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Kultur Regional Gerhard Gundermanns zornige Melancholie
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17:00 20.06.2018
Liedermacher Gerhard Gundermann bei einem Auftritt 1993 in Cottbus. Er starb am 21. Juni 1998 an einem Hirnschlag. Quelle: dpa
Leipzig

Baggerfahrer. So wurde er immer genannt. Ein singender Baggerfahrer sei Gerhard Gundermann gewesen. Nicht dass er auf der Bühne schweres Gerät bedient hätte. Aber Gedanken. Die schon. Und zwar so, dass sie leichter wurden, und zu ertragen. Als Gundermann am 21. Juni 1998 in Spreetal starb, war er 43 Jahre alt.

Zuletzt hat er als Tischler gearbeitet. Denn nicht allein von seiner Musik zu leben, den Konzerten und Alben, war ihm wichtig. Gegen den Rat der Musiker-Kollegen von Silly, denen er das Album „Februar“ getextet hat, weil so wenig Schlaf kein Mensch lange aushalten kann. Gundermann hatte noch ganz anderes auszuhalten. Das kann man in seinen Liedern hören, in und zwischen den Zeilen lesen.

Zum 20.Todestag ist eine Ausgabe des „Poesiealbum“ erschienen, ausgewählt hat die Liedtexte Hans-Dieter Schütt, der 2006 im Dietz VerlagTankstelle für Verlierer: Gespräche mit Gerhard Gundermann. Eine Erinnerung“ veröffentlicht hat. Daraus sind Interview-Schnipsel eingestreut: „Gundi, dein größter Fehler? Nicht zu glauben, was ich weiß“.

Poesiealbum 338: Gerhard Gundermann. Auswahl Hans-Dieter Schütt. Märkischer Verlag; 30 Seiten, 5 Euro Quelle: Verlag

Bevor am 23. August Andreas Dresens Spielfilm „Gundermann“ in die Kinos kommt, erscheinen am 1. August im Ch. Links Verlag von Andreas Leusink herausgegebene Briefe, Dokumente, Interviews, Fotos und Erinnerungen, ihr Titel: „Gundermann.Von jedem Tag will ich was haben, was ich nicht vergesse“. Die Zeile stammt aus dem Lied „Männer und Frauen“ von der ersten LP „Männer, Frauen und Maschinen“ (1988): „Von jedem Tag will ich was haben/ was ich nicht vergesse/ ein Lachen, ein Sieg/ eine Träne, ein Schlag in die Fresse.“

Das war der Ton des Mannes, der am 21. Februar 1955 in Weimar geboren wurde, später in Hoyerswerda aufwuchs, Offizier werden wollte, wegen Renitenz exmatrikuliert wurde, in die SED eintrat und ausgeschlossen wurde wegen „prinzipieller Eigenwilligkeit, Nichteinfügen ins Kollektiv, Nichtverstehenwollen des Prinzips des demokratischen Zentralismus“. In dessen Wohnung ein Che-Guevara-Bild hing. Über den die Staatssicherheit eine Täter- und eine Opfer-Akte führte. Ab 1986 stand er als Liedermacher auf der Bühne – solo, mit der Brigade Feuerstein, der Seilschaft und den Wilderern.

Brachliegende Illusionen

Solo gab er sein letztes Konzert – in Krams. Am 14. Juni 1998, eine Woche vor seinem Tod. Der komplette Mitschnitt ist noch im gleichen Jahr unter dem Titel „Krams“ erschienen. Ein Doppelalbum einschließlich der oft etwas atemlos wirkenden Ansagen. Vor „Lancelots Zwischenbilanz“ (1988) spricht er über den 21. Juni, den Tag der Sommersonnenwende, „an dem die Sonne ihren höchsten Punkt erreicht hat, sie weiß, höher hinauf wird es nicht mehr gehen, und sie scheint im Zenit zu verweilen und zu überlegen, ob sie sich weiter, so wie jeden Tag, nach Westen bewegen soll und damit an ihrem eigenen Untergang arbeiten, oder ob sie vielleicht nach Norden ausweichen sollte oder nach Süden oder zurück in den Osten ...“

