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Kultur Regional Gewandhausdirigent Andris Nelsons: „Das Rosental, das ist Leipzig“
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„Zu den Konzerten entwickelt dieser Ort eine eigene Magie“: Andris Nelsons im Rosental. Quelle: Stev Wackerhagen
Leipzig

Am Freitag und Samstag bittet das Gewandhausorchester wieder zu zwei Open-Air-Konzerten ins Leipziger Rosental. Am Pult: Andris Nelsons, der 21. Gewandhauskapellmeister, der mit diesen beiden Abenden seine erste Leipziger Amtszeit beendet. Peter Korfmacher sprach mit ihm.

Sie dirigieren im Rosental viel Filmmusik von John Williams – warum?

Zunächst einmal, weil es fantastisch gute Musik ist.

Und dann?

Ich war ja vor zwei Jahren als Zuhörer im Rosental und muss sagen: Die Atmosphäre hat mich beinahe umgehauen.

Aber Open-Air-Konzerte sind nichts Besonderes für Sie, Sie haben auf der Waldbühne in Berlin dirigiert, regelmäßig in Tanglewood …

… Tanglewood ist ein gutes Stichwort, dort ist es ähnlich besonders wie in Leipzig.

Und auf der Waldbühne nicht?

Nein. Dort ist es schön, die Stimmung ist gut, es ist ein wunderbarer Ort. Aber die Waldbühne ist nicht Berlin. Tanglewood dagegen, das ist Boston. Und das Rosental, das ist Leipzig.

Das müssen Sie erklären.

Wenn man durchs Rosental spaziert, ist das einfach eine grüne Oase mitten in der Stadt. Aber zu den Konzerten entwickelt dieser Ort eine eigene Magie. Dann ist ganz Leipzig versammelt, sitzt der Direktor neben dem Angestellten, spielen Hierarchien keine Rollen. Natürlich geht es auch hier ums Vergnügen. Dennoch liegt ein gespannter Ernst in der Luft, echtes Interesse an der Musik. Das ist gelebte Kultur-Demokratie. Es fühlt sich toll an, dass wir als Gewandhausorchester an diesem Ort allen Leipzigern etwas zurückgeben können. Und darum habe ich vor zwei Jahren schon darüber nachgedacht, welches Programm hier am besten funktioniert.

Und sind dann zur Filmmusik von John Williams gekommen. Was macht die so gut, dass sie ohne Film im Konzert funktioniert.

Das tut sie gar nicht.

Nein?

Nein. Diese Musik ist so stark, hat sich so tief im Bewusstsein festgesetzt, dass sie die Filme selbst mitbringt. Wenn Sie Star Wars hören oder E.T. oder Superman oder Schindlers Liste oder Der Soldat James Ryan, dann haben Sie doch sofort die Bilder im Kopf. Und das, obwohl diese Musik gar nicht effekthaschend ist, auftrumpfend oder angeberisch. Sie ist wie John Williams selbst.

Sie kennen ihn ganz gut – wie ist er denn?

Ein feiner, bescheidener, freundlicher alter Herr. Der sich als Komponist als Handwerker sieht – als einer, der sein Handwerk perfekt beherrscht. Er komponiert ganz altmodisch am Klavier und schreibt mit Bleistift auf Papier. Und ich glaube, dass man diese Sorgfalt seinen Partituren auch anhört. Er komponiert auf sehr hohem Niveau – sehr amerikanisch, aber nicht oberflächlich. Und seine Musik passt perfekt zur Akustik eines Open-Air-Konzerts. Zu filigrane, zu komplexe Musik würde im Rosental nicht funktionieren.

Sie haben im letzten Jahr mit ihm gemeinsam in Tanglewood musiziert, er hat dirigiert, und Sie haben die Solo-Trompete gespielt …

… und ich war so was von nervös. Ich bin es gewohnt, mit Komponisten zu arbeiten – aber als Dirigent. Und wenn dann ein großer Komponist als Dirigent am Pult steht, und man selbst ist der Solist, das ist schon ziemlich aufregend. Zumal ich ja nicht wirklich ein Solist bin. Es war mehr ein Spaß.

