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Kultur Regional Genuss der Vielfalt – Ragna Schirmer spielt Clara Schumann an sieben Flügeln
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18:25 22.05.2019
Konzert mit Ragna Schirmer im Anatomie-Hörsaal. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Das erlebt auch Ragna Schirmer nicht alle Tage. Am Sonntag ein Ausflug ins idyllische Abtnaundorf, zu Pferd und mit Klavier, wo auch Clara Schumann Erholung fand, am Montag die programmgetreue Rekonstruktion jenes Konzertes, in dessen Rahmen Claras a-moll-Klavierkonzert erstmals erklang, und am Dienstag die Präsentation eines Großaufgebots historischen Instrumentariums.

Sieben verschiedene Flügel, vier davon zu Claras Schumanns Lebzeit erbaut, sind im Leipziger Anatomie-Hörsaal versammelt, vom Nachbau eines Walter-Pianofortes (1795) bis zum modernen Steinway D.

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Impulsgeberin für den Klavierbau

Ein erheblicher logistischer Aufwand, den der Verein „Leipziger Romantik“ da betrieben hat, um während seiner Festtage auf einen weniger beachteten Aspekt von Clara Wieck-Schumanns staunenswerter Karriere zu verweisen: Als Konzertpianistin wurde sie international gefeiert, als Impulsgeberin für den Klavierbau wird sie kaum wahrgenommen.

Dabei ließ sie bei der Auswahl ihres Arbeitsgerätes nichts dem Zufall: Auf Tourneen führte sie ihren eigenen Flügel mit, wechselte in Konzerten gern zwischen verschiedenen Instrumenten. Und bewies in Verhandlungen mit Klavierunternehmern den nötigen Geschäftssinn: Obwohl sie dem nuancenreichen Klang des Pleyel-Flügels den Vorzug gab, entschied sie sich bei einem Pariser Auftritt für ein Exemplar des Konkurrenten Erard, weil der ihr den besseren Werbevertrag anbot.

Klangliche Robustheit

Ragna Schirmer spielt dennoch zunächst Chopins cis-moll Walzer op. 64 und dessen erstes Impromptu auf einem Pleyel-Flügel des Jahres 1846. Silberhelle Diskantklänge und ein dezent schimmernder Bass zeichnen ihn aus. Vernehmbar anders klingen die um 1860 gefertigten Instrumente: Clara Schumanns Variationen op. 20 über ein Thema ihres Gatten auf einem Blüthner des Jahres 1857, Mendelssohns Rondo Capriccioso auf einem Fabrikat des Leipziger Instrumentenbauers Traugott Berndt und schließlich die von Clara eingerichtete Kurzfassung des Carnaval op. 9 auf einem Flügel, den ihr Cousin Wilhelm Wieck gebaut hat.

Ragna Schirmer in Leipzig. Quelle: André Kempner

Alle bestechen durch klangliche Robustheit, saalfüllendes Volumen und einen ansprechend singenden Ton, wie er über Jahrzehnte das Markenzeichen des Hauses Blüthner bilden sollte. Besonders freut es den Leipziger Klavier- und Cembalo-Bauer Matthias Arens, dass auch ein Broadwood-Flügel an diesem Abend zu hören ist.

Um 1803 ist der gebaut, und wenn man Beethovens Mondscheinsonate mit dem vom Komponisten eingeforderten durchgedrückten Pedal spielt, ergeben sich dank baulicher Eigenarten aparte una-corda-Effekte, die am modernen Klavier so nicht mehr möglich sind oder im diffusen Pedalnebel enden.

„Erste Klavierlehrerin“

Clara Schumann war übrigens die erste, die der Mondscheinsonate, heute ein Klassik-Evergreen, in Gänze vor Publikum spielte. Zuvor begnügte man sich mit Einzelsätzen daraus. Die Schumann-Expertin Claudia Forner informiert über einen aus Leipziger Perspektive wenige bekannte Seite der Biographie: Als Pianistin gilt sie nicht nur als Mutter des modernen Klavier-Rezitals, auch als Klavierprofessorin am Hoch’schen Konservatorium in Frankfurt am Main war ihr Wirken erfolg- wie folgenreich.

Dem bis heute gültigen Kanon der Klaviermusik, von Bach über Beethoven bis zu den großen Romantikern, hat die „Erste Klavierlehrerin“ der 1878 gegründeten Ausbildungsstätte entscheidend geprägt. Eine moderne Frau von zukunftsweisender Bedeutung. Deswegen soll der Abend auch dem Nachwuchs ein Podium bieten.

„Ihr Wesen“

Svenja Reis, geborene Leipzigerin, die ihre ersten kompositorischen Gehversuche bei Aristides Strongylis in der Musikvermittlung am Gewandhaus unternahm und mittlerweile an der Dresdner Musikhochschule studiert, darf sich mit einer Neukomposition vorstellen.

Keine Ehrfurcht, sondern Freude habe sie dabei gehabt, ein Stück zu komponieren, das von Ragna Schirmer aus der Taufe gehoben wird. Nur drei Vorgaben schrieb man ihr ins Aufgabenheft: Für Klavier sollte es sein, etwa zehn Minuten lang und sich mit Werk und Person auseinandersetzen.

Herausgekommen ist „Ihr Wesen“: freitonal schwebende Kantilenen ziehen sich durch das Stück, immer wieder scheinen Nocturne-Anleihen und Walzer-Reminiszenzen durch, unterbrochen von zerstäubenden Clusterklängen. Selbstverständlich spielt Ragna Schirmer das Stück am Steinway D. Die große Blüte des Klavierbaus, sie ist längst vorbei. Heute dominieren maximal eine Handvoll Global Player den Musikmarkt.

Umso schöner, einmal in den Genuss der einst bestehenden Vielfalt zu kommen. Und wenn es nur an einem Abend war.

Von Werner Kopfmüller

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