Auch im Leben eines Mannes gebe es so eine Art Sommersonnenwende: „Auf diesem Punkt mit der besten Übersicht ist ein Blick zurück manchmal der bessere Blick nach vorn.“

Freunde, Fans und Bekannte nahmen am 27. Juni 1998 auf dem Waldfriedhof in Hoyerswerda Abschied von Gerhard Gundermann. Quelle: dpa

Von den Verlusten, die er erlitten und noch zu erleiden hatte, sang Gundermann in zorniger Melancholie, mit der er neues Denken und altes Fühlen zu einem Soundtrack der Brüche vertont hat. Das war sein Heimatbegriff, der vielen vertraut schien. Der von geschundener Erde wusste, von brachliegenden Illusionen, über die ein Wind geht, der von den Fragen erzählt, wie ein Leben gelingen könnte oder sollte. Die Lieder erzählen von Fehlbarkeit, vom Tanz auf Messers Schneide, emotionalen Scharmützeln und ökologischen, vom Beharren auf Herkunft. „Alle wissen wo’s langgeht/ aber keiner weiß warum.“

Jeans, Zopf, Fleischerhemd – das war das Bild von Gundermann. 1995 fiel ein Schatten darauf: dass er von 1976 bis 1982 als IM der Staatssicherheit berichtet hat. Schwer zu verstehen. „Ich weigere mich, mein Versagen nun für alle Zeiten instrumentalisieren zu lassen“, hat Gundermann in einem Interview mit der „Lausitzer Rundschau“ gesagt. „Ich hab’ diesem System vertraut. So ein Urvertrauen muss doch jeder Mensch haben. Meine eigenen Maßstäbe haben sich wie bei jedem Menschen erst mit der Zeit entwickelt. Das hat eine Weile gedauert. Aber dann habe ich meine Konsequenzen gezogen.“

„Nach dieser Sache hat Gerhard keine Zukunft mehr im Westen“, wurde seine Managerin 1995 in der „Zeit“ zitiert. Ob er die wirklich gehabt hätte ... Den hinterher Klugen kann kein Vorher recht sein, zumal es einfacher ist, Melodien mitzusummen, als sich mit Widersprüchlichem auseinanderzusetzen.

Keine Zeit mehr

Vielschichtigkeit und Zerrissenheit prägen Gundermanns Biographie und seine Lieder. Daraus hat er die Texte geschält. „Und wenn ich nicht mal mehr liegen kann/, dann/ fang ich eben wieder an zu fliegen“, singt er in „Dickes Ende“ auf dem Album „Einsame Spitze“ (1992). Auf „Der 7te Samurai“ (1993) findet sich die „Sehnsucht nach dem Rattenfänger“, und auf „Frühstück für immer“ (1995) hat er „keine Zeit mehr, im Spalier herumzustehn/ und im Refrain/ ein bisschen mitzusingen,/ und all den Bescheidwissern/ hinterherzugehn/ und jeden Tag nach meiner Wurst zu springen“.

Das letzte Studioalbum kam 1997 heraus: „Engel über dem Revier“ hieß es, eine Sammlung von Abschieden war es. „Seht, wie die Engel sich am sauberen Himmel drängeln über dem Revier/ sie müssen fort inne andre Welt, einen anderen Ort, so wie viele hier/ so wie wir.“

Gerhard Gundermanns Lieder werden von anderen weitergetragen. Der Wind, hat er gesagt, solle seine Grabrede halten.

Poesiealbum 338: Gerhard Gundermann. (Auswahl: Hans-Dieter Schütt) Märkischer Verlag; 30 Seiten, 5 Euro

Von Janina Fleischer

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