Haben Sie nicht darüber nachgedacht, John Williams auch ins Rosental zu holen?

Doch haben wir, wir haben ihn kontaktiert, und er war auch interessiert. Aber die Entfernung war dann doch zu groß – er lebt ja in Los Angeles. Und da er gerade an einer neuen Film-Partitur arbeitet, wollte er nicht zu viel Zeit verlieren.

Die Konzerte im Rosental beenden Ihre erste Saison als Gewandhauskapellmeister. Wie war die für Sie?

Es war nur eine halbe – aber eine sehr intensive halbe. Der erste Monat, die Festwochen nach der Amtseinführung, die zweite Arbeitsperiode, die große Europa-Tournee, jetzt noch einmal die beiden Großen Concerte der letzten Woche und die Rosental-Konzerte – das ist schon eine Menge Holz.

Also war Ihre erste Halbsaison vor allem anstrengend für Sie?

Nein, gar nicht. Die Zeit ist wie im Fluge vergangen und hat mich vor allem dankbar gemacht. Dankbar dem Orchester gegenüber, das wirklich fantastisch spielt. Und dankbar dem Publikum gegenüber, das mich mit so viel Wärme und Neugier begrüßt hat. Dabei haben wir ja auch viel Neue Musik gespielt.

Bei Ihnen hat das mit der Neuen Musik gut funktioniert. Ihnen scheint das Publikum zu vertrauen. Bei manchem Gastdirigenten mit Neuerem sah das anders aus.

Ja. Und daran müssen wir arbeiten.

Wie glauben Sie das beeinflussen zu können?

Indem wir versuchen, das Publikum dazu zu bringen, auch Gastdirigenten mit dem gleichen Vertrauen zu begegnen. Das kann gelingen, indem wir die Zusammenarbeit mit den Dirigenten, die immer wiederkommen, die das Publikum kennt und schätzt, auch verstärkt auf Neue Musik ausdehnen. Wobei wir die Arbeit mit Gewandhaus-Debütanten nicht vernachlässigen dürfen.

Warum?

Weil Debüts immer Chancen bieten. Dem Gastdirigenten die Chance, mit dem fabelhaften Gewandhaus-Orchester zusammenzuarbeiten. Dem Gewandhausorchester die Chance, neue Sichten, neue Gedanken, auch neues Repertoire kennenzulernen. Und dem Publikum auch.

Gerade lief die erste Boston-Woche, im September schon steht die zweite an, die erste Leipzig-Woche in Boston ist bereits Geschichte. Wie sieht es mit dem Musikeraustausch aus?

Der ist noch nicht angelaufen, weil es noch immer komplizierte vor allem arbeitsrechtliche und steuerliche Fragen zu klären gilt.

Gibt es denn Interesse?

Ja ein riesengroßes. Es gibt deutlich mehr Interessenten, als wir Tausch-Stellen anbieten können, es wird also eine Warteliste geben müssen.

Was versprechen sich die Musiker davon?

Für die Bostoner ist es ungeheuer aufregend, die Wurzeln der Tradition kennenzulernen, in der sie selbst stehen. Denn in den ersten Jahren des Boston Symphony Orchestra waren die Beziehungen zwischen ihm und dem Gewandhaus extrem eng: Artur Nikisch war, wie ich, auf beiden Seiten des Atlantiks Chef, und das zweite Gewandhaus stand für die Boston Symphony Hall Modell.

Und was können die Leipziger in Boston lernen?

Zum Beispiel die Arbeit des Boston Pops Orchestra mit seinem völlig anders gearteten sogenannten leichten Repertoire, die einzigartige Atmosphäre und den Geist von Tanglewood. Und den etwas anders und enger getakteten Probenrhythmus US-amerikanischer Orchester.

Konzerte des Gewandhausorchesters im Rosental: Freitag, 29. Juni, 20 Uhr: Andris Nelsons dirigiert Filmmusiken von John Williams und Werke von George Gershwin; Samstag, 30. Juni: Ravels G-Dur-Klavierkonzert und Filmmusiken von John Williams. Solist ist an beiden Abenden der Pianist Jean-Yves Thibaudet. Der Eintritt ist frei.

Von Peter Korfmacher

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