, das sich auch nichts vorwerfen lassen muss.

Freudvoller Lärm

Gewiss, der schlagtechnisch mit allen Wassern gewaschene Domingo Hindoyan geht beim Orchester auf Nummer sicher und verabsäumt es vielleicht darum, beim Wunder-Chor, noch näher an den Rand der Stille vorzudringen und noch weiter auf die weiten Felder des freudvollen Lärms. Aber auf weiten Strecken ist das Ergebnis besser als alles, was der Plattenmarkt zu bieten hat. Obschon die Solisten nicht wirklich überzeugen: Sung Min Songs Tenor klingt so sicher wie schön, aber blutleer, und Milan Siljanovs Bariton donkosakisch ungepflegt. Das dagegen klingt streckenweise sehr überzeugend, in den hohen Streichern um Konzertmeisterin Waltraud Wächter beispielsweise oder in den fabelhaften Hörnern – und im Zusammenspiel immer wieder auch.

Vier Meisterwerke

Verdis Quattro pezzo sacri sind ebenfalls kein Meisterwerk. Sie sind nicht ein Werk, sondern vier – vier Meisterwerke mithin. Während der jugendlich leichtsinnige Puccini in der Messa di Gloria noch vor Beginn seiner Karriere die Muskeln spielen ließ, zog der greise Verdi nach dem Ende seiner Opern-Laufbahn auch auf dem geistlichen Feld noch einmal die Summe seines Könnens. Nicht unähnlich den Bilanz-Sammlungen, die Bach am Ende seines Lebens zusammentrug, zur h-moll-Messe beispielsweise.

Summe persönlicher Fähigkeiten

Deren Dimensionen erreichen die vier geistlichen Stücke nicht. Das ist auch nicht ihr Anspruch. Verdi stand nicht die Summe einer Epoche im Sinn, sondern nur die seiner persönlichen Fähigkeiten. Und so spreizt sich diese knappe Dreiviertelstunde bemerkenswert weit auseinander: Da ist der so strenge wie kühne A-cappella-Satz des Ave Maria auf dem Fundament der scala enigmatica, der rätselhaften Tonleiter, die Verdi mit betörender Chromatik harmonisiert; da ist die motettische Wucht des Stabat mater, das mit kraftvollen Chor- und Orchesterfarben das Bild der Mutter Gottes unter dem Kreuz ihres Sohne zeigt; da ist der ätherische Frauenchor des Laudi alla Vergine Maria, der für die unvergleichlich schönen, schlichten, reinen und wahrhaftigen Verse Dante Alighieris die angemessenen Töne findet; da ist schließlich das monumentale Te Deum, das aus gregorianischen Zellen die Kraft der großen Oper gewinnt.

Präpotente Heiterkeit

Besser als der MDR-Chor es tut, ist dieser spirituelle Kosmos aus Tönen nicht mit Klang zu füllen, mit Substanz, mit Leben und Welt. Makellos ist auch die vokale Seite der Medaille nicht. Doch die winzigen Bläschen in Klang und Intonation stören nicht weiter, weil Hindoyan mit Verdis weisem Ernst noch mehr anzufangen weiß als mit Puccinis präpotenter Heiterkeit. Und weil er hier weitaus mehr abruft, vielleicht noch ernsthafter geprobt hat und überdies auch das Orchester von der Kraft der zwei Meisterwerke mitgerissen wird, bei denen es beteiligt ist, präsentiert der Saison-Auftakt die Klangkörper des Mitteldeutschen Rundfunks in guter Form.

Blaupause für die Zukunft

Diese Saison-Eröffnung hat das Zeug, als Blaupause für die Zukunft herzuhalten: Der Chor, mit dem der letzte Chefdirigent Kristjan Järvinichts anzufangen wusste und den sein letzter Chef Risto Joostals Vehikel für die eigene Orchester-Ambition missbrauchte, sollte viel häufiger im Zentrum der Programme stehen. Denn in der Chorsinfonik hat die Konkurrenz vokal diesem Weltklasse-Ensemble nichts entgegenzusetzen. Und wenn der nächste MDR-Orchesterchef mit diesem Schatz wieder nichts anzufangen weiß, dann ist den MDR-Klangkörpern nicht mehr zu helfen.

Die Aufzeichnung des Konzerts wird am 15. September ab 19.30 Uhr auf MDR Kultur übertragen ist dann eine Woche lang unter www.mdr-kultur.de abrufbar.

Von Peter Korfmacher

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